{"id":70711,"date":"2025-09-07T17:00:17","date_gmt":"2025-09-07T15:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/vergessenes-erbe-die-verschollene-stadt-kupferberg-2\/"},"modified":"2025-09-07T17:00:17","modified_gmt":"2025-09-07T15:00:17","slug":"vergessenes-erbe-die-verschollene-stadt-kupferberg-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-die-verschollene-stadt-kupferberg-2\/","title":{"rendered":"Vergessenes Erbe: Die verschollene Stadt Kupferberg"},"content":{"rendered":"<h1>Vom Erdboden verschwunden: Miedzianka \u2013 Schlesiens Tschernobyl<\/h1>\n<p><strong>Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell die Natur menschliche Erzeugnisse verschlingen kann, wenn diese nicht gepflegt werden. Doch in Schlesien haben wir ein Beispiel daf\u00fcr: Die Stadt Kupferberg, die schon viele Beinamen hat, unter anderem die verschollene Stadt oder Schlesiens Tschernobyl.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wer heute auf den H\u00fcgeln der angesprochenen Stadt spaziert, sieht auf den ersten Blick nur unscheinbare Felder, Buschwerk und ein paar Ruinen. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt in den \u00fcberwucherten Resten die Spuren einer Stadt, die einst reich und bedeutend war. Miedzianka \u2013 so lautet ihr polnischer Name \u2013 war ein Ort mit \u00fcber 700 Jahren Geschichte. Sie hatte alles, was eine lebendige Stadt ausmacht: M\u00e4rkte, Kirchen, Handwerk, Bergwerke, eine Brauerei, sogar ein Schloss. Heute ist fast nichts davon \u00fcbrig. Man k\u00f6nnte meinen, die Erde habe die Stadt verschluckt und alle Spuren ihrer Vergangenheit getilgt. Dabei war Kupferberg lange Zeit ein Symbol f\u00fcr wirtschaftliche St\u00e4rke und Erfindergeist, bevor es zum Sinnbild f\u00fcr Zerst\u00f6rung und Vergessen wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_65145\" style=\"width: 636px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65145\" class=\" wp-image-65145\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe_Easy-Resize.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"470\" \/><p id=\"caption-attachment-65145\" class=\"wp-caption-text\">Eine Erinnerungstafel an die Stadt Kupferberg.<br \/>Foto:\u00a0\u0141ukasz Bi\u0142y<\/p><\/div>\n<h2><strong>Kupferberg: Vom bl\u00fchenden Bergbauzentrum zum Kurort<\/strong><\/h2>\n<p>Die Anf\u00e4nge reichen zur\u00fcck ins 12. Jahrhundert. Damals entdeckten Siedler in den Bergen Erzvorkommen, die bald das Schicksal des Ortes bestimmen sollten. Aus einem kleinen Dorf wurde nach und nach ein Zentrum des Bergbaus. Schon im 15. Jahrhundert war die Gegend ber\u00fchmt f\u00fcr ihre Kupferlagerst\u00e4tten, zeitweise wurde sogar Silber gef\u00f6rdert. Werkst\u00e4tten, Schmelzh\u00fctten und eine Vitriolproduktion sorgten f\u00fcr Wohlstand und brachten den Menschen Arbeit. 1519 erhielt Kupferberg den offiziellen Status einer Bergstadt \u2013 ein Privileg, das es nur an wenigen Orten gab. \u00dcber 160 Stollen und Sch\u00e4chte waren damals in Betrieb, und die Stadt entwickelte sich zu einem bedeutenden Produktionszentrum im Habsburgerreich. Mit dem Bergbau kamen H\u00e4ndler, Handwerker, Wirte und Geistliche. Entstanden war eine Stadt, die nicht nur rohstoffreich, sondern auch kulturell lebendig war. Kirchen und Wohnh\u00e4user pr\u00e4gten das Bild, ein Schloss zeugte vom Selbstbewusstsein der Bewohner. Sogar eine Papierm\u00fchle und eine Brauerei entstanden \u2013 beides Betriebe, die sich neben dem Bergbau lange Zeit behaupteten. Kupferberg erlebte H\u00f6hen und Tiefen, Kriege und Br\u00e4nde, doch die Stadt erhob sich immer wieder aus den Ruinen. Noch im fr\u00fchen 20. Jahrhundert galt sie als Schmuckst\u00fcck der Region, das nicht nur Arbeiter, sondern auch Touristen anzog.