{"id":70615,"date":"2025-09-19T17:30:08","date_gmt":"2025-09-19T15:30:08","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/buchtipp-zugezogen-flucht-und-vertreibung-erinnerungen-der-zweiten-generation-2\/"},"modified":"2025-09-19T17:30:08","modified_gmt":"2025-09-19T15:30:08","slug":"buchtipp-zugezogen-flucht-und-vertreibung-erinnerungen-der-zweiten-generation-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/buchtipp-zugezogen-flucht-und-vertreibung-erinnerungen-der-zweiten-generation-2\/","title":{"rendered":"Buchtipp: \u201eZugezogen: Flucht und Vertreibung \u2013 Erinnerungen der zweiten Generation\u201c"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Erinnerungen, die nicht verstummen: Wie Nachkommen von Vertriebenen mit den Spuren von Flucht und Heimatverlust leben<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mehr als zehn Millionen Menschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Heimatorten in Mittel- und Osteuropa vertrieben. Diese Erfahrung pr\u00e4gte nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder \u2013 die sogenannte \u201ezweite Generation\u201c. In dem von Roswitha Schieb und Rosemarie Zens herausgegebenen Band \u201eZugezogen: Flucht und Vertreibung \u2013 Erinnerungen der zweiten Generation\u201c kommen genau diese Kinder zu Wort: Menschen, die zwar selbst nicht vertrieben wurden, aber dennoch mit der Last der Vergangenheit aufwuchsen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->In Essays, Gedichten, Interviews und Kurzprosa gew\u00e4hren deutsche und polnische Autor:innen Einblick in fragmentierte Familiengeschichten, die Suche nach Identit\u00e4t und ambivalente Gef\u00fchle gegen\u00fcber Orten, Sprachen und Herkunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Fremden sind wir selber\u201c, bringt es Barbara Lehmann pr\u00e4gnant auf den Punkt \u2013 ein Satz, der wie ein Leitmotiv \u00fcber vielen der Texte steht.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Entwurzelung und neuer Verwurzelung: Heimat als offene Frage<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anthologie zeigt, wie vielschichtig und oft widerspr\u00fcchlich die Nachwirkungen von Vertreibung erlebt werden. Im Spannungsfeld zwischen Heimatverlust und der Suche nach einem neuen Ort entsteht eine fragile Identit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So beschreibt Jenny Schon das anhaltende Gef\u00fchl, nie wirklich anzukommen und \u201eirgendwie immer fehl am Platz\u201c zu sein. Joachim Schieb wiederum versucht, die Leerstelle der Nichtzugeh\u00f6rigkeit durch famili\u00e4ren Zusammenhalt zu f\u00fcllen. Er bewahrt sich daher \u201elange Wurzeln, Luftwurzeln und Offenheit\u201c \u2013 ein Bild, das Stabilit\u00e4t und Beweglichkeit zugleich in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch radikaler klingt die Perspektive von Martin Jankowski, der sich von tradierten Herkunftsvorstellungen bewusst l\u00f6st: \u201eIch habe keine Wurzeln, ich habe zwei Beine.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Satz steht sinnbildlich f\u00fcr eine Identit\u00e4t, die sich nicht \u00fcber Herkunft, sondern \u00fcber Offenheit und Bewegung definiert \u2013 eine produktive Haltung, die aus dem Bruch erw\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig bleibt oft ein Gef\u00fchl zur\u00fcck, das sich kaum benennen l\u00e4sst \u2013 ein unstillbarer Schmerz, der sich tief ins Ged\u00e4chtnis eingeschrieben hat: \u201eDer Mensch, der seinen Ort verlassen muss, gibt einen wesentlichen Teil seiner selbst auf. Phantomschmerzen werden ihn bis ans Lebensende qu\u00e4len.\u201c Es ist dieser unsichtbare Verlust, der wie ein leiser Unterton viele der Texte durchzieht.<\/p>\n<div id=\"attachment_62927\" style=\"width: 1617px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62927\" class=\"size-full wp-image-62927\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1607\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1.jpg 1607w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1-188x300.jpg 188w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1-643x1024.jpg 643w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1-768x1223.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1-964x1536.jpg 964w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Schieb-Zens-Zugezogen-scaled-1-1286x2048.jpg 1286w\" sizes=\"auto, (max-width: 1607px) 100vw, 1607px\" \/><p id=\"caption-attachment-62927\" class=\"wp-caption-text\">Roswitha Schieb und Rosemarie Zens: \u201eZugezogen: Flucht und Vertreibung \u2013 Erinnerungen der zweiten Generation\u201c<\/p><\/div>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Vererbte Wunden: Die Last der Erinnerung<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch verdeutlicht eindrucksvoll, wie sich die Traumata der Eltern auf ihre Kinder \u00fcbertragen \u2013 nicht nur emotional, sondern auch k\u00f6rperlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTraumatisierungen [\u2026] k\u00f6nnen sich laut aktueller Genforschung durch Epigenetik von der Erlebnisgeneration auf die n\u00e4chste Generation vererben.