{"id":70948,"date":"2025-08-29T17:00:59","date_gmt":"2025-08-29T15:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/bucher-des-vdg-sie-brachten-uns-die-freiheit\/"},"modified":"2025-08-29T17:00:59","modified_gmt":"2025-08-29T15:00:59","slug":"bucher-des-vdg-sie-brachten-uns-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/bucher-des-vdg-sie-brachten-uns-die-freiheit\/","title":{"rendered":"B\u00fccher des VdG: \u201eSie brachten uns die Freiheit\u201c"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Beitrag zur verdr\u00e4ngten Nachkriegsgeschichte Oberschlesiens<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Elisabeth Kwapis\u2019 autobiografisches Werk \u201eSie brachten uns die Freiheit\u201c, erschien 2021 in der Buchreihe \u201eKleine Bibliothek des VdG\u201c und ist ein seltenes, bewegendes Zeitzeugnis \u00fcber das Leben einer jungen deutschen Frau im Nachkriegspolen. Es schildert mit gro\u00dfer Eindringlichkeit die Erfahrungen der Autorin als Zivilistin in Gefangenenlagern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Die Autorin, selbst Oberschlesierin, berichtet von ihrer Inhaftierung \u2013 zun\u00e4chst in einem Gef\u00e4ngnis f\u00fcr deutsche Frauen, dann im ber\u00fcchtigten Straflager Myslowitz. Von dort entkommt sie nur knapp, indem sie sich freiwillig f\u00fcr die Arbeit im Bergwerk Renard meldet \u2013 ein Unterlager, in dem sie unter schweren Bedingungen als K\u00fcchenhilfe t\u00e4tig ist. Insgesamt verbringt sie fast ein Jahr in Gefangenschaft, bevor sie freikommt \u2013 in eine Freiheit, die eine neue Form der Verfolgung bedeutet: \u201eEin neues Leben begann \u2013 ein neuer Abschnitt einer Freiheit, die sozialistisch gepr\u00e4gt war; ein neuer Abschnitt der Verfolgung \u2013 au\u00dferhalb des Stacheldrahts, aber hinter dem Eisernen Vorhang.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Gefangenschaft und Freiheit<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zentrales Motiv der Biografie ist die Paradoxie der sogenannten Befreiung. F\u00fcr Elisabeth Kwapis war die Niederlage des Dritten Reichs nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Gewalt, sondern mit einer neuen Phase der Entm\u00fcndigung. \u201eFreiheit, Gerechtigkeit, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit \u2013 W\u00f6rter, die aus dem Wortschatz gestrichen wurden\u201c \u2013 so beschreibt sie den Zustand vieler Deutscher nach 1945. Die Erfahrung zeigt sich in drastischen Worten: \u201eUnsere n\u00e4chsten Befreier, die Sowjets, trieben die Deutschen in Richtung Westen. [&#8230;] Sie befreiten uns vom Naziregime, von Hab und Gut \u2013 und von der Freiheit. Nach den Russen kamen die Polen und vollendeten das Werk der Befreiung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufenthalt im Lager Myslowitz, das sie als \u201eEndstation, Entsorgungsstelle f\u00fcr Deportierte\u201c bezeichnet, wird zur H\u00f6lle auf Erden. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, das Lager eine Zone v\u00f6lliger Entmenschlichung: \u201eNie etwas Lebendiges ist herausgekommen, nicht mal eine Maus\u2026 und diejenigen, die dort waren, sahen Menschen nicht mehr \u00e4hnlich\u2026\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_63460\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63460\" class=\"size-full wp-image-63460\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1.jpeg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00001_11zon-scaled-1-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-63460\" class=\"wp-caption-text\">Elisabeth Kwapis\u2019 autobiografisches Buch Sie brachten uns die Freiheit schildert eindrucksvoll das Leid deutscher Zivilistinnen in oberschlesischen Nachkriegslagern.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragen von Schuld und Gerechtigkeit<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kwapis stellt sich in ihrem Werk auch der komplexen Frage nach Schuld und Vergeltung. Ohne die deutsche Verantwortung f\u00fcr den Holocaust zu relativieren, fordert sie eine differenzierte Sicht auf die Nachkriegsverbrechen:<br \/>\n\u201eEs geschah viel Unrecht auf beiden Seiten.