<\/p>\n<h2><strong>Geheimer Uranabbau: Sowjetische \u00c4ra und Zerst\u00f6rung Kupferbergs<\/strong><\/h2>\n<p>Nach dem Ende des Bergbaus im Jahr 1925 wandelte sich Kupferberg zu einem beliebten Kurort. G\u00e4ste aus der weiteren Umgebung kamen, um die reine Luft, die beeindruckende Aussicht und die Ruhe zu genie\u00dfen. Es schien, als w\u00fcrde die Stadt einen neuen Weg finden \u2013 weg von der Industrie, hin zu Erholung und Tourismus. Doch dieser Traum w\u00e4hrte nur kurz. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ver\u00e4nderte sich die Lage dramatisch. Die Sowjetunion, die das Gebiet nun kontrollierte, entdeckte in den Bergen Uran. Der unscheinbare Ort wurde pl\u00f6tzlich von h\u00f6chster strategischer Bedeutung f\u00fcr das Atomprogramm der Roten Armee. Offiziell sprach man nie von Uran. In den Papieren war von einer \u201ePapierfabrik\u201c die Rede, w\u00e4hrend in Wahrheit Bergleute unter extremen Bedingungen die begehrte Erzsubstanz f\u00f6rderten. F\u00fcr die Arbeiter gab es keine Sicherheit, keine Aufkl\u00e4rung \u00fcber Risiken, nur Versprechungen von gutem Verdienst. Bald klagten viele \u00fcber Atemnot, Hautprobleme oder Zahnverlust \u2013 typische Symptome radioaktiver Belastung, die aber niemand beim Namen nennen durfte. Das Leben in der Stadt war nun gepr\u00e4gt von Angst, \u00dcberwachung und Misstrauen. Wer Briefe mit Andeutungen schrieb, riskierte Gef\u00e4ngnis. Wer versuchte, etwas Uran f\u00fcr den Schwarzmarkt herauszuschmuggeln, bezahlte dies oft mit dem Leben. Kupferberg wurde zu einem Ort des Schweigens, ein Schauplatz geheimer Arbeiten, die sp\u00e4ter gr\u00fcndlich aus den Archiven gel\u00f6scht wurden.<\/p>\n<div id=\"attachment_65146\" style=\"width: 636px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65146\" class=\" wp-image-65146\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe-Autor-Lukasz-Bily_Easy-Resize.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"470\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe-Autor-Lukasz-Bily_Easy-Resize.com_.jpg 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe-Autor-Lukasz-Bily_Easy-Resize.com_-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe-Autor-Lukasz-Bily_Easy-Resize.com_-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Foto1-KW35lb-vergesseneserbe-Autor-Lukasz-Bily_Easy-Resize.com_-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><p id=\"caption-attachment-65146\" class=\"wp-caption-text\">Von Kupferberg ist au\u00dfer ein paar Ruinen und den alles \u00fcberwuchernden Pflanzen nichts mehr \u00fcbrig.<br \/>Foto:\u00a0\u0141ukasz Bi\u0142y<\/p><\/div>\n<h2><strong>Kupferberg verschwindet: Abriss, Umsiedlung und Spuren der Vergangenheit<\/strong><\/h2>\n<p>Die Konsequenzen waren katastrophal. Der Bergbau unterh\u00f6hlte das Gel\u00e4nde, viele Geb\u00e4ude sanken ein oder st\u00fcrzten ein. Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge verfielen, w\u00e4hrend die Beh\u00f6rden immer st\u00e4rker darauf dr\u00e4ngten, den Ort aufzugeben. Ab den 1960er-Jahren fiel die endg\u00fcltige Entscheidung: Kupferberg sollte verschwinden. 