{"id":70147,"date":"2025-11-07T15:00:22","date_gmt":"2025-11-07T14:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/ein-suser-grus-aus-der-backstube-schlesische-backtradition-und-eine-marzipan-baba\/"},"modified":"2025-11-07T15:00:22","modified_gmt":"2025-11-07T14:00:22","slug":"ein-suser-grus-aus-der-backstube-schlesische-backtradition-und-eine-marzipan-baba","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/ein-suser-grus-aus-der-backstube-schlesische-backtradition-und-eine-marzipan-baba\/","title":{"rendered":"Ein s\u00fc\u00dfer Gru\u00df aus der Backstube \u2013 Schlesische Backtradition und eine Marzipan-Baba"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Als man den Blechkuchen noch zum B\u00e4cker brachte<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Vor einigen Monaten entdeckte ich auf der Website des Schlesischen Museums in G\u00f6rlitz eine Fotografie von Karl Franz Klose, die mich dazu inspirierte, einem alten schlesischen Brauch genauer nachzugehen \u2013 dem Backen von Kuchen oder Brot nicht zu Hause, sondern in der \u00f6rtlichen B\u00e4ckerei.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Meine Neugier wuchs mit jedem weiteren Kommentar, den ich in den sozialen Medien in einer schlesischen Gruppe las. Schlie\u00dflich beteiligte ich mich selbst an der lebhaften Diskussion, die sich zu einer wahren Schatzkiste aus Erinnerungen entwickelte \u2013 voller Geschichten aus Kindheit, Familie und Nachbarschaft. Die kolorierte Aufnahme rief bei vielen bunte Assoziationen hervor.<\/p>\n<p>Auf dem Bild sieht man eine warm gekleidete Frau, die zwei Backbleche tr\u00e4gt. Vielleicht ist sie gerade auf dem Weg zum B\u00e4cker \u2013 oder, wie ich vermute, kommt sie bereits mit frisch gebackenem Kuchen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Grund, warum man den Teig \u00fcberhaupt zum B\u00e4cker brachte, war einfach: Energie sparen \u2013 und viele Haushalte besa\u00dfen schlicht keinen eigenen Backofen. Der Ofen in der B\u00e4ckerei war nach einem langen Backtag ohnehin noch hei\u00df, und das Nachbacken der Kuchen von Nachbarn war eine \u00f6konomische und gemeinschaftliche L\u00f6sung. Besonders zu Ostern und Weihnachten herrschte Hochbetrieb. Doch wie sich zeigt, war das Backen auch ein w\u00f6chentlicher Brauch, bei dem jedes Detail seine Bedeutung hatte.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Der Grund, warum man den Teig \u00fcberhaupt zum B\u00e4cker brachte, war einfach: Energie sparen \u2013 und viele Haushalte besa\u00dfen schlicht keinen eigenen Backofen.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>So hatte etwa die Form des Blechs ihre Symbolik: rechteckige Bleche standen f\u00fcr K\u00e4sekuchen, runde f\u00fcr Mohnkuchen.<\/p>\n<p>\u201eMein Schwager war \u00fcberzeugt, wir seien rauschgifts\u00fcchtig, wenn er uns mit dem Mohnblech sah\u201c, erz\u00e4hlte einer der Zeitzeugen lachend.<\/p>\n<p>Mechthild erg\u00e4nzte: \u201eMeine Mutter stammte aus Heinrichau in Niederschlesien. Von ihr wei\u00df ich, dass man den schlesischen Streuselkuchen zu Hause vorbereitete und dann mit dem Blech zum B\u00e4cker brachte \u2013 dort wurde er gebacken.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_67171\" style=\"width: 484px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67171\" class=\" wp-image-67171\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-bearbeitet-von-Sylvie-Sladek-e1762505950126-290x300.png\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"490\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-bearbeitet-von-Sylvie-Sladek-e1762505950126-290x300.png 290w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-bearbeitet-von-Sylvie-Sladek-e1762505950126.png 638w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><p id=\"caption-attachment-67171\" class=\"wp-caption-text\">Fr\u00fcher wurde der Kuchen beim B\u00e4cker gebacken.