{"id":70347,"date":"2025-10-14T11:08:21","date_gmt":"2025-10-14T09:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/deutsch-polnisch-menschlich\/"},"modified":"2025-10-14T11:08:21","modified_gmt":"2025-10-14T09:08:21","slug":"deutsch-polnisch-menschlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/deutsch-polnisch-menschlich\/","title":{"rendered":"Deutsch, polnisch, menschlich"},"content":{"rendered":"<h1>Vincent Helbig \u00fcber Identit\u00e4t, Geschichte und den Wert des Miteinanders<\/h1>\n<p><strong>Mit Vincent Helbig, bekannt als \u201eWasz Niemiec\u201c, sprach Andrea Polanski \u00fcber deutsch-polnische Beziehungen, seine Erfahrungen als Deutscher in Polen und die Rolle von Social Media beim Abbau von Vorurteilen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Du lebst in Kleinpolen, einer Region, in der die PiS traditionell stark ist und die Partei in ihrer Rhetorik oft antideutsche T\u00f6ne anschl\u00e4gt. Sp\u00fcrst du diese politischen Stimmungen im Alltag \u2013 und wie pr\u00e4gen sie den Blick auf dich als Deutschen?<br \/>\nIn meinem privaten Alltag habe ich antideutsche Stimmungen kaum erlebt. Pers\u00f6nlich habe ich nur sehr selten entsprechende Spr\u00fcche geh\u00f6rt und politisch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch wenn die PiS hier stark ist, f\u00fchle ich mich in der Region wohl und habe nicht das Gef\u00fchl, dass meine Herkunft ein Problem darstellt.<\/p>\n<div id=\"attachment_66391\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66391\" class=\" wp-image-66391\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_5933-683x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"876\" \/><p id=\"caption-attachment-66391\" class=\"wp-caption-text\">Vincent Helbig, bekannt als \u201eWaszNiemiec<br \/>Foto: Micha\u0142 Lichta\u0144ski<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Und in einer breiteren Perspektive: Wenn du auf ganz Polen schaust, wie nimmst du derzeit die deutsch-polnischen Beziehungen wahr?<\/h3>\n<p>Ich habe den Eindruck, dass es regionale Unterschiede gibt. Menschen in Gegenden, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland geh\u00f6rten \u2013 etwa in Schlesien oder Ostpreu\u00dfen \u2013 zeigen oft mehr Sensibilit\u00e4t und Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber Deutschen. In Gespr\u00e4chen mit Menschen aus diesen Regionen habe ich gemerkt, dass sie eher den Menschen im Deutschen sehen und weniger ausschlie\u00dflich die Politik im Blick haben. In Gebieten wie Kleinpolen oder den Vorkarpaten erlebe ich dagegen h\u00e4ufiger Vorbehalte. Das ist nat\u00fcrlich keine wissenschaftlich belegte Erkenntnis, sondern ein pers\u00f6nlicher Eindruck aus vielen Gespr\u00e4chen und Begegnungen.<\/p>\n<div id=\"attachment_66392\" style=\"width: 852px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66392\" class=\" wp-image-66392\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"842\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-300x225.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-768x576.jpeg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_4694-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 842px) 100vw, 842px\" \/><p id=\"caption-attachment-66392\" class=\"wp-caption-text\">Vincent Helbig, bekannt als \u201eWasz Niemiec&#8220;<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<h3>Gerade in sozialen Medien ist der Ton oft rau. Begegnest du dort auch gezielt antideutschen Kommentaren oder Hass \u2013 und unterscheidet sich das von dem, was du offline erlebst?