{"id":70946,"date":"2025-08-30T05:00:58","date_gmt":"2025-08-30T03:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/meine-eigene-landkarte-zeichnen-zwischen-kulturerbe-und-neuanfang-2\/"},"modified":"2025-08-30T05:00:58","modified_gmt":"2025-08-30T03:00:58","slug":"meine-eigene-landkarte-zeichnen-zwischen-kulturerbe-und-neuanfang-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/meine-eigene-landkarte-zeichnen-zwischen-kulturerbe-und-neuanfang-2\/","title":{"rendered":"\u201eMeine eigene Landkarte zeichnen\u201c \u2013 Zwischen Kulturerbe und Neuanfang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu st\u00e4rken. Wir sprechen mit den Entsandten \u00fcber ihre Aufgaben, Ziele und Beweggr\u00fcnde f\u00fcr diese interkulturelle T\u00e4tigkeit. Mit Christiane B\u00f6hm, Kulturmanagerin beim Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt, sprach Victoria Matuschek.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><!--more--><strong>Wie bist du zum ifa-Entsendeprogramm gekommen und warum hat es dich ausgerechnet nach Hermannstadt verschlagen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf das ifa-Entsendeprogramm bin ich durch eine Stellenausschreibung aufmerksam geworden. Aber nat\u00fcrlich steckt auch ein pers\u00f6nlicher Bezug dahinter: Hermannstadt ist die Stadt, in der meine Eltern studiert haben. Ich bin selbst in Siebenb\u00fcrgen geboren und mit meiner Familie nach dem politischen Umbruch, dem Sturz von Ceau\u0219escu, ausgewandert. Ich geh\u00f6re also zur deutschen Minderheit, auch wenn ich mich deutlich in Deutschland sozialisiert f\u00fchle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem zu Beginn meines Studiums habe ich Rum\u00e4nien h\u00e4ufiger allein bereist. Ich war neugierig auf dieses Land, das ich nur aus Erz\u00e4hlungen kannte, die meistens vor den Karpaten aufh\u00f6rten. Deshalb war mein erstes Ziel auch Bukarest \u2013 vor allem wegen des Regierungspalastes, der mich gleicherma\u00dfen fasziniert und abgeschreckt hat. So habe ich das Land einerseits durch Reisen, andererseits durch mein Kunstwissenschaftsstudium erschlossen, in dem ich mich zunehmend mit k\u00fcnstlerischen Str\u00f6mungen in Osteuropa besch\u00e4ftigt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Zeit wuchs der Wunsch, einmal in meinem Geburtsland zu leben und zu arbeiten \u2013 und zwar im Kulturbereich, inhaltlich nah an meiner Ausbildung, bisherigen beruflichen Stationen und meinen Interessen. Die ifa-Ausschreibung kam also wie ein Kairos-Moment. Ich dachte: Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und bewerbe mich jetzt einfach mal. Und nun bin ich seit fast einem Jahr hier.<\/p>\n<div id=\"attachment_63903\" style=\"width: 2058px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63903\" class=\"wp-image-63903 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1364\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln.jpg 2048w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/HermannstaedterGespraech_2024_ZuDenWurzeln-1536x1023.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><p id=\"caption-attachment-63903\" class=\"wp-caption-text\">Christiane B\u00f6hm bei den Hermannst\u00e4dter Gespr\u00e4chen zum Thema Identit\u00e4t, Herkunft und \u201eWurzeln\u201c.<br \/>Quelle: Christiane B\u00f6hm<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Wir kommen sp\u00e4ter noch auf deinen Bezug zu Sprache und Identit\u00e4t zur\u00fcck, aber zun\u00e4chst interessiert mich dein Arbeitsalltag. So etwas wie Routine gibt es ja im ifa-Programm kaum. Wie gestaltest du deine Aufgaben beim Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin als Kulturmanagerin t\u00e4tig und f\u00fchre klassische Projektmanagement-Aufgaben durch. Das umfasst typischerweise die Phasen der Initiierung, Planung, Durchf\u00fchrung, \u00dcberwachung und Steuerung sowie den Abschluss eines Projekts \u2013 in aller K\u00fcrze. F\u00fcr mich war es hier in diesem ersten Entsendejahr am Forum sehr hilfreich, dass es etablierte Formate gibt, wie zum Beispiel die