<br \/>Foto: Schlesisches Museum zu G\u00f6rlitz<\/p><\/div>\n<p>Ursel erinnerte sich, dass sie als Kind zusammen mit ihren Geschwistern regelm\u00e4\u00dfig Bleche zur B\u00e4ckerei trug \u2013 \u201ees gab damals so viele B\u00e4cker!\u201c Genannt wurden Namen wie Schreiber, Wiesener oder Rieger. Es wurde ein \u201eBacktermin\u201d ausgemacht.<\/p>\n<p>Ein besonders sch\u00f6ner Brauch war mit Hochzeiten verbunden: Nach der Bekanntgabe des Hochzeitstermins wurde Streuselkuchen gebacken \u2013 meist in drei Varianten: pur, mit Mohn- oder mit Quarkf\u00fcllung. Anschlie\u00dfend wurde er an die ganze Familie, Freunde und Nachbarn verteilt \u2013 als Zeichen der Freude und Verbundenheit.<\/p>\n<p>Sabine erinnerte sich: \u201eJeden Samstag ging ich fr\u00fchmorgens vor der Schule zum B\u00e4cker \u2013 mit einem gro\u00dfen Kuchenblech in den H\u00e4nden und der Schulmappe auf dem R\u00fccken. Wenn ich den Zettel mit der Nummer verlor, musste ich warten, bis alle anderen Bleche abgeholt waren. Und zu Hause gab\u2019s dann noch Gemecker \u2013 vor allem, wenn ich auf dem R\u00fcckweg ein St\u00fcck Kuchen angeknabbert hatte.\u201c<\/p>\n<p>Auch Rosemarie berichtet \u00c4hnliches: \u201eWir waren eine gro\u00dfe Familie mit f\u00fcnf Kindern. Am Samstagabend sa\u00dfen wir alle zusammen, Freunde kamen vorbei, man redete, lachte \u2013 Fernsehen gab es ja noch nicht. Diese Abende waren wirklich sch\u00f6n.\u201c<\/p>\n<p>Welche Kuchen kamen damals auf den Tisch? Nat\u00fcrlich Hefekuchen mit Streuseln, Mohnkuchen, Apfel- und K\u00e4sekuchen, Varianten mit Zimt, Kirschen oder Zwetschgen. Zu besonderen Anl\u00e4ssen buk man Mohnstriezel, Ausstechpl\u00e4tzchen oder Rosinen-Babas, oft mit Mandeln oben drauf.<\/p>\n<div id=\"attachment_67168\" style=\"width: 534px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67168\" class=\" wp-image-67168\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/SDB-Namslauer-Stadtblatt-1920-Nr59-300x232.png\" alt=\"\" width=\"524\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/SDB-Namslauer-Stadtblatt-1920-Nr59-300x232.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/SDB-Namslauer-Stadtblatt-1920-Nr59.png 552w\" sizes=\"auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px\" \/><p id=\"caption-attachment-67168\" class=\"wp-caption-text\">Namslauer Stadtblatt 1920 Nr. 59.<br \/>Quelle: Schlesische Digitalbibliothek<\/p><\/div>\n<p>Ein Blick in das Namslauer Stadtblatt vom Jahr 1920 zeigt, wie weit verbreitet dieser Brauch war. Die B\u00e4cker-, Konditor- und Pfefferk\u00fcchler-Innung ver\u00f6ffentlichte dort einen Backtarif, aus dem hervorgeht, was f\u00fcr Kuchen in Namslau einst beliebt waren \u2013 und dass das Backen in den gro\u00dfen \u00d6fen der B\u00e4ckereien im gesamten historischen Schlesien \u00fcblich war. Dazu kamen Pfandgeb\u00fchren f\u00fcr die Bleche, \u201eBrotgeld\u201c (da Brotbacken zu Hause nicht erlaubt war) sowie festgelegte Preise f\u00fcr Weizenmehl. Wer sich nicht an die Regeln hielt, riskierte eine saftige Strafe von 50 Mark.<\/p>\n<p>Seit meiner Kindheit liebe ich den Duft von frisch gebackenem Brot und Kuchen \u2013 und besuche mit Freude die B\u00e4ckerei Schwerdtner in G\u00f6rlitz. Ihr Gr\u00fcnder Walter Schwerdtner begann einst in Lauban (Luba\u0144) und brachte die kulinarischen Traditionen Schlesiens mit. Heute f\u00fchren seine Nachkommen diese Leidenschaft fort.