{"id":70187,"date":"2025-11-01T17:00:59","date_gmt":"2025-11-01T16:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/vielfalt-und-verantwortung-intersektionale-kulturarbeit-in-gleiwitz-2\/"},"modified":"2025-11-01T17:00:59","modified_gmt":"2025-11-01T16:00:59","slug":"vielfalt-und-verantwortung-intersektionale-kulturarbeit-in-gleiwitz-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vielfalt-und-verantwortung-intersektionale-kulturarbeit-in-gleiwitz-2\/","title":{"rendered":"Vielfalt und Verantwortung: Intersektionale Kulturarbeit in Gleiwitz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen und Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu st\u00e4rken. Wir sprechen mit den Entsandten \u00fcber ihre Aufgaben, Ziele und Beweggr\u00fcnde f\u00fcr diese interkulturelle T\u00e4tigkeit. Mit Johannes Schmidt, ifa-Kulturmanager beim Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz, sprach Victoria Matuschek.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_64703\" style=\"width: 1604px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-64703\" class=\"size-full wp-image-64703\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan.jpg\" alt=\"\" width=\"1594\" height=\"2126\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan.jpg 1594w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/7_Johannes-Lucjan-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1594px) 100vw, 1594px\" \/><p id=\"caption-attachment-64703\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Schmidt (links), gemeinsam mit Lucjan Dzumla, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des HDPZ.<br \/>Quelle: Johannes Schmidt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Wie bist du zum ifa-Entsendeprogramm gekommen \u2013 und warum gerade zum Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) in Gleiwitz?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war eigentlich ein l\u00e4ngerer Weg. Ich habe \u2013 anders als viele andere im Entsendeprogramm \u2013 keinen direkten famili\u00e4ren Bezug zu Polen. Nat\u00fcrlich habe ich, wie viele Deutsche, eine Oma und einen Opa, die nach dem Krieg als Kinder aus Schlesien gefl\u00fcchtet sind, aber das war in unserer Familie nie ein gro\u00dfes Thema. In meiner Jugend war ich nie in Polen, obwohl ich nur etwa 100 Kilometer von der Grenze entfernt in Sachsen aufgewachsen bin. Irgendwann habe ich mich dann gewundert: Warum fahren wir in den Urlaub nach Italien, Frankreich oder Spanien, aber nie nach Polen, das doch so nah ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erster Kontakt mit Polen war mit 17 im Rahmen einer Klassenfahrt nach Danzig. Das hat mein Bild von Polen ver\u00e4ndert. Viele Stereotype, die man unbewusst mittr\u00e4gt, best\u00e4tigten sich dort nicht. Ich habe Polen als modernes, offenes Land erlebt. Schon immer habe ich mich f\u00fcr Politik, Kultur und andere L\u00e4nder interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als es nach einem l\u00e4ngeren au\u00dfereurop\u00e4ischen Auslandsaufenthalt schlie\u00dflich um die Studienwahl ging, wollte ich diese Interessen verbinden: In Chemnitz, das in diesem Jahr \u00fcbrigens Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt ist, habe ich deshalb Europastudien und Kulturwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf Ostmitteleuropa studiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Studium stand ich vor der Entscheidung, eine slawische Sprache zu lernen: Russisch, Tschechisch oder Polnisch. Die meisten meiner Kommiliton:innen w\u00e4hlten Russisch \u2013 sicher auch, weil es als \u201en\u00fctzlichere\u201c Sprache galt. Aber ich habe oft das Bed\u00fcrfnis, nicht das zu machen, was alle machen, und Russland reizte mich auch wenig. Polen hingegen fand ich spannend. Die vielschichtigen deutsch-polnischen Beziehungen interessierten mich, das Land bietet kulturell und landschaftlich viel: Meer, Berge, St\u00e4dte \u2013 und ich kannte