Diskussionsreihe der \u201eHermannst\u00e4dter Gespr\u00e4che\u201c \u2013 ein Format, das es seit \u00fcber 15 Jahren gibt. Es ist strukturell gefasst, l\u00e4sst aber thematisch viel Raum. Ich konnte eigene Vorschl\u00e4ge einbringen und bekam inhaltlich viel gestalterische Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis jetzt habe ich drei Veranstaltungen in dieser Reihe umgesetzt: Einmal zum Thema Identit\u00e4t, Herkunft und dem Begriff der \u201eWurzeln\u201c, dann ein Gespr\u00e4ch zum 80. Jahrestag der Deportation von Rum\u00e4niendeutschen nach Russland \u2013 diesmal aus Sicht der Kindergeneration. Zuletzt ging es um das Thema Arbeitsmigration. Dabei versuche ich immer, nicht nur Themen der deutschen Minderheit aufzugreifen, sondern auch den Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft anzuregen. H\u00e4ufig gibt es Simultan\u00fcbersetzung \u2013 ein guter Rahmen f\u00fcr Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daneben habe ich die Chance, auch eigene Akzente zu setzen: So habe ich aus meinem kunstwissenschaftlichen Hintergrund heraus und weil ich davor mehrere Jahre im Ausstellungsbereich gearbeitet habe, die Hermannst\u00e4dter Gespr\u00e4che mit einem Begleitprogramm erg\u00e4nzt, das k\u00fcnstlerisch ausgerichtet ist. Zum Thema Deportation habe ich beispielsweise eine Textilarbeit von Lilian Theil und ein Marmorrelief von Peter Jacobi aus der Stadtpfarrkirche einander gegen\u00fcbergestellt. Daraus ist ein \u201eKunst.Dialog\u201c entstanden: ein assoziatives Gespr\u00e4ch mit den Teilnehmenden. Den Verlauf des Gespr\u00e4chs habe ich mit Zahlen, Fakten und Anekdoten aus vorausgegangenen Gespr\u00e4chen mit den K\u00fcnstler:innen erg\u00e4nzt, aber es war mir wichtig, nicht als Expertin aufzutreten, die referiert, sondern das wirklich dialogisch anzulegen. Dieses Format m\u00f6chte ich im n\u00e4chsten Jahr unbedingt noch weiter ausbauen.<\/p>\n<div id=\"attachment_63904\" style=\"width: 1290px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63904\" class=\"size-full wp-image-63904\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kunst-Dialog_Credit_BeatriceUngar.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"960\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kunst-Dialog_Credit_BeatriceUngar.jpg 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kunst-Dialog_Credit_BeatriceUngar-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kunst-Dialog_Credit_BeatriceUngar-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Kunst-Dialog_Credit_BeatriceUngar-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><p id=\"caption-attachment-63904\" class=\"wp-caption-text\">Christiane B\u00f6hm er\u00f6ffnete mit Werken von Lilian Theil und Peter Jacobi einen dialogischen Raum \u00fcber das Thema Deportation.<br \/>Foto: Beatrice Ungar<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Du hast die Jugend angesprochen. Wie erlebst du die Arbeit mit jungen Menschen in Hermannstadt? Gibt es noch ein Bewusstsein f\u00fcr die deutsche Minderheit, auch sprachlich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Sicht ist nat\u00fcrlich subjektiv, aber ich nehme Hermannstadt als einen Ort wahr, in dem die deutsche Minderheit trotz ihrer zahlenm\u00e4\u00dfigen Gr\u00f6\u00dfe \u2013 in Bezug auf die Gesamtbev\u00f6lkerung in der Stadt liegt diese bei etwa einem Prozent \u2013 sehr pr\u00e4sent und aktiv ist. Besonders in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugendorganisationen engagieren sich junge Menschen, insbesondere auf der Leitungsebene, die zur deutschen Minderheit geh\u00f6ren \u2013 etwa bei der Leitung der Tanzgruppe oder in der Organisation von Jugendangeboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig sehe ich viele Jugendliche, die Deutsch lernen, wie beispielsweise am Brukenthal-Gymnasium, unabh\u00e4ngig von einer famili\u00e4ren Zugeh\u00f6rigkeit. F\u00fcr viele ist es ein Sprungbrett \u2013 f\u00fcr ein Studium oder eine Zeit im Ausland. Die Motivation ist dabei oft pragmatisch. Ob sie sich auch