\u201c Diese Erkenntnis erh\u00e4lt in den literarischen Stimmen der zweiten Generation ein konkretes Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oft ist es gerade das Schweigen, das am lautesten wirkt. Barbara Lehmann spricht von Familiengeschichten, die nur in \u201eFetzen\u201c \u00fcberliefert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katarzyna Turaj-Kalinska erz\u00e4hlt von Identit\u00e4tsverlust und Sprachverwirrung \u2013 Erfahrungen, die aus dem Fehlen klarer Narrative entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So entsteht ein Zustand, der fast unwirklich wirkt: ein kollektiver Ged\u00e4chtnisverlust, der auch gesellschaftlich sp\u00fcrbar ist. \u201eDie Erinnerung an Schlesien sollte m\u00f6glichst schnell aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verschwinden\u201c \u2013 das Thema Flucht und Vertreibung war nicht nur in der Sowjetischen Besatzungszone, sondern auch in der DDR tabu. Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene wurden als \u201eUmsiedler\u201c bezeichnet, ab 1950 dann als \u201eNeub\u00fcrger\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch aktuelle Studien zeigen: Die Erinnerung an die ehemaligen Ostgebiete ist bei vielen nach 1980 Geborenen nicht nur marginalisiert, sondern h\u00e4ufig v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Zugeh\u00f6rigkeit in mehreren Sprachen: Die deutsche und die polnische Perspektive<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders stark ist das Buch dort, wo es auch polnische Perspektiven einbezieht. Denn nicht nur Deutsche wurden aus Schlesien vertrieben \u2013 auch viele Pol:innen mussten ihre Heimat in Ostpolen verlassen. Die Parallelen sind un\u00fcbersehbar: W\u00e4hrend \u00fcber diese Themen im sozialistischen Polen kaum \u00f6ffentlich gesprochen werden durfte, blieb das Schweigen in den Familien dennoch durchl\u00e4ssig.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Wo Worte fehlen, spricht die Stille: Wenn das Schweigen der Eltern zur lautesten Stimme wird.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Zitat des polnischen Dichters Adam Zagajewski bringt das innere Dilemma der zweiten Generation eindringlich auf den Punkt: \u201eEs ziemte sich n\u00e4mlich nicht, hier, in dieser zuf\u00e4lligen Stadt, die Welt sch\u00f6n zu finden.\u201c Dahinter verbirgt sich ein Gef\u00fchl der Entwurzelung, das auf beiden Seiten sp\u00fcrbar ist \u2013 egal, welche Sprache gesprochen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade diese interkulturelle \u00d6ffnung zeigt: Vertreibung, Verlust und Identit\u00e4tskonflikte sind keine nationalen Ph\u00e4nomene \u2013 sie sind universelle menschliche Erfahrungen. Und gerade in dieser Gemeinsamkeit liegt das Potenzial f\u00fcr Verstehen und Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><strong>Von der Vergangenheit lernen: Erinnerung als Zukunftsarbeit<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch ist weit mehr als nur eine Sammlung pers\u00f6nlicher Geschichten. Es ist ein kollektives Erinnerungsprojekt, das versucht, Geschichte zu erz\u00e4hlen, ohne sie zu verh\u00e4rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rosemarie Zens fasst diese Haltung in einem Satz zusammen, der offen l\u00e4sst, was daraus wird \u2013 Trennung oder Ann\u00e4herung: \u201eWir bleiben uns fremd, wir r\u00fccken einander n\u00e4her.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Erinnerungsort selbst \u2013 in Zens\u2019 Lyrik das Meer, insbesondere die Ostsee \u2013 wird zur \u201eMetapher des Erinnerns und Vergessens\u201c. Es steht f\u00fcr das, was verborgen ist, verdr\u00e4ngt, aber nie ganz verschwunden \u2013 f\u00fcr das Unbewusste, das sich zwischen den Generationen weitertr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vergangenheit l\u00e4sst sich nicht ungeschehen machen. Aber sie l\u00e4sst sich befragen. Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Buches: Erinnerung muss keine Last sein. Sie kann eine Br\u00fccke sein \u2013 zu mehr Verst\u00e4ndnis, Mitgef\u00fchl und Verantwortung in einer Welt, in der Flucht und Vertreibung noch immer bittere Realit\u00e4t sind.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Buch wurde 2016 vom Ferdinand Sch\u00f6ningh Verlag ver\u00f6ffentlicht. Erh\u00e4ltlich ist es unter anderem auf Amazon: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Zugezogen-Vertreibung-Erinnerungen-zweiten-Generation\/dp\/3506785702\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.amazon.de\/Zugezogen-Vertreibung-Erinnerungen-zweiten-Generation\/dp\/3506785702<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungen, die nicht verstummen: Wie Nachkommen von Vertriebenen mit den Spuren von Flucht und Heimatverlust leben Mehr als zehn Millionen Menschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Heimatorten in Mittel- und Osteuropa vertrieben. Diese Erfahrung pr\u00e4gte nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Kinder \u2013 die sogenannte \u201ezweite Generation\u201c. 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