{"id":70734,"date":"2025-09-04T17:04:05","date_gmt":"2025-09-04T15:04:05","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/80-jahre-kriegsende-75-jahre-lagerschliesung\/"},"modified":"2025-09-04T17:04:05","modified_gmt":"2025-09-04T15:04:05","slug":"80-jahre-kriegsende-75-jahre-lagerschliesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/80-jahre-kriegsende-75-jahre-lagerschliesung\/","title":{"rendered":"80 Jahre Kriegsende, 75 Jahre Lagerschlie\u00dfung"},"content":{"rendered":"<h1>Potulitz\/Potulice. Vom Sinn des Todes und von der Liebe<\/h1>\n<p><strong>Jedes Jahr wird in Potulitz bei Bromberg\/Bydgoszcz des menschlichen Leidens gedacht. Unter dem Namen Sammellager Schloss Potulitz, auch Lebrechtsdorf, war dort von 1941 bis 1945 ein deutsches Lager f\u00fcr polnische Familien in Betrieb, und in den Jahren 1945\u20131950 an derselben Stelle ein polnisches Lager f\u00fcr Deutsche. Die Gedenkfeier am 30. August war anl\u00e4sslich des 80. Jahrestages des Kriegsendes und des 75. Jahrestages der Schlie\u00dfung des Lagers besonders feierlich.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Bibeltext des \u00f6kumenischen Gottesdienstes in der Kirche Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung in Potulice war treffend gew\u00e4hlt: der Prophet Hesekiel wandelt \u00fcber eine Menge ausgetrockneter Gebeine auf einem Schlachtfeld. Pfarrer Marek Dziony aus Oppeln n\u00e4herte den \u00fcber 60 G\u00e4sten die Fragen, die auch heute noch entstehen, obwohl die Toten des Lagers bestattet wurden:<br \/>\n\u201eEr fragte nach dem Sinn des Todes und danach, warum Menschen anderen so etwas antun. Die Antwort auf den zweiten Aspekt ist einfach: Es ist meist Hass, Rache, Streben nach Dominanz, Neid oder Stolz.\u201c<\/p>\n<h2>F\u00fcnf Stationen f\u00fcr 60.000 Insassen und \u00fcber 5.000 Tote<\/h2>\n<p>Gemeinsam mit seinem evangelischen Amtsbruder Dawid Mendrok begleitete er die Teilnehmer der vom Verband der deutschen sozialkulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) organisierten Veranstaltung zu den Gedenkorten in Potulitz. Von der Kirche aus f\u00fchrte der Weg \u2013 f\u00fcr Erstbesucher verwirrend \u2013 scheinbar in alle Himmelsrichtungen.<\/p>\n<div id=\"attachment_65069\" style=\"width: 859px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65069\" class=\" wp-image-65069\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/01-Oekumenischer-Gottesdienst-in-der-Kirche-Mariae-Verkuendigung-in-Potulitz-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"849\" height=\"566\" \/><p id=\"caption-attachment-65069\" class=\"wp-caption-text\"><br \/>\u00d6kumenischer Gottesdienst in der Kirche Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung in Potulitz<br \/>Foto: Uwe Hahnkamp<\/p><\/div>\n<p>Die erste Station war das bekannte Massengrab f\u00fcr die Toten des Nachkriegslagers in der Sand- und Kiesgrube n\u00f6rdlich der Kirche. Andreas Gehrke von der Gesellschaft der deutschen Minderheit in Graudenz sprach dort nicht nur \u00fcber seine in den sp\u00e4ten 1940er Jahren gestorbenen Familienmitglieder, sondern wies auch auf Schwierigkeiten beim Gedenken hin:<br \/>\n\u201eEs gibt hier noch zwei andere Massengr\u00e4ber, deren Lage vermutet wird, aber es gibt keine Initiative von oben, dort aktiv zu werden.