{"id":70991,"date":"2025-08-22T17:00:06","date_gmt":"2025-08-22T15:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/bucher-des-vdg-salomon\/"},"modified":"2025-08-22T17:00:06","modified_gmt":"2025-08-22T15:00:06","slug":"bucher-des-vdg-salomon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/bucher-des-vdg-salomon\/","title":{"rendered":"B\u00fccher des VdG: \u201eSalomon\u201c"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein literarischer Spiegel der dunklen Nachkriegszeit in Polen<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der Krieg endet, aber die Gewalt weiterlebt? Wenn nicht nur die Sieger, sondern auch die Verlierer in einem Netz aus Rache, Leid und moralischer Verwirrung gefangen sind? Marcin Wilczurs Roman \u201eSalomon\u201c \u00f6ffnet ein Fenster in eine kaum bekannte, schmerzhafte Vergangenheit: das Nachkriegslager Zgoda, in dem Deutsche \u2013 und jene, die man f\u00fcr Deutsche hielt \u2013 ohne Rechte und unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten wurden. Dieses Buch ist kein Geschichtsbuch, sondern ein literarischer Aufruf zur Reflexion \u00fcber Schuld, Opfer und die Grausamkeiten, die jenseits der offiziellen Geschichtserz\u00e4hlung liegen.<\/strong><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><!--more--><strong>Ein vergessenes Kapitel der Nachkriegszeit<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman \u201eSalomon\u201c entstand als Preistr\u00e4ger eines literarischen Wettbewerbs des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG). Es handelt sich um eine fiktive Erz\u00e4hlung, die allerdings auf wahren Begebenheiten beruht. Sie erz\u00e4hlt vom Lager Zgoda, einem ehemaligen Nebenlager eines Vernichtungslagers, das im Jahr 1945 unter der Leitung des polnisch-j\u00fcdischen Offiziers Salomon Morel stand. Morel, dessen brutale Herrschaft \u00fcber das Lager in Wilczurs Erz\u00e4hlung zum Symbol f\u00fcr die Arbitrarit\u00e4t von Macht und Gewalt wird, ver\u00fcbte an den Gefangenen grausame Misshandlungen. Er zwang sie, deutsche Volkslieder zu singen, sich gegenseitig zu schlagen, ja sogar zu t\u00f6ten. Seine Schl\u00e4ge trafen \u201eblindlings, als habe der Kommandant kein konkretes Opfer, als schl\u00fcge er nicht f\u00fcr den Nazismus, sondern einfach daf\u00fcr, Deutscher zu sein\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert und historisch relevant ist dabei: Salomon Morel selbst war niemals in Auschwitz gewesen. Seine Familie wurde nicht \u2013 wie oft angenommen \u2013 von Deutschen, sondern von Polen ermordet. Trotz seiner j\u00fcdischen Herkunft richtete sich seine Rache nicht nur gegen Deutsche, sondern auch gegen Pol:innen, die ihm im Lager unterstanden. Morel wurde sp\u00e4ter wegen \u201eVerbrechen gegen die Menschlichkeit\u201c angeklagt, floh jedoch 1992 nach Israel, wo er nicht ausgeliefert wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_63451\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63451\" class=\"wp-image-63451 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1.jpeg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00003_11zon-scaled-1-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-63451\" class=\"wp-caption-text\">Keine leichte Lekt\u00fcre: Der Roman \u201eSalomon\u201c von Marcin Wilczur erz\u00e4hlt in eindringlicher Weise vom Nachkriegslager Zgoda, in dem die Gewalt nach 1945 weiterlebte.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Grausame Realit\u00e4t hinter Stacheldraht<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lebensbedingungen im Lager waren entsetzlich: Hunger, Epidemien und ein unertr\u00e4glicher Gestank von Schwei\u00df, Blut und F\u00e4kalien durchdrangen die Luft. Wilczur beschreibt eindringlich: \u201eDie fast vollst\u00e4ndige Stille wurde durch Husten, Schluchzen und Klagen unterbrochen. Ich h\u00f6rte Frauenstimmen, das Weinen kleiner Kinder \u2013 ein Weinen, das sagte, dass es an diesem Ort keine Hoffnung mehr gab.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rund 1.500 deutsche Zivilist:innen sowie polnische Gefangene starben innerhalb eines Jahres in diesem Lager \u2013 gestorben durch den \u201eGott des Lagers Zgoda, Herr \u00fcber Leben und Tod\u201c, an den sich vermutlich kaum jemand erinnern wird, \u201ewenn wir nicht alternative Perspektiven zur hegemonialen Geschichtsschreibung aufdecken und in das kulturelle Ged\u00e4chtnis aufnehmen, um Jahr f\u00fcr Jahr der Opfer zu gedenken \u2013 viel l\u00e4nger, als der Henker von Zgoda \u2013 Salomon Morel \u2013 und andere seinesgleichen gelebt haben.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Opfer, T\u00e4ter und die Frage nach Schuld<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch das Buch geht weit \u00fcber die Darstellung von Leid und Gewalt hinaus. Es stellt die komplexe Frage nach Schuld und Verantwortung in den Mittelpunkt \u2013 und bricht mit einfachen Kategorien: \u201eMehr als je zuvor war mir bewusst, dass es weder b\u00f6se Deutsche noch gute Polen, weder b\u00f6se Polen noch gute Deutsche gibt. Es gab die einen wie die anderen. Es gab deutsche Verbrecher, aber es gab auch deutsche Opfer. Es gab polnische Opfer, aber es gab auch polnische Henker.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eSalomon\u201c zeigt: Nach dem Krieg lebte die Gewalt weiter \u2013 jenseits von T\u00e4tern und Opfern, gefangen in einem Netz aus Rache und moralischer Verwirrung.