{"id":70180,"date":"2025-11-02T17:00:44","date_gmt":"2025-11-02T16:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/ein-denkmal-des-alltags-wie-ein-kaufhaus-eine-gemeinschaft-pragte\/"},"modified":"2025-11-02T17:00:44","modified_gmt":"2025-11-02T16:00:44","slug":"ein-denkmal-des-alltags-wie-ein-kaufhaus-eine-gemeinschaft-pragte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ein-denkmal-des-alltags-wie-ein-kaufhaus-eine-gemeinschaft-pragte\/","title":{"rendered":"Ein Denkmal des Alltags: Wie ein Kaufhaus eine Gemeinschaft pr\u00e4gte"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Kaufhaus von Friedensh\u00fctte<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Die industrielle Revolution schuf in Oberschlesien eine kaufkr\u00e4ftige Kundschaft. Darauf reagierte auch der Handel. Ein hervorragendes Beispiel ist das Kaufhaus in Friedensh\u00fctte, einem Stadtteil von Schlesisch Ruda. Zwischen Stahlwerk und Arbeitersiedlung gelegen, war es bei der Er\u00f6ffnung das modernste Kaufhaus \u00f6stlich von Breslau.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2><strong>Eine typische Siedlung<\/strong><\/h2>\n<p>Im Norden von Schlesisch Ruda befindet sich neben der 1840 gegr\u00fcndeten Friedensh\u00fctte eine der f\u00fcr die Region typischen Arbeitersiedlungen. Diese entstand in Etappen zwischen 1880 und 1913 als \u201eGute-Hoffnung-Siedlung\u201c f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten der benachbarten Eisenh\u00fctte. Hier lebten nicht nur einfache H\u00fcttenarbeiter, sondern auch technische Kader. In der Praxis bedeutete das, dass sich die Hierarchie vom Arbeitsplatz ins Privatleben verl\u00e4ngerte. Die Techniker des Werkes lebten nicht nur in besseren und gr\u00f6\u00dferen Wohnungen, sondern kontrollierten auch das Privatleben ihrer Mitarbeiter.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">\u201eEs wundert kaum, dass das Kaufhaus zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Siedlung wurde.\u201c<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Neben Wohnh\u00e4usern gab es in der Siedlung auch weitere Einrichtungen, unter anderem eine B\u00e4ckerei. Dabei hatten die H\u00fcttenbesitzer eher ihr Eigeninteresse im Blick, da mit diesen Dienstleistungen Geld verdient werden konnte. Trotz gesetzlicher Verpflichtungen verz\u00f6gerten die Besitzer \u00fcber Jahre die Gr\u00fcndung einer Schule. Eine eigene Kirche f\u00fcr die Einwohner entstand erst 1911\u20131912 unweit der Siedlung.<\/p>\n<h2><strong>Das Kaufhaus<\/strong><\/h2>\n<p>Was die Arbeitersiedlung in Schlesisch Ruda aber so au\u00dfergew\u00f6hnlich macht, ist das Kaufhaus. Warum gerade hier eine f\u00fcr seine Zeit h\u00f6chst moderne Einkaufsm\u00f6glichkeit entstand, ist bis heute nicht ganz klar. M\u00f6glich ist, dass die Eigent\u00fcmerfamilie von Ballestrem den Handel in der Siedlung monopolisieren wollte. Der Architekt des \u201eH\u00fctten-Kaufhauses Friedensh\u00fctte\u201c ist leider unbekannt; die Er\u00f6ffnung erfolgte wahrscheinlich 1904.<\/p>\n<div id=\"attachment_66975\" style=\"width: 618px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66975\" class=\" wp-image-66975\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-1-Haupteingang-des-Kaufhauses-Martin-Wycisk-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"608\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-1-Haupteingang-des-Kaufhauses-Martin-Wycisk-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-1-Haupteingang-des-Kaufhauses-Martin-Wycisk-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-1-Haupteingang-des-Kaufhauses-Martin-Wycisk-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-1-Haupteingang-des-Kaufhauses-Martin-Wycisk.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 608px) 100vw, 608px\" \/><p id=\"caption-attachment-66975\" class=\"wp-caption-text\">Der Haupteingang des Kaufhauses.<br \/>Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Die Kunden erwartete eine monumentale Architektur, die den fr\u00fchen Modernismus mit Dekorationen im Jugendstil und den typischen roten Backsteinen der zahlreichen Arbeitersiedlungen und Fabriken Oberschlesiens verband. Neben den L\u00e4den gab es hier auf drei Etagen unter anderem drei Gastst\u00e4tten, einen Friseur, ein Schlachthaus und Wohnungen f\u00fcr Arbeiter. Es wundert kaum, dass das Kaufhaus zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Siedlung wurde. Vergleichbares gab es damals in Oberschlesien nicht; am ehesten konnten noch die Warenh\u00e4user Breslaus und Berlins mithalten. Mittlerweile ist die Siedlung vor allem unter dem Namen \u201eKaufhaus\u201c bzw. \u201eKafhauz\u201c bekannt.