es alles kaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also habe ich Polnisch gew\u00e4hlt, sp\u00e4ter ein Auslandssemester in Breslau absolviert \u2013 das war, als Breslau Kulturhauptstadt war \u2013 und ich habe dabei viel von der polnischen Kultur kennengelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach diesem Studium trat das Polnische f\u00fcr eine Zeit in den Hintergrund. Ich habe einen Master anderswo im Ausland studiert und die polnische Sprache kaum genutzt. Daf\u00fcr besch\u00e4ftigte ich mich in dieser Zeit intensiv mit der Ausw\u00e4rtigen Kulturpolitik \u2013 und als mir bei der Jobsuche dann die Ausschreibung vom ifa ins Auge fiel, erinnerte ich mich wieder an mein in der Zwischenzeit etwas eingestaubtes Polnisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ifa kannte ich bereits, denn wenn man sich f\u00fcr internationale Kulturpolitik interessiert, sind einem Institutionen wie das ifa, der DAAD oder das Goethe-Institut ein Begriff. Die Stelle in Gleiwitz beim HDPZ hat mich besonders angesprochen, weil sie sehr vielseitig ist. Die Organisation ist stark mit der deutschen Minderheit verbunden, aber nicht darauf beschr\u00e4nkt. Das fand ich reizvoll: Dass man die deutsch-polnischen Beziehungen in ihrer ganzen Bandbreite bearbeiten kann, von Minderheitenarbeit \u00fcber Jugendaustausch und Sprachf\u00f6rderung bis zu erinnerungspolitischen Projekten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Wie sieht deine Arbeit als ifa-Kulturmanager aus? Welche Projekte gestaltest du mit oder bringst du selbst auf den Weg?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Spannende an unserer Arbeit ist, dass wir zwei Standorte haben \u2013 Oppeln und Gleiwitz. Ich bin im B\u00fcro Gleiwitz, wo wir ein kleines Team von vier Personen sind. Das bedeutet: sehr enge Abstimmung, viel Austausch \u00fcber Projekte, gegenseitige Unterst\u00fctzung \u2013 gleichzeitig arbeiten wir aber auch eng mit dem B\u00fcro in Oppeln zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Gleiwitz liegt der Schwerpunkt st\u00e4rker auf Kulturprojekten rund um das oberschlesische Kulturerbe sowie auf Sprachprojekten, z.\u202fB. im Rahmen von \u201eBilingua\u201c, Schulpartnerschaften und sonstigen Sprachanimationen. Seit diesem Jahr koordinieren wir auch das neue Projekt Deutsches Kulturhaus Gleiwitz \u2013 mit zahlreichen Kulturveranstaltungen und Bildungsformaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin au\u00dferdem stark in internationale Kooperationen eingebunden. Besonders spannend finde ich die Arbeit an Projekten mit Partnern aus mehreren L\u00e4ndern, weil sie viele unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Meine Rolle umfasst aber auch ganz praktische Dinge: Als einziger aus Deutschland entsandter Muttersprachler im Team bringe ich meine deutsche Sprachkompetenz ein \u2013 sei es beim Lektorieren, bei Antr\u00e4gen, bei der Titelfindung von Veranstaltungen oder wenn es darum geht, deutsche Perspektiven in die Projektarbeit einflie\u00dfen zu lassen. Ich versuche so auch, aktuelle Diskurse aus Deutschland sichtbar zu machen \u2013 Themen, die in Polen vielleicht nicht so pr\u00e4sent sind, aber relevant sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_64701\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-64701\" class=\"size-full wp-image-64701\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1.jpg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/6_HDPZ-Alltag-Sprachanimation-3_11zon-scaled-1-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-64701\" class=\"wp-caption-text\">Br\u00fccken bauen durch Sprache: Johannes Schmidt leitet eine Sprachanimation f\u00fcr Sch\u00fcler:innen.<br \/>Quelle: Johannes Schmidt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Seit drei Jahren bist du nun im Entsendeprogramm t\u00e4tig \u2013 gibt es ein Projekt, auf das du besonders stolz bist?