mit deutscher Kultur identifizieren, ist f\u00fcr mich schwer zu sagen. Sie lernen sie aber auf jeden Fall kennen, allem voran \u00fcber den Erwerb der deutschen Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Beitrag leistet das Forum \u00fcber die Nachwuchsf\u00f6rderung: Hier gibt es ein Praktikumsformat, das sich \u201eJuniorbotschafter\u201c nennt. Aktuell arbeiten Anna und Celia mit \u2013 sehr engagierte Jugendliche. Sie begleiten Veranstaltungen, betreuen den Social-Media-Auftritt, bringen sich mit eigenen Vorschl\u00e4gen ein, und wir haben sogar ein Nachgespr\u00e4ch mit der Regisseurin Laura Capatana Juller \u00fcber ihren Dokumentarfilm \u201eAici\u2026 adic\u0103 acolo\u201c, der als Begleitformat zu einem Hermannst\u00e4dter Gespr\u00e4ch gezeigt wurde, gemeinsam moderiert. Das Ziel ist, ihnen Einblicke in die Forumsarbeit zu geben und sie zu ermutigen, sich selbst aktiv einzubringen \u2013 mit Blick auf die Minderheit, aber auch auf Deutschland aus einer anderen Perspektive. Dass eine der beiden nun ihre Praktikumszeit verl\u00e4ngern m\u00f6chte, ist f\u00fcr mich ein Beweis, wie wichtig und empowernd dieses Programm ist und dass es ein Interesse an der Minderheit auch in der jungen Generation gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Und das ist ja auch das Sch\u00f6ne an der Arbeit: wenn solche Projekte etwas in Bewegung setzen. Gab es f\u00fcr dich ein besonders pr\u00e4gendes Erlebnis, das dir gezeigt hat, wie wichtig deine Arbeit vor Ort ist?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe das Gef\u00fchl, dass alle Angebote, die ich gemacht habe, gr\u00f6\u00dftenteils auf offene Ohren gesto\u00dfen sind \u2013 dass da Neugierde vorhanden ist. Vielleicht, weil ich einen anderen Zugang w\u00e4hle, Themen anders artikuliere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Theaterprojekt \u201eSpiele(n) im Olymp\u201c, bei dem die Sch\u00fcler:innen der Klasse IX vom Andrei-\u0218aguna-Lyzeum sich auf zeitgem\u00e4\u00dfe Weise mit griechischer Mythologie befasst haben, haben sie selbst auf Deutsch entwickelt und aufgef\u00fchrt. Es handelt sich dabei um eine Kooperation, die meine Vorg\u00e4ngerin Anne Herrmann initiiert hatte, und zwar mit dem Kinder- und Jugendtheater GONG, an die ich ankn\u00fcpfen konnte. Das war sprachlich und performativ herausfordernd \u2013 aber auch eine sehr positive Erfahrung, die weitertr\u00e4gt und zur weiteren Besch\u00e4ftigung mit der Sprache anregen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Projekt ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Philip Klein, ifa-Redakteur in Temeswar, bereitet gerade einen Radiobeitrag mit der Jugendwelle dar\u00fcber vor, und Anna und Celia haben Interviews mit Teilnehmenden gef\u00fchrt. Und was ich besonders toll fand, war die R\u00fcckmeldung von zwei Sch\u00fclerinnen, die beide unabh\u00e4ngig voneinander gesagt haben, dass das Projekt f\u00fcr sie als Klasse sehr gemeinschaftsstiftend war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich glaube, es braucht mehr von diesen Projekten, in denen es um den Gemeinschaftsgedanken, die St\u00e4rkung von Toleranz und Vielfalt geht \u2013 nicht mit dem Anspruch, in zweieinhalb Monaten perfekte Jungschauspieler:innen auszubilden. Es braucht einen Ort und Offenheit f\u00fcr Experimente und ein Ausprobieren. Das ist auch etwas, was ich ins n\u00e4chste Jahr mitnehmen werde: noch experimentierfreudiger zu arbeiten.<\/p>\n<blockquote>\n<div id=\"attachment_63905\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-63905\" class=\"size-full wp-image-63905\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1707\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Theaterprojekt_SpielenimOlymp_11zon-scaled-1-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-63905\" class=\"wp-caption-text\">\u201eSpiele(n) im Olymp\u201c brachte Neuntkl\u00e4ssler:innen auf Deutsch und kreativ mit griechischer Mythologie auf die B\u00fchne \u2013 in Kooperation mit dem Jugendtheater GONG.