<\/p>\n<p>Auch nach 1945 blieb die Vielfalt an Funktionen erhalten, obwohl sich die Regeln des Handels in der Planwirtschaft stark ver\u00e4nderten. So \u00fcbernahm die Konsumgenossenschaft Spo\u0142em den Handel, w\u00e4hrend in weiteren R\u00e4umlichkeiten unter anderem Projektb\u00fcros der Friedensh\u00fctte sowie eine Musikschule einzogen. In den Jahren der Wirtschaftskrise der Volksrepublik Polen wurden hier zudem die Lebensmittelmarken f\u00fcr das ganze Viertel aufbewahrt.<\/p>\n<p>Der Niedergang gro\u00dfer Teile der oberschlesischen Schwerindustrie ging auch am Kaufhaus nicht spurlos vorbei. Erst im neuen Jahrtausend wurden das Geb\u00e4ude (1999\u20132004) und die Siedlung schrittweise saniert. Heute ist das Warenangebot im Kaufhaus jedoch nicht mehr so attraktiv wie vor 100 Jahren \u2013 was weniger am Geb\u00e4ude selbst liegt als am generellen Trend zum Einkaufszentrum.<\/p>\n<h2><strong>Inspiration f\u00fcr Literatur, Film und Musik<\/strong><\/h2>\n<p>Aus heutiger Sicht mag die N\u00e4he des Arbeitsplatzes zum Wohnort als Vorteil wirken. Doch muss bedacht werden, dass die Luftqualit\u00e4t wegen der direkten Nachbarschaft der Eisen- bzw. sp\u00e4teren Stahlh\u00fctte dramatisch war. Umweltstandards gab es im Deutschen Kaiserreich und noch \u00fcber viele Jahrzehnte nicht. Literarisch wurde die Umweltverschmutzung in den 1930er und 1940er Jahren von Paul Pogodalla in seinen Erinnerungen eindrucksvoll beschrieben.<\/p>\n<p>Das Thema griffen in den fr\u00fchen 1990er Jahren auch die Band Antyki sowie das Kabarett Rak in ihrem in oberschlesischer Mundart gehaltenen Lied \u201eKaufhaus\u201c auf. Der Refrain erz\u00e4hlte in freier \u00dcbersetzung: \u201eHier im Kaufhaus versinken die Schuhe im Matsch, die Augen sind voller Ru\u00df, so sehr qualmt\u2019s aus der Friedensh\u00fctte.\u201c Das auf popul\u00e4ren Videoplattformen aufrufbare Musikvideo ist heute auch ein Zeitdokument, das den damaligen Zustand der Arbeitersiedlung zeigt.<\/p>\n<div id=\"attachment_66976\" style=\"width: 589px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66976\" class=\" wp-image-66976\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-5-Arbeitersiedlung-mit-Kaufhaus-Martin-Wycisk-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"579\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-5-Arbeitersiedlung-mit-Kaufhaus-Martin-Wycisk-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-5-Arbeitersiedlung-mit-Kaufhaus-Martin-Wycisk-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-5-Arbeitersiedlung-mit-Kaufhaus-Martin-Wycisk-768x576.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Foto-5-Arbeitersiedlung-mit-Kaufhaus-Martin-Wycisk.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 579px) 100vw, 579px\" \/><p id=\"caption-attachment-66976\" class=\"wp-caption-text\">Neben dem Kaufhaus in Friedensh\u00fctte liegt eine Arbeitersiedlung.<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Historisch noch wertvoller sind die Filmszenen, die Kazimierz Kutz 1972 in seinem Film \u201eEine Perle in der Krone\u201c hier drehte. Darauf sichtbar sind die \u00e4ltesten Wohnh\u00e4user, regional auch als \u201eFamiloki\u201c bekannt, die heute nicht mehr bestehen. Sie wurden wegen des schlechten Wohnstandards und der Bauf\u00e4lligkeit in den 1980er Jahren abgerissen.<\/p>\n<p>Die Kaufhaussiedlung in Schlesisch Ruda steht im Schatten des Kattowitzer Nikischschachts, der mittlerweile ein touristischer Hotspot ist. Doch das \u00e4lteste Kaufhaus in den Grenzen des heutigen Polens ist gemeinsam mit der Arbeitersiedlung und dem Hochofen der Friedensh\u00fctte ebenfalls eine Reise wert. Wer das Leben und Arbeiten hier aber g\u00e4nzlich begreifen m\u00f6chte, dem sei ein Touristenf\u00fchrer angeraten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaufhaus von Friedensh\u00fctte Die industrielle Revolution schuf in Oberschlesien eine kaufkr\u00e4ftige Kundschaft. Darauf reagierte auch der Handel. Ein hervorragendes Beispiel ist das Kaufhaus in Friedensh\u00fctte, einem Stadtteil von Schlesisch Ruda. 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