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eProfessor J\u00f3zef Tischner hat gesagt, dass nicht Leid den Menschen veredelt, sondern die Liebe. Erst dann gibt das Leiden und der Tod der Menschen einen Sinn.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Rund 35.000 Deutsche, \u00fcberwiegend Frauen und Kinder, durchliefen das Arbeitslager, die Zahl der Toten bel\u00e4uft sich auf \u00fcber 3.500. Gehrke \u00e4u\u00dferte zudem Sorge \u00fcber den Zustand des Zufahrtsweges zum Kreuz und Gedenkstein: \u201eWenn es geregnet hat, ist es fast unm\u00f6glich zu passieren. Wir bitten schon lange um einen befestigten Weg, aber es geschieht nichts.\u201c Ein weiteres Anliegen sind m\u00f6gliche Exhumierungen, die laut Planung der Bromberger Abteilung des Instituts f\u00fcr nationales Gedenken (IPN) in die N\u00e4he von Stettin\/Szczecin verbracht werden sollen, wodurch Angeh\u00f6rigen eine Erinnerung am Ort des Geschehens entzogen w\u00fcrde.<\/p>\n<h2>Gedenken an alle Opfer und das Leid der Kinder<\/h2>\n<p>Anschlie\u00dfend gingen die G\u00e4ste, darunter Vertreter der lokalen Beh\u00f6rden, des IPN und die Beauftragte des Marschalls von Kujawien-Pommern f\u00fcr Minderheitenfragen Iwona Zieli\u0144ska, ins Stadtzentrum. Dort markiert ein Gedenkstein aus dem Jahr 2002 den Ort des Tores zum fr\u00fcheren Lager, pikanterweise zehn Meter vom Eingang zur heutigen Vollzugsanstalt entfernt, die das Gel\u00e4nde nach Aufgabe des Nachkriegslagers \u00fcbernommen hat.<br \/>\n\u201eAuf der Tafel werden leider nur die polnischen Opfer des deutschen Lagers erw\u00e4hnt und die andere Zeit verschwiegen\u201c, bedauert Andreas Gehrke. Wie an allen vier Denkm\u00e4lern wurden auch hier Blumen niedergelegt und Grabkerzen entz\u00fcndet.<\/p>\n<div id=\"attachment_65071\" style=\"width: 895px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65071\" class=\" wp-image-65071\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/02-Andreas-Gehrke-aus-Graudenz-bei-seiner-Ansprache-am-Gedenkort-fuer-die-deutschen-Opfer-des-polnischen-Lagers-beim-Massengrab-im-Kieswerk-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"885\" height=\"590\" \/><p id=\"caption-attachment-65071\" class=\"wp-caption-text\">Andreas Gehrke aus Graudenz bei seiner Ansprache am Gedenkort f\u00fcr die deutschen Opfer des polnischen Lagers beim Massengrab im Kieswerk<br \/>Foto: Uwe Hahnkamp<\/p><\/div>\n<p>Der Rundgang endete mit einem Gebet am Denkmal der Opfer des Faschismus auf dem Friedhof von Potulitz, am Gedenkstein f\u00fcr die deutschen Opfer, errichtet 1998 von \u00dcberlebenden des Lagers. In seinem Gru\u00dfwort erinnerte der Vorsitzende des VdG, Rafa\u0142 Bartek, an die Toten beider Seiten: in Potulice starben w\u00e4hrend der Zeit des Lagers als Unterlager des KZ Stutthof etwa 1.500 von rund 25.000 Menschen.<br \/>\n\u201eWir sehen, wie gro\u00df das Ausma\u00df dieser Ereignisse war. Es zeigt, dass die Spirale von Rache und Gewalt immer zu weiterem Leid unschuldiger Menschen f\u00fchrt\u201c, so Bartek.