{"id":71269,"date":"2026-02-05T05:04:07","date_gmt":"2026-02-05T04:04:07","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=71269"},"modified":"2026-02-13T14:20:49","modified_gmt":"2026-02-13T13:20:49","slug":"interview-mit-ilyas-zivana-in-unserer-arbeit-geht-es-immer-noch-um-vergangenheitsbewaeltigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/interview-mit-ilyas-zivana-in-unserer-arbeit-geht-es-immer-noch-um-vergangenheitsbewaeltigung\/","title":{"rendered":"\u201eIn unserer Arbeit geht es immer noch um Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>Interview mit Ilyas Zivana<\/h1>\n<p><strong>Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu st\u00e4rken. Wir sprechen mit den Entsandten \u00fcber ihre Aufgaben, Ziele und Beweggr\u00fcnde f\u00fcr diese interkulturelle T\u00e4tigkeit. Mit Ilyas Zivana, Kulturmanager <\/strong><strong>bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik<\/strong><strong>, sprach Mauro Oliveira.<\/strong><!--more--><\/p>\n<h3>Ilyas du bist ifa-Kulturmanager bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, mit Sitz in Prag. Wie lange lebst du schon in Prag?<\/h3>\n<p>In Prag bin ich seit September 2019, also seit \u00fcber f\u00fcnf Jahren mittlerweile. Ich bin zum Studium hergezogen. Ich habe Interkulturelle Kommunikation und Translation Tschechisch\u2013Deutsch in Leipzig studiert, und das war ein Double Degree. Das hei\u00dft, wir waren an zwei Unis gleichzeitig immatrikuliert, haben zwei Jahre in Leipzig studiert und das dritte Bachelorjahr dann an der Partneruniversit\u00e4t in Prag verbracht.<br \/>\nIn diesem Jahr begann die Pandemie. So kam es, dass ich danach noch in Prag bleiben wollte. Deshalb habe ich mich dann noch f\u00fcr einen Master an der Karls-Universit\u00e4t eingeschrieben; dort habe ich dann noch zwei Jahre \u00dcbersetzen und Dolmetschen Deutsch\u2013Tschechisch studiert.<\/p>\n<h3>Wie bist du dann zum ifa gekommen?<\/h3>\n<p>Ich habe einfach einen Job gesucht. Und obwohl ich Deutsch\u2013Tschechisch studiert habe \u2013 das waren auch Kulturstudien \u2013 ist uns eigentlich die deutsche Minderheit im Studium nie begegnet. Im ersten Semester, bei einer Lesung auf einer Buchmesse in Leipzig, habe ich einmal auf einem St\u00e4nder das LandesEcho liegen sehen. Das war alles. Man m\u00fcsste eigentlich viel mehr Werbung f\u00fcr die deutsche Minderheit machen, auch im akademischen Kontext.<\/p>\n<div id=\"attachment_71273\" style=\"width: 762px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-71273\" class=\" wp-image-71273\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"752\" height=\"501\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Zivana_Ilyas_@ifa_by-B_Pritzkuleit.jpg 1800w\" sizes=\"auto, (max-width: 752px) 100vw, 752px\" \/><p id=\"caption-attachment-71273\" class=\"wp-caption-text\">Ilyas Zivana arbeitet in Prag als Kulturmanager bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik.<br \/>Foto: ifa\/B.Pritzkuleit<\/p><\/div>\n<h3>Die Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik ist die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Tschechien. Was sind denn deine Aufgaben dort?<\/h3>\n<p>Grunds\u00e4tzlich handelt es sich um Projektarbeit. Das hei\u00dft, wir denken uns Projekte aus, planen sie, beantragen sie, setzen sie um und rechnen sie ab. Ab und an schreibe ich auch Texte, die ich dann zum Beispiel beim LandesEcho ver\u00f6ffentlichen kann. Das macht auch Spa\u00df, wenn man gerne schreibt.<br \/>\nMan f\u00e4hrt zu den Verb\u00e4nden. Dadurch, dass wir nicht in den Regionen sind, sondern zentral in Prag, ist das ein bisschen weiter. Deshalb besuchen wir dann vielleicht einmal im Monat einen anderen Ort.<\/p>\n<h3>Finden deine Projekte haupts\u00e4chlich in Prag statt?<\/h3>\n<p>Genau, ich habe meine pers\u00f6nlichen Projekte immer mehr so geplant, dass sie in Prag sind oder dass sie dezentral funktionieren, also auch online stattfinden. Wir hatten zum Beispiel einen Fotowettbewerb, der sehr gut dezentral funktionierte.<\/p>\n<p>Bei dem Fu\u00dfballprojekt vor einem Jahr war das ein bisschen schwieriger. Wir wollten eine Mannschaft zusammenstellen von Deutschen aus ganz Tschechien. F\u00fcr Leute, die zum Beispiel in M\u00e4hren wohnen, ist es dann aber schwierig, wenn sie drei Stunden zum Training fahren m\u00fcssten. Es gab eine Person, die hat das gemacht, aber der Rest der Leute kam aus dem Gro\u00dfraum Prag.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">\u201eAus meiner eigenen Familiengeschichte kenne ich die Folgen kultureller Br\u00fcche, denn mein Vater stammt aus Istanbul. Ostthrakien, also der europ\u00e4ische Teil der T\u00fcrkei, war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein multinational gepr\u00e4gt. Durch die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts ist kulturell, wie ich finde, viel kaputt gegangen.