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie schon erw\u00e4hnt, hatte ich auch die Gelegenheit, mit europ\u00e4ischen Partner:innen aus mehreren L\u00e4ndern zusammenzuarbeiten, wof\u00fcr ich sehr dankbar bin. So konnte ich unter anderem Projekte in Bosnien-Herzegowina sowie in S\u00fcditalien realisieren. Dabei ging es oft darum, mit Gruppen aus Deutschland, Polen und weiteren L\u00e4ndern gemeinsam an verschiedenen Orten erinnerungspolitische Themen zu bearbeiten, die jeweiligen Erfahrungen auszutauschen und so das europ\u00e4ische Miteinander zu st\u00e4rken. Diese multilaterale Zusammenarbeit bringt so viele neue Perspektiven ein und macht die Projekte vielschichtiger und spannender.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Projekt, auf das ich jedoch besonders stolz bin, ist das Projekt \u201eStand with Ukrainbow\u201c. Es war in vielerlei Hinsicht besonders: Wir wollten im deutsch-polnischen Kontext Solidarit\u00e4t mit der Ukraine zeigen \u2013 aber auch den Begriff von \u201eMinderheit\u201c erweitern und gesellschaftspolitisch neu denken. Wir haben zivilgesellschaftliche Akteur:innen aus Deutschland, Polen und der Ukraine zusammengebracht, um sich \u00fcber Minderheitenrechte auszutauschen \u2013 insbesondere im Hinblick auf queer und intersektionale Perspektiven.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei wurden auch die unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen L\u00e4ndern betrachtet: W\u00e4hrend es in Polen unter der PiS-Regierung deutliche R\u00fcckschritte und eine Zunahme von Diskriminierungen gab, fand im ukrainischen Kontext nach Ausbruch des Krieges bspw. eine intensivierte Westorientierung statt, wodurch sich die Situation teilweise progressiver gestaltete, auch wenn z.\u202fB. f\u00fcr trans-Personen aufgrund des Krieges neue Diskriminierungsformen entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Austausch war intensiv: Die queeren Teilnehmenden hatten nicht nur verschiedene sexuelle und geschlechtliche Identit\u00e4ten, sondern es befanden sich unter ihnen auch Gefl\u00fcchtete, Personen mit Schwerbehinderung sowie Personen aus dem Oppelner Schlesien und der Kaschubei, also Regionen mit starken nationalen und ethnischen Minderheiten. Damit bestand fast die gesamte Gruppe aus Personen mit mehrfachen Marginalisierungserfahrungen. Gerade diese Vielfalt an Perspektiven hat das Projekt bereichert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde deutlich: Identit\u00e4t ist nie eindimensional. Minderheitenerfahrungen sind vielschichtig. Nationale Zugeh\u00f6rigkeit ist immer nur ein Aspekt. Und diese Auseinandersetzung mit multidimensionaler Identit\u00e4t lie\u00df die Teilnehmenden schlie\u00dflich ein tieferes Verst\u00e4ndnis auch f\u00fcr andere Diskriminierungserfahrungen entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Projekt wurde auch mit dem Richeza-Preis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Beim Abschlusstreffen war sogar Ministerpr\u00e4sident Hendrik W\u00fcst anwesend. F\u00fcr mich war das ein inhaltlich sehr innovatives und wirksames Projekt.<\/p>\n<div id=\"attachment_64702\" style=\"width: 1135px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-64702\" class=\"wp-image-64702 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3_Minderheiten-intersektional.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"1510\" \/><p id=\"caption-attachment-64702\" class=\"wp-caption-text\">Solidarit\u00e4t sichtbar machen: Beim CSD in Oppeln treffen sich unterschiedliche Minderheitenperspektiven.