1967 begann man damit, H\u00e4user systematisch abzurei\u00dfen. Sogar der Friedhof blieb nicht verschont \u2013 Grabplatten wurden herausgerissen, Gebeine verstreut. F\u00fcr die letzten Bewohner war es ein doppelter Verlust: Sie verloren nicht nur ihre H\u00e4user, sondern auch die Erinnerung an ihre Ahnen. Bis 1972 war die Umsiedlung nach Jelenia G\u00f3ra abgeschlossen, und auf dem Papier existierte die Stadt nicht mehr. Wer heute durch die Gegend l\u00e4uft, sieht nur noch vereinzelte Spuren. Ein alter Kirchbau, der wie durch ein Wunder stehen blieb, erhebt sich zwischen B\u00fcschen und Gestr\u00fcpp. Dahinter lassen sich die Reste einer einst pr\u00e4chtigen Toranlage finden. Ansonsten sind es kleine H\u00fcgel, \u00fcberwucherte Fundamente, die von der einstigen Stadt k\u00fcnden. Es ist kaum zu glauben, dass hier einmal ein Marktplatz mit Brunnen, Handwerksl\u00e4den und lebendigem Treiben war.<\/p>\n<h2><strong>Die Macht der Natur: Wie die Natur eine ganze Stadt zur\u00fcckerobert<\/strong><\/h2>\n<p>Spazierend durch die \u00dcberreste von Kupferberg macht sich der Mensch Gedanken, wie es sein kann, dass die Natur auf diese Weise eine ganze Stadt verschlingen kann. Und doch ist es kein Einzelph\u00e4nomen. Die Natur besitzt eine erstaunliche Kraft, die uns Menschen immer wieder vor Augen f\u00fchrt, wie verg\u00e4nglich unsere Bauwerke sind. Schon wenige Jahre ohne Pflege reichen aus, damit Pflanzen, Moos und B\u00e4ume Mauern durchbrechen, D\u00e4cher einst\u00fcrzen und Wege \u00fcberwuchert werden. Was wir \u00fcber Generationen hinweg erschaffen, kann in k\u00fcrzester Zeit von Wurzeln, Regen und Frost zerst\u00f6rt werden. Besonders sichtbar wird dieses Ph\u00e4nomen an verlassenen D\u00f6rfern oder Industrieanlagen, wo die Natur ungehindert Raum zur\u00fcckerobert. Ganze Stra\u00dfenz\u00fcge verschwinden im Gr\u00fcn, Mauern brechen unter dem Druck von Baumwurzeln, und selbst massive Steinbauten verlieren gegen die stetige Kraft von Wind und Wetter. Dieses Zusammenspiel zeigt, dass der Mensch nur Gast auf der Erde ist. Ohne stetige Pflege wird jedes Werk, sei es noch so monumental, wieder Teil der Landschaft. Genau das ist mit Kupferberg passiert.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eSpazierend durch die \u00dcberreste von Kupferberg macht sich der Mensch Gedanken, wie es sein kann, dass die Natur auf diese Weise eine ganze Stadt verschlingen kann\u201c.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<h2><strong>Kupferbergs Wiedergeburt: Brauerei, Tourismus und lebendige Erinnerung<\/strong><\/h2>\n<p>Und doch lebt Kupferberg heute auf eine andere Weise weiter. Zwar sind die historischen Geb\u00e4ude verschwunden, doch die Geschichten und Mythen um den Ort ziehen nach wie vor Besucher an. Historische Tafeln entlang eines Wanderwegs erinnern an die 900-j\u00e4hrige Vergangenheit. Am meisten Aufmerksamkeit erregt aber eine neue Brauerei, die seit 2015 in Miedzianka Bier braut \u2013 wie einst in den goldenen Zeiten der Stadt. Auf ihrer Terrasse sitzen G\u00e4ste, genie\u00dfen den Blick in die Landschaft und sto\u00dfen an, ohne vielleicht zu wissen, wie viel Tragik und Leid mit diesem Boden verbunden sind. Doch genau darin liegt eine besondere Symbolik: Aus einem Ort des Schweigens ist ein Ort der Begegnung geworden. Kupferberg mag vom Erdboden verschwunden sein, doch seine Geschichte lebt fort \u2013 in den Erz\u00e4hlungen, in den sp\u00e4rlichen Ruinen und im Geschmack eines Bieres, das an die widerstandsf\u00e4hige Seele dieser Stadt erinnert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Erdboden verschwunden: Miedzianka \u2013 Schlesiens Tschernobyl Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell die Natur menschliche Erzeugnisse verschlingen kann, wenn diese nicht gepflegt werden. 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