<br \/>Foto: Ovidiu Matiu<\/p><\/div><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Du hast ja auch famili\u00e4re Wurzeln in der Region. Hat dein Aufenthalt in Hermannstadt etwas daran ver\u00e4ndert, wie du deine eigene Identit\u00e4t siehst \u2013 zwischen Kulturen, Sprachen, Zugeh\u00f6rigkeiten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erster Gedanke ist: Du kannst deiner Herkunft nicht entkommen \u2013 und das ist nicht negativ gemeint. Die Sicht meiner Eltern auf die Welt, ihre Erfahrungen mit Auswanderung und Neubeginn, haben mich selbstredend gepr\u00e4gt. Andererseits habe ich auch ganz bewusst entschieden, eigene Positionen einzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die siebenb\u00fcrgische Kultur war zwar w\u00e4hrend meines Aufwachsens durch bestimmte Dinge pr\u00e4sent \u2013 allem voran das Essen. Andererseits bin ich in Niedersachsen aufgewachsen \u2013 fernab der siebenb\u00fcrgisch-s\u00e4chsischen Community. Mit vielen Br\u00e4uchen oder einer lebendigen Gemeinschaft bin ich nicht gro\u00df geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier merke ich ganz deutlich, dass ich in einer anderen Gesellschaft sozialisiert bin, in der der Individualgedanke st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist. Das Selbstverst\u00e4ndnis als Minderheit, der Kollektivgedanke und auch diese Sonderstellung, die man als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft hat, kann ich auf einer intellektuellen Ebene begreifen, aber emotional ist das f\u00fcr mich abgeschnitten. Und das ist f\u00fcr mich auch okay so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade die Gespr\u00e4che, die ich jetzt mit meinen Eltern f\u00fchre, sind sehr bereichernd. Ich war noch klein, als wir ausgewandert sind, habe keinen aktiven Erinnerungsschatz, den ich \u00fcberschreiben k\u00f6nnte. Als sie im Sommer hier waren, sind sie zwei Wochen durch die Stadt gelaufen und haben dabei st\u00e4ndig Vergleiche angestellt: \u201eDamals war es so, heute ist es so.\u201c Dadurch lerne ich auch mich und meine Familie neu kennen. F\u00fcr mich ist es nahezu ein wei\u00dfes Blatt, das ich so gut es geht bemale \u2013 meine eigene Siebenb\u00fcrgen-Landkarte, mit der Tonalit\u00e4t der Erinnerungen meiner Familie im Ohr und meiner ganz pers\u00f6nlichen Handschrift.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eEs geht nicht darum, perfekte Jugendschauspieler:innen auszubilden \u2013 sondern R\u00e4ume f\u00fcrs Ausprobieren zu schaffen.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Das ist eine sehr sch\u00f6ne Metapher \u2013 das wei\u00dfe Blatt, das du nun mit eigenen Farben f\u00fcllst. Was w\u00fcrdest du Menschen mitgeben, die sich f\u00fcr Hermannstadt oder die Region interessieren? Was macht den Ort besonders?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermannstadt hat ein charmantes mittelalterliches Stadtbild. Dazwischen finden sich immer wieder nicht restaurierte Geb\u00e4ude, die von der Geschichte erz\u00e4hlen \u2013 zum Gl\u00fcck! Erst das macht die Stadt lebendig und zeugt von Wandel und Ver\u00e4nderungen, nicht eine geleckte Oberfl\u00e4che. Bei gutem Wetter hat man einen wunderbaren Blick auf die Karpaten. Dann h\u00f6re ich die Berge f\u00f6rmlich rufen und kriege Lust, die Wanderstiefel zu schnappen und in die Natur zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Zum Schluss noch eine pers\u00f6nliche Frage: Was ist dein Lieblingsgericht der Region?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich sehr gerne mag, ist M\u0103m\u0103lig\u0103 cu br\u00e2nz\u0103, das ist Maisbrei mit K\u00e4se, am liebsten mit Schafsk\u00e4se. Oft wird auch saure Sahne hinzugef\u00fcgt. Oder aber \u2013 ich bin auch ein gro\u00dfer Suppenfan \u2013 Ciorb\u0103 de fasole boabe, eine Bohnensuppe mit diesen dicken wei\u00dfen Bohnen. Dazu rote Zwiebeln und ein, zwei Scheiben frisches Brot. Ein Traum! Das sind f\u00fcr mich zwei Wohlf\u00fchlgerichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu st\u00e4rken. 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