<br \/>Quelle: Johannes Schmidt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Das klingt wirklich nach einem besonderen und wichtigen Projekt. Da wir gerade beim Thema sind: Wie offen erlebst du die Region \u2013 insbesondere Gleiwitz \u2013 f\u00fcr gesellschaftspolitische Themen wie Diversit\u00e4t, Inklusion und sexuelle und geschlechtliche Vielfalt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Arbeit zielt ganz bewusst darauf ab, nicht nur innerhalb der deutschen Minderheit zu wirken. Wir wollen auch die Mehrheitsgesellschaft und andere Minderheiten ansprechen, somit muss die Auseinandersetzung mit Diversit\u00e4t immer auch ein zentraler Bestandteil unserer T\u00e4tigkeit sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Gleiwitz ist die deutsche Minderheit zahlenm\u00e4\u00dfig kleiner als in Oppeln, aber daf\u00fcr gibt es noch einige andere aktive Gruppen \u2013 wie etwa die schlesische Bewegung oder, durch die Lage in der Oberschlesischen Metropolregion, eine gr\u00f6\u00dfere internationale Community. Diese N\u00e4he zu verschiedenen Gro\u00dfst\u00e4dten schafft durchaus ein progressiveres Umfeld mit einer Vielzahl an gesellschaftspolitischen Initiativen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir ist wichtig: Minderheitenarbeit darf kein Konkurrenzkampf sein. Wir sollten stattdessen zu allen marginalisierten Gruppen Br\u00fccken bauen und Gemeinsamkeiten suchen, eine intersektionale Perspektive einnehmen. Wenn wir andere Minderheiten in unsere Aktivit\u00e4ten einbeziehen \u2013 seien es nationale, sprachliche, geschlechtliche, sexuelle oder soziale \u2013 dann k\u00f6nnen wir viel voneinander lernen und miteinander solidarisch sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das HDPZ hat sich immer dem Leitsatz verpflichtet gef\u00fchlt: \u201eGemeinsam sind wir st\u00e4rker.\u201c Das spiegelt sich einerseits in dem Ansatz wider, dass wir mit verschiedenen Akteuren der deutsch-polnischen Beziehungen und der deutschen Minderheit zusammenarbeiten und zeigt sich auch in unserer Projektarbeit, die oft \u00fcber die \u201etypischen\u201c Themen der deutschen Minderheit hinausgeht \u2013 sei es beim Jugendgipfel des Regionalen Weimarer Dreiecks, bei EU-Projekten oder auch bei der Sprach- und Jugendarbeit.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">\u201eIdentit\u00e4t ist vielschichtig \u2013 verschiedene Minderheitenperspektiven schaffen tieferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Diskriminierung.\u201c<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vielfalt innerhalb von Minderheiten kann so sichtbar gemacht werden: niemand ist nur durch einen einzigen Aspekt seiner Identit\u00e4t gepr\u00e4gt. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Interessen, Hobbys, Perspektiven und politische Anliegen mit, nimmt im Leben unterschiedliche soziale Rollen ein und ist durch vielf\u00e4ltige Erfahrungen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir in Projekten also gezielt Themen wie z.\u202fB. Demokratie, Feminismus oder Klimawandel in den Fokus nehmen, wenn wir \u00fcber Gaming oder Popkultur sprechen und wenn wir Formate wie Poetry-Slams, Escape Rooms und Stadtspiele ausprobieren, dann erreichen wir damit auch diejenigen, die sich vielleicht nicht vordergr\u00fcndig f\u00fcr klassische Minderheitenthemen interessieren, sondern erst \u00fcber diese Themen und Formate Kontakt zur Minderheit finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So entsteht ein Zugang, der pers\u00f6nliche Interessen mit der eigenen Minderheitenidentit\u00e4t verbindet \u2013 oft auf eine Weise, die den Menschen vorher so nicht bewusst war. Dadurch k\u00f6nnen wir ein breiteres Publikum ansprechen und zugleich zeigen, wie vielf\u00e4ltig und lebendig unsere Gemeinschaft tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\"><strong>Du hast ja eben schon angedeutet, wie wichtig Offenheit in deiner Arbeit ist. Welche Tipps w\u00fcrdest du angehenden Kulturmanager:innen mitgeben \u2013 besonders f\u00fcr den Umgang mit sensiblen Themen im interkulturellen oder gesellschaftspolitischen Bereich, gerade in eher traditionell gepr\u00e4gten Kontexten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcrde sagen, man sollte nichts von vornherein ausschlie\u00dfen, sondern f\u00fcr vieles offen sein. Ich habe hier sehr von Lucjan Dzumla, dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des HDPZ, gelernt. Er hat die Haltung: \u201eLass es uns ausprobieren\u201c, oder sagt Dinge wie: \u201eSpannend \u2013 lass uns mal schauen, was man daraus machen kann.