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Holocaust, der als \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c zum Ziel hatte, Menschen aufgrund ihrer Herkunft systematisch zu vernichten, wirft in der Nachkriegszeit einen langen Schatten. In Lagern wie Zgoda zeigt sich jedoch, dass Gewalt und Ausgrenzung nach 1945 in anderer Form weiterlebten \u2013 diesmal waren es deutsche Zivilist:innen, die Opfer von Entrechtung und Racheakten wurden. Die Rachsucht, die sich im Lager Zgoda manifestierte, wird als eine fatale Spirale beschrieben: \u201eDie Deutschen sind wie Kakerlaken. Du versuchst, einen zu zertreten, aber sp\u00e4ter wirst du dir bewusst, dass wieder einer und noch einer hervorkriecht [\u2026] Wenn wir nicht alle t\u00f6ten k\u00f6nnen, veranlassen wir, dass sie sich gegenseitig umbringen.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Gewalt kennt keine Nationalit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Erz\u00e4hlung wird deutlich, dass Morels Taten nur ein Beispiel f\u00fcr die systematische Gewalt in vielen Nachkriegsgef\u00e4ngnissen sind: \u201eDenkst du, es gab nur das Lager Zgoda? Nur einen Morel, den du beschuldigen kannst? Es gab viel, viel mehr. Wei\u00dft du, was sie in \u0141ambinowice (Lamsdorf) gemacht haben? Sie tauchten Brot ins Wasser und warfen es aufs Feld. Die hungrigen Kinder liefen hinterher \u2013 und sie schossen auf sie. Sie testeten die neue Waffe, die sie bekommen hatten. F\u00fcnf Punkte f\u00fcr einen Treffer in den Bauch, zehn f\u00fcr einen Treffer in den Kopf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wird klar: Die Grausamkeit der Nachkriegszeit war kein Einzelfall, sondern ein gesamtgesellschaftliches Trauma, das sich in vielen Lagern und an zahllosen Opfern wiederholte \u2013 unabh\u00e4ngig von Nationalit\u00e4t, Herkunft oder Geschichte. Wilczur zeigt, dass sich Gewalt und Unrecht nicht an Grenzen oder Ethnien halten, sondern \u00fcberall dort entstehen, wo Rache \u00fcber Menschlichkeit gestellt wird.<\/p>\n<div id=\"attachment_63453\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63453\" class=\"wp-image-63453 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1.jpeg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1-225x300.jpeg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00023_11zon-scaled-1-1536x2048.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-63453\" class=\"wp-caption-text\">\u201eSalomon\u201c stellt die Frage nach Schuld, Rache und moralischer Verantwortung jenseits einfacher T\u00e4ter-Opfer-Zuschreibungen.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Aufruf zur Erinnerung und Reflexion<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSalomon\u201c fordert uns heraus, die Nachkriegszeit nicht nur als eine Zeit der Befreiung zu sehen, sondern auch als eine Phase, in der neue Formen von Gewalt und Leid entstanden \u2013 oft im Schatten der hegemonialen Geschichtserz\u00e4hlungen. Es ist ein Buch, das die Erinnerung an vergessene Opfer wachh\u00e4lt und zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einl\u00e4dt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So erinnert uns \u201eSalomon\u201c daran, dass Geschichte immer mehr als eine Wahrheit kennt \u2013 und dass das Erinnern an die verborgenen Stimmen der Vergangenheit ein Akt der Menschlichkeit bleibt.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Roman wurde 2015 von der Kleinen Bibliothek des VdG im Rahmen eines literarischen Wettbewerbs unter dem Titel \u201eSchicksal der Deutschen in Polen nach 1945\u201c als Preistr\u00e4ger ver\u00f6ffentlicht. Bei den Herausgaben der Kleinen Bibliothek des VdG handelt es sich um zweisprachige Ver\u00f6ffentlichungen: auf Deutsch und auf Polnisch. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Buch \u201eSalomon\u201c sowie andere Werke sind beim Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) oder unter <a href=\"mailto:media@vdg.pl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">media@vdg.pl<\/a> erh\u00e4ltlich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein literarischer Spiegel der dunklen Nachkriegszeit in Polen Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der Krieg endet, aber die Gewalt weiterlebt? Wenn nicht nur die Sieger, sondern auch die Verlierer in einem Netz aus Rache, Leid und moralischer Verwirrung gefangen sind? Marcin Wilczurs Roman \u201eSalomon\u201c \u00f6ffnet ein Fenster in eine kaum bekannte, schmerzhafte Vergangenheit: das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":267,"featured_media":63451,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6045,5625,4229],"tags":[5687,3572,2849,5773,5774,2299],"redaktor":[],"class_list":["post-70991","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bildung","category-kultur-de","category-kulturbildung-de","tag-buecher-des-vdg","tag-lambinowice","tag-nachkriegsgeschichte","tag-nachkriegslager-lamsdorf","tag-salomon-morel","tag-znssk"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/267"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70991"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70991\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/63451"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70991"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=70991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}