{"id":70390,"date":"2025-10-07T12:20:32","date_gmt":"2025-10-07T10:20:32","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/70390\/"},"modified":"2025-10-07T12:20:32","modified_gmt":"2025-10-07T10:20:32","slug":"70390","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/70390\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1><strong>Kann historische Wahrheit in einer Demokratie unerw\u00fcnscht sein?<\/strong><\/h1>\n<p><strong>In den Jahren, in denen Solidarno\u015b\u0107 entstand, studierte ich in Posen. Die Stadt brodelte vor Versammlungen aller Art, Forderungskatalogen und Streiks hier und da. Der Kriegszustand brachte alles zum Erliegen, oder besser gesagt, dr\u00e4ngte alles in den Untergrund. Die geheimen Treffen entwickelten in kurzer Zeit ein Eigenleben, man benutzte keine Namen mehr und Informationen wurden ausschlie\u00dflich m\u00fcndlich weitergegeben.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei einem dieser Treffen diskutierten wir \u00fcber das zuk\u00fcnftige demokratische System in Polen nach dem Zusammenbruch des Sozialismus. Ich erinnere daran, dass der ber\u00fchmte Kongress der Solidarno\u015b\u0107 in der Oliwia-Halle seine Resolution zu den nationalen Minderheiten verabschiedete, in der auch die Deutschen erw\u00e4hnt wurden. Wir versammelten uns in einem kleinen Raum und tauschten uns \u00fcber grundlegende demokratische Werte aus. Ich wies darauf hin, dass die Rechte nationaler Minderheiten garantiert werden m\u00fcssen. Eine der Teilnehmerinnen, eine Mitarbeiterin des Westinstituts, fragte mich, ob ich vielleicht Mitglied einer solchen Minderheit sei. Als sie h\u00f6rte, dass ich Deutscher aus Schlesien bin, fragte sie: \u201eUnd wie viele Deutsche gibt es in Polen?\u201d Ich antwortete, dass ich in Bezug auf die Identit\u00e4t nur \u00fcber meine n\u00e4heren und entfernteren Verwandten und Bekannten sprechen k\u00f6nne, aber dass man das im Westinstitut wissen sollte, da dieses f\u00fcr die Erforschung der Westgebiete zust\u00e4ndig sei. Ich erinnere mich noch heute an die Antwort: \u201eWir d\u00fcrfen nicht dar\u00fcber forschen.\u201c Es gab schlie\u00dflich die offizielle Auslegung, dass es in Polen keine Deutschen gibt. Diese Situation kommt mir im demokratischen Polen immer \u00f6fter in den Sinn.<\/p>\n<p>Vor kurzem haben wir einen weiteren Jahrestag des \u00dcberfalls des Dritten Reiches auf Polen begangen. Einige Tage sp\u00e4ter habe ich mich erneut mit den Kontroversen um den \u201eblutigen Sonntag von Bromberg\u201c besch\u00e4ftigt. Dabei geht es um mehrere hundert deutsche Einwohner der Stadt, die am 3. und 4. September 1939 in Bromberg get\u00f6tet wurden. In diesem Zusammenhang darf der unerm\u00fcdliche Erforscher dieser Ereignisse \u2013 Prof. Jastrz\u0119bski \u2013 kaum unerw\u00e4hnt bleiben. In seiner Ver\u00f6ffentlichung aus dem Jahr 1988 schloss er eine deutsche Diversion, die auf Vergeltungsma\u00dfnahmen stie\u00df, nicht aus. Im Jahr 2003 schloss er diese Version bereits aus und erkl\u00e4rte, dass aus den Untersuchungen eindeutig hervorgeht, dass es in Bromberg einfach zu Selbstjustiz und Massakern an der deutschen Minderheit durch Polen gekommen ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Mit Besorgnis stelle ich fest, dass das Knebeln der M\u00fcnder und das Nachgeben vor der Propaganda im Namen \u201eh\u00f6herer Ziele\u201d in der Geschichte immer einen R\u00fcckschritt der Demokratie \u2013 mit ihrer Meinungs-, Medien- und Gedankenfreiheit \u2013 bedeutet hat.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Sofort wurde er zum Ziel allgemeiner Angriffe, auch von Seiten der Historiker, und musste sein Amt als Direktor des Instituts f\u00fcr Geschichte der Akademie Bromberg niederlegen. Er selbst sagt: <strong>\u201eIch habe f\u00fcr die Wissenschaft gelitten, denn die historische Wahrheit war f\u00fcr mich immer das Wichtigste.\u201c<\/strong> In Interviews verglich er die in Polen geltenden historischen Interpretationen mit Propaganda, die sich der Objektivit\u00e4t verschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt schwer, ihm nicht Recht zu geben, wenn man bedenkt, dass wir in den letzten Monaten einen massiven Propagandaangriff auf die Ausstellung \u201eNasi Ch\u0142opcy\u201c (Unsere Jungs) im Museum von Danzig, eine einseitige Bewertung der Trag\u00f6die von Wolhynien und die \u00c4chtung von Prof. Krzysztof Ruchniewicz erlebt haben. Dies ist nicht nur ein Problem eines kleinen Kreises von Historikern.<\/p>\n<p>Leider besch\u00e4ftigen all diese Themen auch Politiker und weite Kreise der Gesellschaft, die nicht nach Wissen suchen, sondern die Geschichte f\u00fcr ihre eigenen, vorgefassten Thesen nutzen. F\u00fcr Politiker wird sie zu einem Element des endlosen Kampfes um die Macht. F\u00fcr die sogenannten normalen B\u00fcrger ist sie ein Instrument, um nationale Komplexe zu sch\u00fcren, Mythen und \u00c4ngste zu n\u00e4hren und verschiedene Formen der Aggression zu rechtfertigen. Das erste Opfer einer solchen Haltung ist immer die Wahrheit und diejenigen, die versuchen, sie zu ergr\u00fcnden. Sie \u2013 wie Prof. Jastrz\u0119bski oder Prof. Ruchniewicz \u2013 bezahlen f\u00fcr ihr Streben nach Objektivit\u00e4t und die Er\u00f6ffnung einer Diskussion, wo andere bereits eine geschlossene These vertreten.<\/p>\n<p>Die universit\u00e4ren oder staatlichen Strukturen haben sie nicht in Schutz genommen. F\u00fcr ihren Beitrag zur Debatte haben beide ihre Positionen verloren. Mit Besorgnis stelle ich fest, dass das Knebeln der M\u00fcnder und das Nachgeben vor der Propaganda im Namen \u201eh\u00f6herer Ziele\u201d in der Geschichte immer einen R\u00fcckschritt der Demokratie \u2013 mit ihrer Meinungs-, Medien- und Gedankenfreiheit \u2013 bedeutet hat. Leider droht dies auch denen, die selbst den Mund voller demokratischer Losungen haben.<\/p>\n<p>Demokratie kann zu einer Karikatur ihrer selbst werden und sich in Ideologie verwandeln. Aber das ist schon ein Thema f\u00fcr eine andere Kolumne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann historische Wahrheit in einer Demokratie unerw\u00fcnscht sein? In den Jahren, in denen Solidarno\u015b\u0107 entstand, studierte ich in Posen. Die Stadt brodelte vor Versammlungen aller Art, Forderungskatalogen und Streiks hier und da. Der Kriegszustand brachte alles zum Erliegen, oder besser gesagt, dr\u00e4ngte alles in den Untergrund. 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