{"id":71026,"date":"2025-08-15T17:00:45","date_gmt":"2025-08-15T15:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/bucher-des-vdg-grunowen-oder-das-vergangene-leben\/"},"modified":"2025-08-15T17:00:45","modified_gmt":"2025-08-15T15:00:45","slug":"bucher-des-vdg-grunowen-oder-das-vergangene-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/bucher-des-vdg-grunowen-oder-das-vergangene-leben\/","title":{"rendered":"B\u00fccher des VdG: \u201eGrunowen oder Das vergangene Leben\u201c"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Roman \u00fcber die R\u00fcckkehr \u2013 und das, was sich nicht zur\u00fcckholen l\u00e4sst<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Arno Surminskis Roman \u201eGrunowen oder Das vergangene Leben\u201c ist mehr als eine nostalgische R\u00fcckschau \u2013 er ist ein vielschichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der ostpreu\u00dfischen Nachkriegsgeschichte. Im Mittelpunkt steht die Reise zweier M\u00e4nner, Felix Malotka und Werner Tolksdorf, die in der R\u00fcckkehr in das ehemalige ostpreu\u00dfische Grunowen nicht nur ihre pers\u00f6nliche Vergangenheit aufleben lassen, sondern sich auch mit kollektiven Erinnerungen, Verlusten und offenen Wunden konfrontieren.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Einladung zur Erinnerung \u2013 Handlung und Hintergrund<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman beginnt mit einer Einladung: Felix Malotka, ehemaliger Kutscher auf einem ostpreu\u00dfischen Gut, feiert in der L\u00fcneburger Heide seinen 80. Geburtstag. Eingeladen sind Menschen, die einst mit ihm in Grunowen lebten \u2013 darunter auch Werner Tolksdorf, Jurist im Ruhestand und Sohn des damaligen Gutsbesitzers. Die Feier wird zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine gedankliche und schlie\u00dflich reale R\u00fcckkehr in die verlorene Heimat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fahrt, auf die sich Malotka und Tolksdorf nach der Feier begeben, f\u00fchrt sie durch Masuren \u2013 zu Orten, Erinnerungen und Fragen. Es ist keine reine Spurensuche, sondern eine Konfrontation mit dem, was \u00fcber Jahrzehnte verdr\u00e4ngt oder vergessen wurde. Die Auseinandersetzung wird dabei nicht nur geographisch, sondern vor allem innerlich bedeutsam \u2013 ein Nachdenken \u00fcber Geschichte, Identit\u00e4t und den eigenen Lebensweg.<\/p>\n<div id=\"attachment_63997\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63997\" class=\"size-full wp-image-63997\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1.jpeg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1-225x300.jpeg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00022_11zon-scaled-1-1536x2048.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-63997\" class=\"wp-caption-text\">Surminskis \u201eGrunowen\u201c ist ein leiser, eindringlicher Roman \u00fcber die R\u00fcckkehr in eine verlorene Heimat und die Kraft der Erinnerung im Angesicht des unwiederbringlich Vergangenen.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<p><strong style=\"color: #222222; font-family: Oswald, sans-serif; font-size: 2.074rem; text-align: justify;\">Erinnerung als Lebensform \u2013 was war, bleibt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide M\u00e4nner bringen unterschiedliche Perspektiven mit: F\u00fcr Tolksdorf steht der Konflikt mit dem eigenen Vater und die pers\u00f6nliche Vergangenheit im Vordergrund. F\u00fcr Malotka hingegen sind es gr\u00f6\u00dfere Themen wie Geschichte, Heimatverlust und Verg\u00e4nglichkeit, die ihn besch\u00e4ftigen. In einem Satz fasst er seine Haltung zusammen: \u201eWir k\u00f6nnen uns kein neues Leben machen, deshalb leben wir das vergangene nach, erinnern und wiederholen es.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begegnungen auf der Reise ver\u00e4ndern beide \u2013 nicht nur durch das, was sie sehen, sondern vor allem durch das, was sie erneut empfinden: \u201eAuch fahren wir nicht nur zur sonnigen Vergangenheit, uns wird auch viel Trauriges, das wir l\u00e4ngst vergessen haben, wieder begegnen. Eine sonderbare Reise, und wenn wir wiederkommen, sind wir andere Menschen.\u201c Tolksdorf best\u00e4tigt dies am Ende: \u201eIch komme nun doch als ein anderer heim.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Heimatliebe und politischer Ern\u00fcchterung<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders eindr\u00fccklich schildert Surminski die Geburtstagsfeier als Mikrokosmos unterschiedlicher Erinnerungshaltungen. W\u00e4hrend einige G\u00e4ste sich mit dem Verlust abgefunden haben, hoffen andere weiterhin auf eine R\u00fcckgewinnung Ostpreu\u00dfens. So \u00e4u\u00dfert ein Gast voller Ernst: \u201eUnd wenn sp\u00e4ter, vielleicht in hundert Jahren, Ostpreu\u00dfen wieder deutsch wird, brauchen wir Dokumente.