\u201c \u2013 \u201eWir wollten keine Vergeltung. Wir wollten freien Abzug nach Deutschland. Polen durfte meinetwegen alles behalten \u2013 nur uns sollte man freigeben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kollektive Bestrafung deutscher Zivilist:innen, insbesondere in Oberschlesien, wo viele schon vor dem Krieg lebten und keine aktive Rolle im NS-Regime spielten, ist ein durchgehendes Thema: \u201eGanz Oberschlesien, insbesondere Ost-Oberschlesien \u2013 ein einziges gro\u00dfes Konzentrationslager.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Identit\u00e4t, Verlust und Nachkriegsheimat<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin beschreibt eindrucksvoll, wie tief die Nachkriegserfahrungen das Gef\u00fchl von Heimat und Zugeh\u00f6rigkeit ersch\u00fctterten: \u201eGab es sie noch, die Heimat? Fremde V\u00f6lker zertrampelten sie, entweihten, was uns heilig war, entwerteten, was uns teuer war, vertrieben uns, nahmen uns gefangen, deportierten uns in Lager\u2026\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Die wahre Befreiung blieb vielen versagt \u2013 hinter Stacheldraht und dem Eisernen Vorhang begann eine neue Phase der Verfolgung.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch nach der Entlassung bleibt die Vergangenheit in ihr lebendig \u2013 als Trauma, das sie nicht losl\u00e4sst: \u201eNiemals habe ich mich ganz von Sosnowiec (Sosnowitz) l\u00f6sen k\u00f6nnen, denn dort ist ein Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit und meiner Seele zur\u00fcckgeblieben. Nie mehr wurde ich mir so ganz wiedergegeben.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Fremdenhass und Ambivalenz: Zwischen Verachtung und N\u00e4he<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elisabeth Kwapis zeigt in ihrer Biografie eine tief ambivalente Beziehung zu ihren polnischen Mitmenschen. W\u00e4hrend sie \u00fcber Dem\u00fctigungen und Schikanen durch Lagerpersonal und Offiziere berichtet, entstehen gleichzeitig auch zarte, zwischenmenschliche Begegnungen, die das Schwarz-Wei\u00df-Bild von \u201eT\u00e4ter\u201c und \u201eOpfer\u201c durchbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie verdammten Schwaben haben nichts zu fragen und sollen Polnisch sprechen\u201c, sagt ein polnischer Lageroffizier \u2013 ein Ausdruck kollektiven Hasses auf alles Deutsche. Und dennoch: \u201eEinige der Polen im Lager begehrten sie, nannten sie \u201aLieschen\u2018.\u201c<br \/>\nKwapis schildert eindr\u00fccklich, wie individuelle Beziehungen trotz kollektiver Stigmatisierung entstehen k\u00f6nnen \u2013 und verweist auf die Komplexit\u00e4t menschlicher Begegnungen in extremen Lagen. Ihr Fazit: \u201eDas Leben ist eine Summe von Widerspr\u00fcchen und Gegens\u00e4tzen\u2026\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_63462\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63462\" class=\"wp-image-63462 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1.jpeg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1-225x300.jpeg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/image00020_11zon-scaled-1-1536x2048.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-63462\" class=\"wp-caption-text\">Kwapis zeigt mit ihrer Biographie, wie sich hinter der vermeintlichen Befreiung eine neue Realit\u00e4t aus Verfolgung, Identit\u00e4tsverlust und moralischer Ambivalenz offenbarte.<br \/>Foto: Victoria Matuschek<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwangspolonisierung und Identit\u00e4tsverlust<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben Gefangenschaft und Hunger beschreibt die Autorin ein weiteres traumatisches Erlebnis: die systematische Zwangspolonisierung der deutschen Bev\u00f6lkerung Oberschlesiens nach 1945. Sprache, Namen, kulturelles Selbstverst\u00e4ndnis \u2013 all das wird den Menschen nach und nach genommen: \u201eDeutsch zu sein innerhalb der Grenzen von 1938, das war selbstverst\u00e4ndlich; Deutsch zu bleiben im abgetrennten Oberschlesien war ein Verbrechen [\u2026]\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zwangspolonisierung zielt nicht nur auf Assimilation, sondern auf die Ausl\u00f6schung einer kollektiven Identit\u00e4t: \u201eMan wollte uns mehr nehmen als Besitz und Freiheit: unsere Identit\u00e4t.