{"id":71336,"date":"2026-02-11T05:00:26","date_gmt":"2026-02-11T04:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=71336"},"modified":"2026-02-11T17:12:26","modified_gmt":"2026-02-11T16:12:26","slug":"die-gedanken-sind-frei-achten-wir-auf-worte-und-begriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-gedanken-sind-frei-achten-wir-auf-worte-und-begriffe\/","title":{"rendered":"Die Gedanken sind frei: Achten wir auf Worte und Begriffe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Januar ist vergangen, und mit ihm die Zeit, in der wir in besonderer Weise an die Ereignisse der Trag\u00f6die des Jahres 1945 erinnern. In unserer Region hat sich f\u00fcr das, was mit dem Einmarsch der Sowjets in die Grenzen des Dritten Reiches begann, der Begriff \u201eOberschlesische Trag\u00f6die\u201c eingeb\u00fcrgert. Es ist eine Zeit schwieriger Reflexionen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck bewahren wir in meiner Familie eher die Erinnerung an die Flucht ins Innere Deutschlands als an Massaker, Vergewaltigungen, Nachkriegslager oder Deportationen, die jene trafen, die in Schlesien geblieben waren. Wissen \u00fcber diese Zeit erwerbe ich seit meiner Kindheit durch Begegnungen mit Zeitzeugen sowie durch die Lekt\u00fcre von Erinnerungen und wissenschaftlichen Arbeiten. Nicht unkritisch \u2013 und nicht nur bei uns. Wissen, das zun\u00e4chst verboten und deshalb verborgen war, begann, als es schlie\u00dflich frei wurde, subjektiv interpretiert, manipuliert und f\u00fcr unterschiedliche Zwecke genutzt zu werden \u2013 und ist es bis heute. Je weniger Zeitzeugen, desto mehr. Schon der Begriff der Oberschlesischen Trag\u00f6die definiert nicht, womit wir es tats\u00e4chlich zu tun haben. Denn \u2026 nur in Schlesien, und dann auch nur in seinem \u00f6stlichen Teil? Jeder Historiker wei\u00df, dass dem nicht so ist, denn alles, dessen wir in Lamsdorf, Radzionkau, Zgoda und vielen anderen oberschlesischen D\u00f6rfern und St\u00e4dten gedenken, geschah \u00fcberall dort, wo die vorr\u00fcckende Rote Armee auf deutsche Zivilbev\u00f6lkerung traf.<\/p>\n<div id=\"attachment_71343\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-71343\" class=\"wp-image-71343 size-large\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Bernard-Gaida_KW38-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-71343\" class=\"wp-caption-text\">Bernard Gaida.<br \/>Foto: AGDM<\/p><\/div>\n<p>Ihre \u00fcber Jahre gewachsene Grausamkeit setzte sich in der zivilen Verwaltung fort. Deportationen und Internierungen in Nachkriegslagern betrafen auch Deutsche, die nicht rechtzeitig aus Ostpreu\u00dfen, Lodsch oder Pommern fliehen konnten, aber ebenso aus der Tschechoslowakei, Rum\u00e4nien oder Jugoslawien. Manche Regionen \u201ewaren Oberschlesien voraus\u201c, denn dort begann die Trag\u00f6die bereits 1944. Doch nirgendwo spricht man von einer ostpreu\u00dfischen, siebenb\u00fcrgischen, sudetendeutschen oder kroatischen Trag\u00f6die, sondern von der Trag\u00f6die der dortigen Deutschen und jener, die die Sieger zu Deutschen erkl\u00e4rten. Eine Ausstellung in Aussig an der Elbe tr\u00e4gt hierf\u00fcr den bezeichnenden und klaren Titel \u201eUnsere Deutschen\u201c. Die Diskriminierung alles Deutschen \u2013 in Menschen und L\u00e4ndern \u2013 dauerte nicht nur einige Jahre, sondern weitere Jahrzehnte. Sie ver\u00e4nderte Schlesien.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Es schmerzt mich, wenn in Reden und Resolutionen inzwischen allgemein gesagt wird, die Opfer seien \u201eSchlesier und Deutsche\u201c gewesen. Und es geht nicht nur um die Reihenfolge, sondern darum, dass die Identit\u00e4t der Mehrheit der Opfer verf\u00e4lscht wird. Denn wer waren diese Deutschen, wenn nicht gerade Schlesier?