{"id":70156,"date":"2025-11-06T11:00:19","date_gmt":"2025-11-06T10:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/kolumne-ausloschung-des-deutschen\/"},"modified":"2025-11-06T11:00:19","modified_gmt":"2025-11-06T10:00:19","slug":"kolumne-ausloschung-des-deutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/kolumne-ausloschung-des-deutschen\/","title":{"rendered":"Kolumne: Ausl\u00f6schung des Deutschen"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Jerzy statt J\u00f6rg<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte in Oberschlesien nicht nur Deutsch von Grabsteinen und H\u00e4userw\u00e4nden verschwinden \u2013 auch Menschen verloren ihre Namen. Aus Johann wurde Jan, aus Wolfgang Jerzy: ein Kapitel symbolischer Gewalt und Identit\u00e4tsraub, das bis in die 1970er-Jahre nachwirkte.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich habe ich \u00fcber einen Brief eines Gemeindevorstehers an den Pfarrer berichtet, in dem es um die Beseitigung deutscher Inschriften auf Gegenst\u00e4nden in den Haushalten der Gemeindemitglieder sowie auf Grabsteinen auf dem Friedhof ging. Diese Ma\u00dfnahmen sollten von Familienmitgliedern und Eigent\u00fcmern von Gegenst\u00e4nden, Maschinen und anderen Ger\u00e4ten mit deutschen Inschriften durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Dies galt nicht f\u00fcr gepl\u00fcnderte G\u00fcter oder Gegenst\u00e4nde, die unter verschiedenen Umst\u00e4nden beschlagnahmt und aus unserer Woiwodschaft (damals Schlesien-Dombrowa) abtransportiert worden waren. Diese Anordnungen betrafen ausschlie\u00dflich Objekte. Und was war mit den Menschen? Leider \u00c4hnliches. Die Aussiedlungen betrafen praktisch ausnahmslos die Bewohner der Gebiete, die Polen nach dem Zweiten Weltkrieg zugesprochen worden waren. Eine Ausnahme bildeten die Gebiete Schlesiens, in denen zwischen 1919 und 1922 Truppen des V\u00f6lkerbundes stationiert waren und in denen ein Plebiszit stattfand.<\/p>\n<h2><strong>Lebendes Reparationsmaterial<\/strong><\/h2>\n<p>Die im Plebiszitsgebiet t\u00e4tigen \u00dcberpr\u00fcfungskommissionen schlugen vor, die Vor- und Nachnamen derjenigen zu \u00e4ndern, die Kenntnisse polnischer Gebete nachweisen konnten und eine positive Bewertung erhielten, z. B. Aktivisten des Bundes der Polen in Deutschland. Der Kommission geh\u00f6rten neben Vertretern der Beh\u00f6rden auch bekannte, bew\u00e4hrte \u00f6rtliche Polen, Vertreter politischer Parteien und Sicherheitsbeh\u00f6rden sowie Vertreter der Siedler an.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Das informelle Verbot des Deutschunterrichts an Schulen in Oberschlesien galt in der Volksrepublik Polen und ist erst nach 1989 verschwunden.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es sei daran erinnert, dass der aus Zl\u00f6nitz stammende erste Landrat von Oppeln, Dr. Pawe\u0142 Piechaczek, nach drei Monaten seines Amtes enthoben wurde, weil er der nach dem Krieg verbliebenen lokalen Bev\u00f6lkerung zu wohlgesonnen war. Diejenigen, die mit dem neuen polnischen und sozialistischen Rechtssystem nicht vertraut waren, wurden wie Feinde behandelt \u2013 manchmal sogar wie \u201elebendes Reparationsmaterial\u201d (gemeint ist die sog. Oberschlesische Trag\u00f6die und die Verschleppung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion).<\/p>\n<p>Die Einwohner versuchten gar nicht erst, gegen die \u00c4nderung ihrer Vornamen Einspruch zu erheben. Wenn aus <strong>Johann<\/strong> <strong>Jan<\/strong> wurde, war das noch ein kleines Problem, aber wenn aus <strong>Erich<\/strong> <strong>Stefan<\/strong> und aus <strong>Wolfgang<\/strong> <strong>Jerzy<\/strong> wurde, war das bereits ein schwerwiegender Eingriff. Auch die Nachnamen wurden in polnisch klingende Namen ge\u00e4ndert. Oft handelte es sich um w\u00f6rtliche \u00dcbersetzungen: aus <strong>Sonntag<\/strong> wurde <strong>Niedziela<\/strong>, und die Familie <strong>Himmel<\/strong> erhielt den Namen <strong>Niebiosa<\/strong>. Solche Grabsteine findet man beispielsweise in der Umgebung von Krappitz. Die Angelegenheit endete \u00fcbrigens nicht wenige Monate nach dem Krieg, sondern dauerte praktisch bis in die 1970er-Jahre an.<\/p>\n<h2><strong>Symbolische Gewalt<\/strong><\/h2>\n<p>Ein Bekannter meldete die Geburt seiner Tochter beim Standesamt in Oppeln und wollte ihr den Namen <strong>Rita<\/strong> geben. Er h\u00f6rte, dass man keine deutschen Vornamen vergeben d\u00fcrfe, und die Beamtin trug den Namen <strong>Maria<\/strong> ein. Dabei ist allgemein bekannt, dass die heilige Rita aus Italien stammte. In jeder Kultur ist der Vorname sehr wichtig \u2013 wir erhalten ihn zu Beginn unseres Lebens von unseren Angeh\u00f6rigen, und er pr\u00e4gt unsere Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine Namens\u00e4nderung ist ein Eingriff in das Privatleben \u2013 selbst wenn sie freiwillig erfolgt, z. B. im Rahmen eines \u00dcbergangsrituals, beim Eintritt in einen Orden oder bei einer \u00c4nderung der Rolle innerhalb einer Gemeinschaft. Erfolgt sie ohne Zustimmung der betroffenen Person, ist sie Ausdruck symbolischer Gewalt. Die Beh\u00f6rden entschieden, welchen Vornamen man verwenden musste und wie man von Angeh\u00f6rigen oder Kollegen in der \u00d6ffentlichkeit angesprochen werden sollte. Viele Jahre lang konnte man auch f\u00fcr die Verwendung der deutschen Sprache bestraft werden \u2013 nicht nur in der \u00d6ffentlichkeit, sondern auch zu Hause, wo Aktivisten mith\u00f6rten.<\/p>\n<h2><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/h2>\n<p>Das informelle Verbot des Deutschunterrichts an Schulen in Oberschlesien galt in der Volksrepublik Polen und verschwand erst nach 1989. Nach der Wende keimte Hoffnung auf, die sich erf\u00fcllte: eine demokratische Gesellschaft, gegenseitiger Respekt der B\u00fcrger, Anerkennung der Rechte von Minderheiten sowie der Glaube an die Kraft des guten Beispiels statt an Repression.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerzy statt J\u00f6rg Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte in Oberschlesien nicht nur Deutsch von Grabsteinen und H\u00e4userw\u00e4nden verschwinden \u2013 auch Menschen verloren ihre Namen. 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