{"id":70726,"date":"2025-09-05T17:30:57","date_gmt":"2025-09-05T15:30:57","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/buchtipp-alles-was-wir-nicht-erinnern-zu-fus-auf-dem-fluchtweg-meines-vaters\/"},"modified":"2025-09-05T17:30:57","modified_gmt":"2025-09-05T15:30:57","slug":"buchtipp-alles-was-wir-nicht-erinnern-zu-fus-auf-dem-fluchtweg-meines-vaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/buchtipp-alles-was-wir-nicht-erinnern-zu-fus-auf-dem-fluchtweg-meines-vaters\/","title":{"rendered":"Buchtipp: \u201eAlles, was wir nicht erinnern. Zu Fu\u00df auf dem Fluchtweg meines Vaters\u201c"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Was bleibt vom Vergangenen? \u2013 Christiane Hoffmanns literarische Spurensuche zwischen Flucht, Heimat und Erinnerung<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie erinnern wir uns an eine Geschichte, die nicht unsere eigene ist \u2013 und doch alles mit uns zu tun hat? In ihrem Roman nimmt Christiane Hoffmann ihre Leser:innen mit auf eine ungew\u00f6hnliche Reise: 550 Kilometer wandert sie zu Fu\u00df von Schlesien nach Bayern, auf den Spuren ihres Vaters, der diesen Weg 1945 als Kind im Treck gehen musste. Das Buch ist Familiengeschichte, Reisebericht und historische Reflexion zugleich. Es ist ein Versuch, \u201edie Geschichte in die Gegenwart zu holen\u201c, wie die Autorin in einem Interview erl\u00e4utert.<\/strong><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><!--more--><br \/>\n<strong>Die Handlung: Eine Reise gegen das Vergessen<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann erz\u00e4hlt in ihrem Buch nicht nur von der Flucht ihres Vaters, sondern begibt sich selbst auf dessen Weg \u2013 k\u00f6rperlich wie gedanklich. Sie besucht das ehemalige Rosenthal (heute R\u00f3\u017cyna), spricht mit Menschen in Polen und Tschechien, begegnet Erinnerung und Schweigen. Der Text ist nicht linear, sondern verwoben: pers\u00f6nliche Reflexionen treffen auf historische Recherchen, Gespr\u00e4che auf poetisch-reflektierende Einsch\u00fcbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Ziel: verstehen, f\u00fchlen, erinnern. \u201eIch bin deinen Weg gegangen, meine Beine wissen nun, wie weit es war\u201c, schreibt Hoffmann. Am Ende bleibt vor allem das Gef\u00fchl, dass Geschichte keine abgeschlossene Vergangenheit ist, sondern immer auch Gegenwart und Zukunft beeinflusst.<\/p>\n<div id=\"attachment_62934\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62934\" class=\"size-full wp-image-62934\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/hoffmann-erinnerungsbuch-cover-100-768xauto.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1183\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/hoffmann-erinnerungsbuch-cover-100-768xauto.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/hoffmann-erinnerungsbuch-cover-100-768xauto-195x300.jpg 195w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/hoffmann-erinnerungsbuch-cover-100-768xauto-665x1024.jpg 665w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><p id=\"caption-attachment-62934\" class=\"wp-caption-text\">Christiane Hoffmann: \u201eAlles, was wir nicht erinnern. Zu Fu\u00df auf dem Fluchtweg meines Vaters\u201c<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Heimat als Sehnsuchtsort: Ein ambivalenter Begriff<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHeimat war Rosenthal, Heimat gab es nicht.\u201c Der Begriff Heimat durchzieht das gesamte Buch als etwas Verlorenes, Mythisches, mitunter Unwirkliches. Schlesien wird zur \u201euntergegangenen Provinz\u201c, zum \u201eSehnsuchtsland\u201c, wie Hoffmann schreibt. F\u00fcr viele Schlesier:innen, auch f\u00fcr Hoffmanns Vater, bleibt Heimat ein Ort, der nicht mehr existiert \u2013 und der in der Erinnerung oder Vorstellung weiterlebt. Die Landschaften, die Hoffmann durchwandert, sind ihr fremd und zugleich vertraut. Immer wieder fragt sie sich, ob Heimat nicht doch mehr ist als nur ein Konstrukt oder Mythos. Sie schreibt: \u201eVielleicht ist Heimat doch ein Ort. Warum sonst ber\u00fchrt mich diese Landschaft, als w\u00fcrde ich sie schon ewig kennen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich bleibt Heimat ungreifbar \u2013 besonders f\u00fcr die Nachgeborenen. Hoffmanns Tochter etwa sagt, sie brauche keinen Ort, um sich zugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen \u2013 sie habe eine Familie. Doch auch sie interessiert sich f\u00fcr die Geschichte: \u201eDie Fluchtgeschichte ist Familienerbe\u201c, stellt Hoffmann fest. Heimat ist damit nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein emotionaler und transgenerationaler Raum.