\u201c Dieser Identit\u00e4tsverlust geht bei Kwapis einher mit einer tiefen existenziellen Verunsicherung: \u201eGab es sie noch, die Heimat?\u201c \u2013 eine Frage, die unbeantwortet bleibt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Erinnerungspolitik, Schuld und Rache<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen mutigen Beitrag leistet Kwapis auch zur erinnerungspolitischen Debatte: Sie beschreibt die verdr\u00e4ngte Opfererfahrung deutscher Zivilist:innen, ohne die deutsche Schuld am Holocaust zu relativieren. In ihrem Buch wird deutlich, dass die Erinnerung an Leid universell sein muss \u2013 ohne Hierarchie der Opfergruppen: \u201eWer trug die Schuld an dem gegenseitigen \u201aSich-Bek\u00e4mpfen\u2018, an Mord\u2026\u201c Die Autorin thematisiert die Rachsucht mancher polnischer T\u00e4ter offen: \u201eEin Pole gestand einmal meinem Vater, er werde sich an seinem Nachbarn nicht r\u00e4chen, er werde nur sein Haus in Brand stecken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Kwapis setzt dem bewusst ein ethisches Gegenbild entgegen: \u201eVergeltet nicht B\u00f6ses mit B\u00f6sem\u2026 wir wollten keine Vergeltung.\u201c Gerade diese Haltung macht ihr Buch so wertvoll: Es geht nicht um Schuldumkehr oder geschichtspolitischen Wettbewerb, sondern um die Sichtbarmachung einer unterbelichteten Erfahrung. Kwapis zeigt: Die Vergangenheit l\u00e4sst sich nicht in eindeutige Kategorien aufteilen \u2013 weder auf T\u00e4ter- noch auf Opferseite.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Perspektiven auf Erinnerung und Vers\u00f6hnung: Die Botschaft des Buches<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie brachten uns die Freiheit\u201c ist keine einfache Lekt\u00fcre \u2013 und will es auch nicht sein. Elisabeth Kwapis gibt jenen eine Stimme, die im Schatten der offiziellen Geschichtsschreibung stehen: den deutschen Zivilist:innen, die nach Kriegsende zu Opfern wurden \u2013 ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Geschichte wegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was dieses Buch so wertvoll macht, ist nicht nur sein dokumentarischer Gehalt, sondern seine moralische Haltung. Kwapis verurteilt das NS-Regime ebenso, wie sie das Unrecht benennt, das ihr und anderen in der Nachkriegszeit widerfuhr. Sie verzichtet auf Schuldumkehr \u2013 und ruft stattdessen zu Empathie und historischer Gerechtigkeit auf. Ihr Appell ist aktuell wie eh und je: \u201eGerechtigkeit, an die du glaubst, gab es nicht und wird es niemals geben\u201c \u2013 ein bitteres Fazit. Aber vielleicht liegt genau in dieser Bitterkeit auch die Wahrheit einer Geschichte, die keine Sieger kennt \u2013 sondern nur Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch von Elisabeth Kwapis ist ein notwendiges Korrektiv zu einer Erinnerungskultur, die allzu oft selektiv funktioniert. Und es erinnert uns daran, dass Freiheit niemals selbstverst\u00e4ndlich ist \u2013 und nie nur den einen gegeben, sondern oft auch den anderen genommen wurde.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Roman erschien 2021 in zweisprachiger Ausgabe (Deutsch und Polnisch) in der Kleinen Bibliothek des VdG, erm\u00f6glicht durch die finanzielle Unterst\u00fctzung des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln. Das Buch \u201eSie brachten uns die Freiheit\u201c sowie andere Werke sind beim Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) in Oppeln oder unter <a href=\"mailto:media@vdg.pl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">media@vdg.pl<\/a> erh\u00e4ltlich.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag zur verdr\u00e4ngten Nachkriegsgeschichte Oberschlesiens Elisabeth Kwapis\u2019 autobiografisches Werk \u201eSie brachten uns die Freiheit\u201c, erschien 2021 in der Buchreihe \u201eKleine Bibliothek des VdG\u201c und ist ein seltenes, bewegendes Zeitzeugnis \u00fcber das Leben einer jungen deutschen Frau im Nachkriegspolen. 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