\u201c Dieses Vertrauen in Ideen, in Projekte, in neue Formate, ist unglaublich wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweitens: Man muss sich bewusst sein, dass nicht jeder sofort dieselbe Sprache spricht wie man selbst, dass nicht jeder dasselbe Verst\u00e4ndnis von Demokratie, Minderheitenarbeit oder Diversit\u00e4t hat. Wenn man dort ansetzt, wo Menschen bereits stehen, und nicht dort, wo man selbst gerne beginnen w\u00fcrde, kann man sehr viel bewirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drittens: Geduld und Beobachtungsgabe sind entscheidend. Manche Themen brauchen Zeit, bis sie \u00fcberhaupt besprochen werden k\u00f6nnen. Es ist oft wichtiger, zuzuh\u00f6ren, den Kontext zu verstehen und Schritt f\u00fcr Schritt Br\u00fccken zu bauen, als sofort gro\u00dfe Debatten zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schlie\u00dflich: Humor nicht vergessen. Gerade bei schwierigen Themen oder bei Missverst\u00e4ndnissen hilft eine kleine humorvolle Herangehensweise oft, Spannungen abzubauen und Gespr\u00e4che auf eine konstruktive Ebene zu bringen.<\/p>\n<div id=\"attachment_64700\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-64700\" class=\"size-full wp-image-64700\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/1_Kulturerbe-Oberschlesien_11zon-scaled-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" \/><p id=\"caption-attachment-64700\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Schmidt unterwegs in Oberschlesien \u2013 mit dem Cabrio auf der Suche nach Spuren des kulturellen Erbes.<br \/>Quelle: Johannes Schmidt<\/p><\/div>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>Zum Abschluss noch eine pers\u00f6nlichere Frage: Du wohnst nicht direkt in Gleiwitz, sondern im nahen Kattowitz \u2013 was sch\u00e4tzt du an der Stadt und der Region besonders?<\/strong><\/p>\n<p>In der Oberschlesischen Metropolregion gehen die St\u00e4dte nahtlos ineinander \u00fcber, sodass man die Grenzen kaum bemerkt. Kattowitz liegt etwas \u00f6stlicher und ist vielen aus der deutschen Minderheit weniger vertraut \u2013 oft richtet sich der Blick st\u00e4rker auf Oppeln oder l\u00e4ndliche Gegenden. Gerade weil Kattowitz am Rand der historischen Region liegt, finde ich es spannend: Hier treffen unterschiedliche Entwicklungslinien Polens aufeinander, und die Stadt ist heute ausgesprochen multikulturell.<\/p>\n<p>Kattowitz gilt heute als Hauptstadt Schlesiens. Die Region erinnert stark ans Ruhrgebiet: Junge St\u00e4dte, gro\u00df geworden durch Kohlef\u00f6rderung, die sich nun in Kulturzentren verwandeln. Besonders sichtbar ist das in der \u201eStrefa Kultury\u201c mit Museum, Kongresszentrum und Orchester. Wo fr\u00fcher Gruben waren, wachsen Hochh\u00e4user, alte Industriehallen werden zu Kulturorten. Ich sage gern: Kattowitz steckt in der Pubert\u00e4t \u2013 launisch, energiegeladen und t\u00e4glich erwachsener.<\/p>\n<p>Zugleich wird die Stadt gr\u00fcner. Mitten im Industriegebiet liegt einer der gr\u00f6\u00dften Stadtparks Europas. Statt klassischer Sehensw\u00fcrdigkeiten wie in Krakau oder Breslau gibt es hier Arbeitersiedlungen, Bergwerke, Bunker und Spuren deutschen Kulturerbes. Im Umland warten Burgen, Pal\u00e4ste, die B\u0142\u0119d\u00f3w-W\u00fcste und die nahen Beskiden.<\/p>\n<p>Mein Hobby ist es, diese Kuriosit\u00e4ten aufzusp\u00fcren \u2013 oft im Cabrio, einfach drauflos. Und ich bin \u00fcberzeugt: Wer genau hinsieht, entdeckt hier \u00fcberall Spannendes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Entsendeprogramm des Instituts f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) unterst\u00fctzt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen und Redakteur:innen. 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