<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich r\u00e4ume ein, dass der Begriff der Oberschlesischen Trag\u00f6die dank seiner Unsch\u00e4rfe eine positive und wichtige Rolle erf\u00fcllt hat, da er zur Verbreitung des Themas im gesellschaftlichen Bewusstsein beitrug und den Widerstand polnischer Politiker, Kommunalvertreter und der \u00f6ffentlichen Meinung umging. Nicht entgangen ist ihm jedoch die Tendenz zur \u201epolitischen Korrektheit\u201c. Dadurch verfestigt sich mit jedem Jahr zunehmend ein \u201ekorrektes\u201c, jedoch verzerrtes Bild jener Zeit und jener Menschen.<\/p>\n<p>Schmerzlich ist f\u00fcr mich nicht nur die Rhetorik, die nahelegt, die Lager seien nach dem Krieg f\u00fcr Schlesier geschaffen worden. Dabei stellt das IPN klar, dass sie f\u00fcr Deutsche errichtet wurden, und das Zentrale Museum der Kriegsgefangenen in Lamsdorf schreibt \u00fcber das dortige Nachkriegslager: \u201eEs war eines von vielen Lagern, die die polnische Verwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg in Schlesien f\u00fcr die deutsche Bev\u00f6lkerung organisierte.\u201c Bei uns ist diese deutsche Bev\u00f6lkerung eben die schlesische. Daran \u00e4ndert auch nichts, dass dort ebenso Schlesier interniert wurden, die sich nicht als Deutsche verstanden. Es schmerzt mich, wenn in Reden und Resolutionen inzwischen allgemein gesagt wird, die Opfer seien \u201eSchlesier und Deutsche\u201c gewesen. Und es geht nicht nur um die Reihenfolge, sondern darum, dass die Identit\u00e4t der Mehrheit der Opfer verf\u00e4lscht wird. Denn wer waren diese Deutschen, wenn nicht gerade Schlesier? Das ist nicht nur eine Wortverbindung aus zwei Begriffen. Es bedeutet, ihnen jene Schlesischkeit zu nehmen, die in keinerlei Widerspruch zu ihrem Deutschsein stand \u2013 so wie es sich auch bei vielen ihrer Enkel unterscheidet. So war Schlesien: Die Opfer identifizierten sich in hohem Ma\u00dfe sowohl mit ihrer schlesischen Heimat als auch mit dem deutschen Vaterland.<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstliche Aufspaltung dieser koh\u00e4renten, spezifisch schlesischen Identit\u00e4t nimmt vielen Menschen einen Teil ihrer Pers\u00f6nlichkeit und raubt der Schlesischkeit einen gro\u00dfen Reichtum \u2013 auch heute. Diese Erz\u00e4hlweise schmerzt mich pers\u00f6nlich, weil ich mich f\u00fchle, als wolle man mir etwas wegnehmen, da ich beides zugleich bin. Es wundert mich nicht, wenn Polen so sprechen, f\u00fcr die ein Deutscher jemand Fremdes ist; es wundert mich jedoch, wenn Schlesier so sprechen, insbesondere Mitglieder der deutschen Minderheit. Wird die politische Aktivit\u00e4t der deutschen Minderheit unter dem Zeichen der Schlesischen Selbstverwaltungen diese Tendenz noch verst\u00e4rken? Hoffentlich \u00fcberzeugt sie die Bewohner vielmehr davon, dass es keinen Widerspruch zwischen Schlesischkeit und Deutschsein gibt, dass die deutsche nationale Option hier weder fremd noch \u00e4u\u00dferlich ist und dass das deutsche kulturelle, historische Erbe sowie die Sprache seit Jahrhunderten auf nat\u00fcrliche Weise zu Schlesien und zur Schlesischkeit geh\u00f6ren. Vielleicht sollte man zur alten Bezeichnung \u201eSchlesier deutscher Option\u201c zur\u00fcckkehren? Unsere Politiker d\u00fcrfen nicht einfach mit dem Strom schwimmen. Man muss aktiv darauf achten, dass Begriffe und Worte weder das Verst\u00e4ndnis der schwierigen Geschichte noch die heutige Realit\u00e4t verzerren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Bernard Gaida<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Januar ist vergangen, und mit ihm die Zeit, in der wir in besonderer Weise an die Ereignisse der Trag\u00f6die des Jahres 1945 erinnern. In unserer Region hat sich f\u00fcr das, was mit dem Einmarsch der Sowjets in die Grenzen des Dritten Reiches begann, der Begriff \u201eOberschlesische Trag\u00f6die\u201c eingeb\u00fcrgert. 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