\u201c Er zieht das Testament seines Vaters hervor, das das Grundst\u00fcck in Grunowen weitervererbt. Auch er selbst m\u00f6chte diesen Willen fortsetzen: \u201eDie Kette soll nicht rei\u00dfen, sie soll weitergereicht werden von Generation zu Generation. Wir geben nicht auf.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Ein bewegender Roman \u00fcber Flucht, Heimatverlust und das nie endende Echo der Vergangenheit.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tolksdorf hingegen distanziert sich von jeglichen politischen R\u00fcckforderungen. Ihm geht es nicht um Besitz oder R\u00fcckgabe, sondern um das, was innerlich bleibt \u2013 oder verschwindet: \u201e[\u2026] wenn ich diesen Menschen sage, dass mich Grunowen nichts angeht, dass mir die unverzichtbaren Anspr\u00fcche nichts bedeuten, mein Haus \u00fcber der Stadt wichtiger ist als mein Gut in Masuren \u2013 sie werden es nicht begreifen.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Literarische Erinnerung statt historischem Anspruch<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Surminski arbeitet mit fiktiven Figuren und einer erfundenen Reise, die jedoch eng mit historischen Ereignissen, realen Orten und Pers\u00f6nlichkeiten verkn\u00fcpft ist. Viele Erlebnisse seiner Protagonisten spiegeln die Erfahrungen des Autors selbst wider, der als Kind aus Ostpreu\u00dfen fliehen musste. Diese Verbindung von pers\u00f6nlichem Erleben und literarischer Gestaltung verleiht dem Roman eine besondere Authentizit\u00e4t \u2013 ohne ihn zur Autobiografie zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor verleiht in seinem Roman nicht einer Ideologie Stimme, sondern der Vielstimmigkeit des Erinnerns. Die R\u00fcckkehr nach Grunowen ist keine Heldengeschichte, sondern eine stille Ann\u00e4herung an das, was war \u2013 und nicht mehr ist. Der Roman zeigt: Erinnerung ist individuell, widerspr\u00fcchlich und oft schmerzhaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Satz \u201eOstpreu\u00dfen ist versunken, es lebt nur noch in unseren K\u00f6pfen\u201c klingt wie ein bitteres Res\u00fcmee \u2013 doch Surminski formuliert ihn nicht resigniert, sondern als Erkenntnis: Die Vergangenheit ist nicht r\u00fcckholbar, aber sie verdient es, bewahrt zu werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_63996\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63996\" class=\"size-full wp-image-63996\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00009_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" \/><p id=\"caption-attachment-63996\" class=\"wp-caption-text\">Bei der Ausgabe der Kleinen Bibliothek des VdG handelt es sich um eine zweisprachige Version des Romans.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein literarisches Zeugnis gegen das Vergessen<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGrunowen oder Das vergangene Leben\u201c ist ein poetisch verdichtetes, zugleich dokumentarisch wirkendes St\u00fcck Erinnerungsarbeit. Der Roman verwebt pers\u00f6nliche Erfahrung mit kollektiver Geschichte, schildert masurische Landschaften, Br\u00e4uche und Konflikte, ohne ins Idyllische zu verfallen. Wie in vielen Werken Surminskis wird das Bild Ostpreu\u00dfens nicht verkl\u00e4rt, sondern mit all seinen Widerspr\u00fcchen gezeichnet: als Heimat und Projektionsfl\u00e4che, als Trauma und Identit\u00e4tskern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Surminski urteilt nicht, sondern l\u00e4sst seine Figuren sprechen \u2013 in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Hoffnung, ihrem Zweifel. Damit f\u00fcgt sich Grunowen ein in jene Literatur, die nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit leiser Genauigkeit ein kollektives Ged\u00e4chtnis offenh\u00e4lt. So wird aus Erinnerung Literatur \u2013 und Literatur wird zum Ort, an dem Vergangenes weiterlebt.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Roman \u201eGrunowen oder Das vergangene Leben\u201c erschien 2015 in deutscher und polnischer Sprache in der Kleinen Bibliothek des VdG und ist im Sitz des VdG oder unter <a href=\"mailto:media@vdg.pl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">media@vdg.pl<\/a> erh\u00e4ltlich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Roman \u00fcber die R\u00fcckkehr \u2013 und das, was sich nicht zur\u00fcckholen l\u00e4sst Arno Surminskis Roman \u201eGrunowen oder Das vergangene Leben\u201c ist mehr als eine nostalgische R\u00fcckschau \u2013 er ist ein vielschichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der ostpreu\u00dfischen Nachkriegsgeschichte. 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