<\/p>\n<p>Und wenn ich mir \u00fcberlege, welchen Kuchen ich wohl zu den Schwerdtnern zum Nachbacken bringen w\u00fcrde \u2013 dann w\u00e4re es eine Baba, gebacken in meiner alten, kupfernen Form. Wundersch\u00f6n und launisch zugleich. Unter einem Leinentuch, getragen mit beiden H\u00e4nden, w\u00fcrde ich sie hin\u00fcbertragen \u2013 eine Baba mit Marzipan, wie es sich f\u00fcr ein St\u00fcck schlesischer Backgeschichte geh\u00f6rt.<\/p>\n<h3><strong>Rezept f\u00fcr schlesische Hefebaba mit Marzipan<\/strong><\/h3>\n<div id=\"attachment_67164\" style=\"width: 507px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67164\" class=\" wp-image-67164\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Pixabay-Baba-by-ulleo-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"331\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Pixabay-Baba-by-ulleo-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Pixabay-Baba-by-ulleo-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Pixabay-Baba-by-ulleo-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Pixabay-Baba-by-ulleo.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><p id=\"caption-attachment-67164\" class=\"wp-caption-text\">Hefebaba.<br \/>Foto: ulleo\/Pixabay<\/p><\/div>\n<h4><strong>Zutaten:<\/strong><\/h4>\n<ul>\n<li>500 g Weizenmehl<\/li>\n<li>250 ml Milch<\/li>\n<li>100 g Butter<\/li>\n<li>80 g Zucker<\/li>\n<li>30 g frische Hefe<\/li>\n<li>3 Eigelb<\/li>\n<li>1 Ei<\/li>\n<li>Prise Salz<\/li>\n<li>150 g Marzipan<\/li>\n<li>2 EL Vanillezucker<\/li>\n<li>Rosinen (optional)<\/li>\n<\/ul>\n<h4><strong>Zubereitung:<\/strong><\/h4>\n<p>Milch erw\u00e4rmen, Hefe mit etwas Zucker und Mehl darin aufl\u00f6sen und einige Minuten gehen lassen. Eigelb vom Ei trennen (ein Ei bleibt ganz). Eigelb mit Zucker schaumig schlagen. Mehl, Hefemilch, Butter, Ei und Salz mischen. Marzipan in kleine St\u00fccke schneiden und zusammen mit Rosinen unterheben.<\/p>\n<p>Teig etwa 10 Minuten kneten, bis er elastisch ist. 1\u20132 Stunden gehen lassen. In eine Form geben und nochmals ca. 1 Stunde gehen lassen. Bei 180\u00b0C etwa 60 Minuten backen. Kurz abk\u00fchlen lassen und aus der Form l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Anmerkung: Das Originalfoto von Karl Franz Klose ist auf der Internetseite des Schlesischen Museums in G\u00f6rlitz zu finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als man den Blechkuchen noch zum B\u00e4cker brachte Vor einigen Monaten entdeckte ich auf der Website des Schlesischen Museums in G\u00f6rlitz eine Fotografie von Karl Franz Klose, die mich dazu inspirierte, einem alten schlesischen Brauch genauer nachzugehen \u2013 dem Backen von Kuchen oder Brot nicht zu Hause, sondern in der \u00f6rtlichen B\u00e4ckerei.<\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":67163,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4224],"tags":[4679,4680,4681,4682,2302,4683,4684,4685],"redaktor":[],"class_list":["post-70147","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-de","tag-backtradition","tag-hefebaba","tag-karl-franz-klose","tag-marzipan","tag-przepisy","tag-schlesische-hefebaba-mit-marzipan","tag-schlesische-kueche","tag-schlesisches-museum-goerlitz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70147\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/67163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70147"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=70147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}