<\/h3>\n<p>Ja, im Internet erlebe ich das t\u00e4glich. Es gibt Kommentare, in denen mir das Schlimmste gew\u00fcnscht wird oder in denen gefordert wird, ich solle Polen verlassen, weil ich Deutscher bin. Fast unter jedem Post tauchen Bemerkungen \u00fcber Reparationszahlungen auf. Allein die Tatsache, dass ich als Deutscher auf Polnisch Content mache, ruft bei einigen heftige Reaktionen hervor. Soweit ich wei\u00df, gibt es nicht viele Deutsche mit gr\u00f6\u00dferer Reichweite auf polnischsprachigen Kan\u00e4len \u2013 auf Instagram bin ich da wohl einer der wenigen. Entsprechend h\u00e4ufig bekomme ich Hasskommentare wie \u201eEin guter Deutscher ist ein toter Deutscher\u201c. Solche Reaktionen sind online deutlich pr\u00e4senter als im Alltag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_66394\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66394\" class=\"size-large wp-image-66394\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_8837-768x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" \/><p id=\"caption-attachment-66394\" class=\"wp-caption-text\">Vincent Helbig, bekannt als \u201eWasz Niemiec&#8220;<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<h3>Wie hat sich dein Umgang mit Hasskommentaren im Laufe der Jahre ver\u00e4ndert?<\/h3>\n<p>Am Anfang wusste ich nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe Instagram vor etwa zwei Jahren gestartet und zun\u00e4chst noch versucht, auf manche Kommentare zu reagieren. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass es vielen einfach nur darum geht, Frust abzulassen. Heute konzentriere ich mich bewusst auf die positiven R\u00fcckmeldungen. Konstruktive Kritik beantworte ich gerne, aber auf reine Beleidigungen oder antideutsche Spr\u00fcche reagiere ich nicht mehr. Etwa 95 Prozent der Kommentare sind positiv und freundlich \u2013 das \u00fcberwiegt ganz klar. Aber wenn man t\u00e4glich Hunderte Kommentare bekommt, bedeuten selbst f\u00fcnf Prozent Negatives, dass man 50 feindselige Nachrichten am Tag liest. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich versuche, das auszublenden, aber nat\u00fcrlich gelingt das nicht immer. Manche Tage stecke ich es locker weg, an anderen belastet es mich mehr.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eMan muss sich nicht zwischen Deutschland und Polen entscheiden \u2013 f\u00fcr mich geh\u00f6ren beide Orte zu meinem Zuhause.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Gab es einen konkreten Ausl\u00f6ser, der dich dazu gebracht hat, deine Erfahrungen als Deutscher in Polen \u00f6ffentlich zu teilen?<\/h3>\n<p>Mir ist es wichtig, dass Deutsche und Polen n\u00e4her zusammenr\u00fccken. In der Politik wird oft das Bild vermittelt, dass unsere V\u00f6lker eine ewige Feindschaft verbindet und ein gutes Miteinander kaum m\u00f6glich sei. Daran glaube ich nicht. Nat\u00fcrlich gab es in der Geschichte schwere Konflikte, aber es gibt auch viele Beispiele f\u00fcr friedliches Zusammenleben \u2013 etwa in Schlesien, wo Deutsche und Polen lange Seite an Seite gewohnt haben. Heute leben rund 1,2 Millionen Menschen mit doppelter deutsch-polnischer Identit\u00e4t, und es gibt \u00fcber 150.000 deutsch-polnische Ehen. F\u00fcr mich sind das Beweise, dass Zusammenleben, Liebe und Frieden zwischen beiden Nationen m\u00f6glich sind. Das m\u00f6chte ich zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Du hast ja schon die deutsche Minderheit erw\u00e4hnt. Hattest du mit ihr schon einmal Kontakt?<\/h3>\n<p>Ja, ich war in Oppeln bei der Buchmesse, die dort auf dem Marktplatz stattfindet. Ein Vertreter der deutschen Minderheit hat mich eingeladen, an einer deutschsprachigen Messe teilzunehmen. Das war eine sehr sch\u00f6ne und positive Erfahrung. Besonders beeindruckt hat mich der altschlesische Dialekt, den viele dort gesprochen haben \u2013 er erinnerte mich an den Dialekt meiner Gro\u00dfmutter aus Niederschlesien. Im Anschluss habe ich mich auch mit dem Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit getroffen, weil mich interessiert, wie es der deutschen Minderheit heute in Polen geht. Wir planen zudem ein gemeinsames