\u201c<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Was war das f\u00fcr ein Projekt?<\/h3>\n<p>Das war mein Lieblingsprojekt.<br \/>\nParallel zur Fu\u00dfball-Europameisterschaft der Herren findet alle vier Jahre die Europameisterschaft der nationalen Minderheiten statt, die sogenannte Europeada. Die habe ich tats\u00e4chlich auch schon vor meiner Zeit hier verfolgt. Und als dann vor zwei Jahren die Anmeldephase losging, kam die Idee auf, daran teilzunehmen.<br \/>\nDas war bisher mein gr\u00f6\u00dftes Projekt. Vom organisatorischen Aufwand her war es sogar gr\u00f6\u00dfer als das Sommercamp, das ich dieses Jahr mitorganisiert habe.<\/p>\n<h3>Wie lief das Fu\u00dfballprojekt ab?<\/h3>\n<p>Wir waren ein Organisationsteam von drei Leuten: einmal ich, dann ein Trainer, der auch beim DFC Prag, dem Deutschen Fu\u00dfballclub Prag, t\u00e4tig ist. Er war nur f\u00fcr den sportlichen Bereich \u2013 also Trainingsorganisation, Spielerauswahl und \u00e4hnliches \u2013 zust\u00e4ndig. Der Dritte war ein Sporthistoriker, der eine beratende Funktion \u00fcbernahm.<br \/>\nStattgefunden hat das Turnier letztes Jahr in Deutschland und in D\u00e4nemark. Das hatte f\u00fcr uns den Vorteil, dass wir dann auch Gelder beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds beantragen konnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_71275\" style=\"width: 771px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-71275\" class=\" wp-image-71275\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"761\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/ALZ_8329-uprC-2-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 761px) 100vw, 761px\" \/><p id=\"caption-attachment-71275\" class=\"wp-caption-text\">2024 organisierte Ilyas Zivana die Teilnahme des Teams aus Tschechien bei der Europeada, der Europameisterschaft der nationalen Minderheiten. Er stand als Spieler auch selbst auf dem Platz.<br \/>Foto: Al\u017eb\u011bta Bart\u00e1kov\u00e1<\/p><\/div>\n<p>Zehn Tage lang spielten 24 M\u00e4nner- und zehn Frauenteams aus europ\u00e4ischen Minderheiten gegeneinander. Mein Ziel war eigentlich, in der oberen H\u00e4lfte zu landen. Unsere Mannschaft hat dann den 14. Platz von 24 belegt. Das war f\u00fcr uns trotzdem ein Erfolg, denn einige der anderen Mannschaften spielen sehr guten Fu\u00dfball.<\/p>\n<h3>Was m\u00f6chtest du denn mit deiner Arbeit erreichen? Was denkst du, welche Wirkung du mit deinen Projekten erzielen kannst?<\/h3>\n<p>In unserer Arbeit hier geht es immer noch viel um Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, obwohl Tschechien da schon sehr weit ist.<br \/>\nAus meiner eigenen Familiengeschichte kenne ich die Folgen kultureller Br\u00fcche, denn mein Vater stammt aus Istanbul. Ostthrakien, also\u00a0der europ\u00e4ische Teil\u00a0der T\u00fcrkei,\u00a0war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein\u00a0multinational gepr\u00e4gt. Durch die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts ist kulturell, wie ich finde, viel kaputt gegangen. Mit der Arbeit, die wir hier machen, k\u00f6nnen wir das deutsche Kulturgut ein bisschen herausstellen und die deutsche Sprache f\u00f6rdern.<\/p>\n<h3>Du lebst jetzt schon l\u00e4nger in Prag. Wie nimmst du die Stadt wahr, als jemand, der sie besser kennt, als wenn man als Touristin oder als Tourist dort ist?<\/h3>\n<p>Die Stadt wandelt sich. Und sie hat sich auch in meiner pers\u00f6nlichen Wahrnehmung gewandelt: von einem Touristenziel zu einem Studienort und dann letztlich auch zu der Stadt, in der man arbeitet.<br \/>\nAber gerade f\u00fcr kulturinteressierte Menschen, junge Leute, Studierende ist es eine super Stadt. Sie ist das kulturelle Zentrum der tschechischen Gesellschaft und gleichzeitig auch sehr international.<br \/>\nEs gibt viele Konzerte und Ausstellungen und viele kleine Initiativen, die ihren Reiz haben.<br \/>\nNat\u00fcrlich hat Prag auch seine Schattenseiten. Vielen Einwohnern machen die steigenden Lebenshaltungskosten und der angespannte Wohnungsmarkt zu schaffen.<\/p>\n<h3>Gibt es auch deutschsprachige Kulturveranstaltungen?<\/h3>\n<p>Ja, eine ganze Menge. Neben dem, was wir selbst anbieten, gibt es Veranstaltungen, die vom Goethe-Institut oder von der Botschaft organisiert werden. Es gibt jedes Jahr das deutschsprachige Filmfestival. Dieses findet in Prag, aber auch in Br\u00fcnn, in Olm\u00fctz und auch in Aussig statt. Dann gibt es das deutschsprachige Theaterfestival, bei dem Ensembles aus Deutschland hier an den Theatern spielen. Wer sucht, findet hier das ganze Jahr \u00fcber deutschsprachige Kultur.<\/p>\n<h3>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Ilyas Zivana Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu st\u00e4rken. 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