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Flucht, Vertreibung und die Geschichte Schlesiens: Geteiltes Leid<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch erinnert daran, dass Flucht nach 1945 kein ausschlie\u00dflich deutsches Schicksal war. In Schlesien wurden nicht nur Deutsche vertrieben \u2013 auch viele Polen waren selbst aus den Ostgebieten geflohen oder wurden zwangsumgesiedelt. Hoffmann schreibt: \u201eDie verlorene Heimat verband uns mit den Piwi\u0144skis, wir teilten ein Schicksal. Wir waren alle Opfer. In diesem Krieg hatten alle gelitten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin beschreibt ein entv\u00f6lkertes Schlesien, das nach dem Krieg mit anderen Menschen \u201eneu bef\u00fcllt\u201c wurde. \u201eMenschen kann man umsiedeln, umgie\u00dfen wie eine Fl\u00fcssigkeit\u201c, schreibt sie, und macht so deutlich, wie willk\u00fcrlich und fremdbestimmt diese Verschiebungen f\u00fcr die Betroffenen gewesen sein m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Intergenerationale Traumata: Das Unsagbare wirkt nach<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer der st\u00e4rksten Aspekte des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Schweigen. \u201eDer Schmerz, \u00fcber den in meiner Kindheit geschwiegen wurde\u201c, ist f\u00fcr Hoffmann allgegenw\u00e4rtig. Sie spricht vom \u201ePakt des Schweigens\u201c, den viele Kriegskinder und -enkel kennen. Die Generation ihrer Eltern hat \u00fcber das Erlebte kaum gesprochen \u2013 nicht, weil es unwichtig war, sondern weil es zu schmerzhaft war.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Christiane Hoffmann verbindet Geschichte und Gegenwart zu einer leisen, literarischen Wanderung gegen das Vergessen.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHeute wei\u00df man, dass Traumata weitergegeben werden\u201c, schreibt Hoffmann. Krieg und Flucht schreiben sich in K\u00f6rper und Psyche ein \u2013 bis in die dritte Generation. Viele Kriegsenkel sp\u00fcren diese Belastung, ohne sie klar benennen zu k\u00f6nnen. So wird Erinnerung zur Aufgabe: \u201eEs ist meine Aufgabe, deine Geschichte zu erz\u00e4hlen [\u2026], die Erinnerung zu speichern, zu konservieren, einen Vorrat f\u00fcr kommende Generationen anzulegen.\u201c<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Erinnerung als Verantwortung \u2013 und als Br\u00fccke<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, in der Erinnerungskultur zunehmend umk\u00e4mpft ist, setzt Hoffmann ein Zeichen gegen das Vergessen. Ihre literarische Spurensuche zeigt, wie komplex Geschichte ist \u2013 und wie wichtig es ist, die Perspektiven zu erweitern. \u201eWir glauben, dass wir mit der Vergangenheit fertig sind, weil wir alles benannt und bereut haben\u201c, schreibt sie \u2013 und stellt dann doch die Frage: \u201eWie weit sind wir eigentlich?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei geht es nicht darum, Schuld zu relativieren oder Opfer zu \u00fcberbieten. Es geht um eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die Ambivalenzen zul\u00e4sst: \u201eAlle wollen Opfer sein, Helden oder Opfer, nur nicht T\u00e4ter\u201c, hei\u00dft es im Buch. Die Geschichte ist nicht schwarz-wei\u00df \u2013 sie ist vielstimmig, widerspr\u00fcchlich und schmerzlich aktuell.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Gehen, um zu erinnern<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christiane Hoffmanns Buch ist ein kraftvoller Beitrag zur Erinnerungskultur. Es vereint pers\u00f6nliche Geschichte mit politischer Analyse, Empathie mit intellektuellem Tiefgang. Es ist literarisch und dokumentarisch zugleich \u2013 und offenbart dabei die Vielschichtigkeit eines Themas, das unsere Vergangenheit ebenso betrifft wie unsere Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu musst vergessen, um leben zu k\u00f6nnen\u201c, meinte ihr verstorbener Vater einst zu Christiane Hoffmann. Doch sie selbst geht den anderen Weg: Sie erinnert, sie erz\u00e4hlt, sie verbindet. Und macht damit deutlich, dass Erinnern kein Selbstzweck ist, sondern Voraussetzung f\u00fcr eine gemeinsame Zukunft.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Buch wurde 2022 vom Verlag C.H. Beck ver\u00f6ffentlicht. Es ist in deutscher sowie in polnischer Sprache unter anderem auf Amazon erh\u00e4ltlich: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Alles-was-wir-nicht-erinnern\/dp\/3423352167\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alles, was wir nicht erinnern: Zu Fu\u00df auf dem Fluchtweg meines Vaters : Hoffmann, Christiane: Amazon.de: B\u00fccher<\/a><\/em><br \/>\n<em><a href=\"https:\/\/www.amazon.pl\/CZEGO-PAMI%C4%98TAMY-PIESZO-%C5%9ALADAMI-UCIECZKI\/dp\/8366707989\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CZEGO NIE PAMI\u0118TAMY. PIESZO \u015aLADAMI UCIECZKI OJCA : Hoffmann Christiane: Amazon.pl: Ksi\u0105\u017cki<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bleibt vom Vergangenen? \u2013 Christiane Hoffmanns literarische Spurensuche zwischen Flucht, Heimat und Erinnerung Wie erinnern wir uns an eine Geschichte, die nicht unsere eigene ist \u2013 und doch alles mit uns zu tun hat? 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