<\/p>\n<div id=\"attachment_65072\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65072\" class=\" wp-image-65072\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/03-Gedenken-im-Stadtzentrum-von-Potulitz-am-Stein-fuer-die-polnischen-Opfer-des-deutschen-Lagers-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"560\" \/><p id=\"caption-attachment-65072\" class=\"wp-caption-text\">Gedenken im Stadtzentrum von Potulitz am Stein f\u00fcr die polnischen Opfer des deutschen Lagers<br \/>Foto: Uwe Hahnkamp<\/p><\/div>\n<p>Abgeschlossen wurde die Feier am zentralen Verwaltungsgeb\u00e4ude der beiden Lager. Zur\u00fcck zur Kirche im Park des Schlosses der Familie Potulicki, zum Schloss selbst, das heute unter anderem die Stadtbibliothek beherbergt, als f\u00fcnfte Station. Ein deutlicher Kontrast: Im sonnigen Park tobten Kinder auf den Schaukeln, w\u00e4hrend Dr. Izabela Mazanowska vom IPN Bromberg beim Vortrag \u00fcber das gro\u00dfe Leid der Kinder sprach.<\/p>\n<div id=\"attachment_65074\" style=\"width: 853px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65074\" class=\" wp-image-65074\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/07-Gruppenphoto-der-Teilnehmer-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"843\" height=\"562\" \/><p id=\"caption-attachment-65074\" class=\"wp-caption-text\">Gruppenphoto der Teilnehmer<br \/>Foto: Uwe Hahnkamp<\/p><\/div>\n<p>Gustav Becker, damals neun Jahre alt, schilderte in einer 20-min\u00fctigen Reportage seine Erlebnisse im Lager. Er erinnerte sich an eine Polin, die bei seiner Familie arbeitete:<br \/>\n\u201eSie sollte zur Zwangsarbeit eingezogen werden, aber mein Vater schaffte es, dass sie bleiben konnte. Sie war f\u00fcr mich wie eine zweite Mutter.\u201c<\/p>\n<p>Gunter Berthold Horn aus Greifswald mit seiner polnischen Frau und Irena Hirsch, Vorsitzenden der Minderheit in Lauenburg, besuchten die Gedenkst\u00e4tte ebenfalls regelm\u00e4\u00dfig. Jadwiga Dziubek berichtete von pers\u00f6nlichen Familienerfahrungen:<br \/>\n\u201eAls mein Vater als Kaschube nicht zur Wehrmacht wollte und in die W\u00e4lder floh, wurde meine Familie hier eingesperrt. Mein Bruder war f\u00fcnf, er \u00fcberlebte, meine Schwester war noch nicht drei und starb.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_65075\" style=\"width: 842px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65075\" class=\" wp-image-65075\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/05-Gedenken-vor-dem-Denkmal-fuer-die-Opfer-des-Faschismus-auf-dem-Friedhof-von-Potulitz-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"832\" height=\"555\" \/><p id=\"caption-attachment-65075\" class=\"wp-caption-text\">Gedenken vor dem Denkmal f\u00fcr die Opfer des Faschismus auf dem Friedhof von Potulitz<br \/>Foto: Uwe Hahnkamp<\/p><\/div>\n<p>Bernard Joras, Einheimischer, betonte: \u201eIch gedenke heute der Opfer bis 1945. Aber auch die sp\u00e4teren verdienen Achtung und Erinnerung; deshalb bin ich hier. Es ist alles Teil einer, wenn auch verdrehten, Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>Pfarrer Marek Dziony schloss mit den Worten:<br \/>\n\u201eProfessor J\u00f3zef Tischner hat gesagt, dass nicht Leid den Menschen veredelt, sondern die Liebe. Erst dann gibt das Leiden und der Tod der Menschen einen Sinn.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Potulitz\/Potulice. Vom Sinn des Todes und von der Liebe Jedes Jahr wird in Potulitz bei Bromberg\/Bydgoszcz des menschlichen Leidens gedacht. Unter dem Namen Sammellager Schloss Potulitz, auch Lebrechtsdorf, war dort von 1941 bis 1945 ein deutsches Lager f\u00fcr polnische Familien in Betrieb, und in den Jahren 1945\u20131950 an derselben Stelle ein polnisches Lager f\u00fcr Deutsche. 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