Treffen am 14. Oktober in Gleiwitz, bei dem wir \u00fcber deutsch-polnische Beziehungen und auch \u00fcber mein Buch sprechen werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_66393\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66393\" class=\"size-large wp-image-66393\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/IMG_7210-768x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" \/><p id=\"caption-attachment-66393\" class=\"wp-caption-text\">Vincent Helbig, Autor des Buches \u201eWasz Niemiec&#8220;<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<h3>Dein Content hat einerseits etwas Pers\u00f6nliches, andererseits schl\u00e4gt er Br\u00fccken zwischen zwei Gesellschaften, die politisch nicht immer im Einklang sind. Wo siehst du selbst den Schwerpunkt \u2013 Unterhaltung, Integration, Aufkl\u00e4rung?<\/h3>\n<p>F\u00fcr mich ist es eine Mischung aus vielem, aber mein wichtigstes Ziel ist, dass Deutsche und Polen erkennen, wie viel sie gemeinsam haben. Ich m\u00f6chte zeigen, dass Deutsche ganz normale Menschen sind \u2013 nicht so, wie sie manchmal politisch dargestellt werden. Viele Vorurteile, etwa dass Deutsche Polen noch immer wie eine Kolonie betrachten, entsprechen einfach nicht der Realit\u00e4t meines Umfelds. Gleichzeitig will ich auch deutschen Followern ein differenziertes Bild von Polen vermitteln. Das Land hat sich stark entwickelt, in manchem ist es Deutschland sogar voraus, und beide Seiten k\u00f6nnen voneinander lernen. Am Ende geht es mir darum, Br\u00fccken zu bauen \u2013 auf der Grundlage gemeinsamer Werte.<\/p>\n<h3>Wo f\u00fchlst du dich inzwischen mehr zu Hause \u2013 in Deutschland, in Polen oder irgendwo dazwischen?<\/h3>\n<p>Das ist die gro\u00dfe Frage nach der Heimat, die mich schon lange besch\u00e4ftigt. Meine Eltern zogen in den 90er Jahren aus dem Erzgebirge in Sachsen nach Halle (Saale), wo ich geboren wurde. Dort habe ich keine tiefen Wurzeln gesp\u00fcrt, denn keiner meiner Vorfahren hat dort je gelebt. Dann habe ich begonnen, in den Regionen meiner Gro\u00dfeltern \u2013 in Schlesien und Ostpreu\u00dfen \u2013 nach Heimat zu suchen. Dort f\u00fchle ich mich sehr wohl, aber es ist letztlich ihre Heimat, nicht meine. Heute lebe ich in Polen und habe mein Lebenszentrum dorthin verlegt, weil ich vieles an diesem Land sch\u00e4tze. Gleichzeitig f\u00fchle ich mich auch in Deutschland zu Hause. Letztlich glaube ich, dass meine eigentliche, endg\u00fcltige Heimat bei Gott liegt. Bis dahin m\u00f6chte ich meinen Teil dazu beitragen, dass Deutsche und Polen sich n\u00e4herkommen und historische Traumata \u00fcberwinden. Man muss sich nicht zwischen Deutschland und Polen entscheiden \u2013 f\u00fcr mich geh\u00f6ren beide Orte zu meinem Zuhause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vincent Helbig \u00fcber Identit\u00e4t, Geschichte und den Wert des Miteinanders Mit Vincent Helbig, bekannt als \u201eWasz Niemiec\u201c, sprach Andrea Polanski \u00fcber deutsch-polnische Beziehungen, seine Erfahrungen als Deutscher in Polen und die Rolle von Social Media beim Abbau von Vorurteilen.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":66393,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6045,5625,4229],"tags":[],"redaktor":[],"class_list":["post-70347","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bildung","category-kultur-de","category-kulturbildung-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70347","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70347"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70347\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70347"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70347"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70347"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=70347"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}