{"id":70140,"date":"2025-11-08T13:00:10","date_gmt":"2025-11-08T12:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/30-schlesienseminar-geschichtsschreibung-fur-die-zukunft\/"},"modified":"2026-03-24T13:05:58","modified_gmt":"2026-03-24T12:05:58","slug":"30-schlesienseminar-geschichtsschreibung-fur-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/30-schlesienseminar-geschichtsschreibung-fur-die-zukunft\/","title":{"rendered":"30. Schlesienseminar: Geschichtsschreibung f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Oberschlesische Spuren in Europa<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Von Nobelpreistr\u00e4gern bis zu vergessenen Rabbinern: Das 30. Schlesienseminar in Gro\u00df Stein und Oppeln schlug eine Br\u00fccke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Unter dem Leitgedanken der \u201eSoft Power\u201c wurde Schlesien als kultureller Referenzpunkt Europas neu entdeckt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Welche Menschen aus Oberschlesien haben Bedeutendes geleistet \u2013 und wie haben sie Europa gepr\u00e4gt? Diesen Fragen widmete sich das 30. Schlesienseminar, das vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) bereits zum 27. Mal organisiert wurde. Vom 28. bis 30. Oktober fanden in Gro\u00df Stein und Oppeln Vortr\u00e4ge und Diskussionsrunden zu verschiedenen Themenbl\u00f6cken statt.<\/p>\n<div id=\"attachment_67250\" style=\"width: 598px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67250\" class=\" wp-image-67250\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_2-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"588\" height=\"331\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_2-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_2-1024x577.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_2-768x433.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_2.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px\" \/><p id=\"caption-attachment-67250\" class=\"wp-caption-text\">Am 29. und 30. Oktober fand das Schlesienseminar in der Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln statt.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>Dass es dabei nicht nur um Geschichte gehen sollte, machte Lucjan Dzumla, Direktor des HDPZ, zu Beginn des zweiten Seminartages klar. Im ersten Panel ging es um das intellektuelle Erbe Schlesiens. Mit Bezug auf das Thema des ersten Panels, \u201eDas intellektuelle Erbe Schlesiens\u201c, erkl\u00e4rte Dzumla: \u201eWichtig ist auch der Blick in die Zukunft \u2013 also wie wir dieses intellektuelle Erbe bewahren k\u00f6nnen. Nicht nur dar\u00fcber reden, was war, sondern auch, was zu tun ist, damit es weiterhin so gut oder besser bleibt.\u201c<\/p>\n<p>So war der Zukunftsblick leitend f\u00fcr viele Beitr\u00e4ge: Die historischen Analysen wurden immer wieder mit Fragen nach einem zeitgem\u00e4\u00dfen Umgang mit dem kulturellen Erbe verkn\u00fcpft. W\u00e4hrend am Dienstag das 30-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um in Gro\u00df Stein feierlich er\u00f6ffnet wurde, standen am Mittwoch und Donnerstag in der Woiwodschaftsbibliothek Oppeln wissenschaftliche Diskussionen im Zentrum.<\/p>\n<h2><strong>Nobelpreistr\u00e4ger, Schriftstellerinnen, Rabbiner<\/strong><\/h2>\n<p>Neben den \u2013 laut Prof. Edward Pli\u0144ski \u2013 19 schlesischen Nobelpreistr\u00e4gern ging es unter anderem um die Schriftstellerin Stefanie Zweig, den Autor und \u00dcbersetzer Peter Lachmann sowie um die Geschichte der j\u00fcdischen Gemeinde in Z\u00fclz.<\/p>\n<p>Seit der Jahrtausendwende erhielt aus Schlesien nur noch Olga Tokarczuk den Literaturnobelpreis \u2013 zuvor waren regelm\u00e4\u00dfig Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler aus der Region ausgezeichnet worden. Unter ihnen die Oberschlesier Otto Stern (Physik, 1943), Kurt Alder (Chemie, 1950) und Maria Goeppert-Mayer (Physik, 1963).<\/p>\n<div id=\"attachment_67248\" style=\"width: 494px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67248\" class=\" wp-image-67248\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Edward-Plinski_Schlesienseminar-2025_1-e1762524969636-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"484\" height=\"484\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Edward-Plinski_Schlesienseminar-2025_1-e1762524969636-300x300.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Edward-Plinski_Schlesienseminar-2025_1-e1762524969636-150x150.jpg 150w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Edward-Plinski_Schlesienseminar-2025_1-e1762524969636.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><p id=\"caption-attachment-67248\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Edward Pli\u0144ski, Physiker, Professor an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Elektrotechnik der Polytechnischen Universit\u00e4t Breslau.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>Pli\u0144ski, selbst Physiker, betonte auf Nachfrage die Bedeutung der Freiheit als Vorbedingung f\u00fcr bedeutende wissenschaftliche Leistungen. Es gehe darum etwas zu beginnen, was kaum Erfolgsaussichten habe. Viele der Geehrten forschten zum Zeitpunkt der Auszeichnung l\u00e4ngst au\u00dferhalb Schlesiens. Auch in den Biografien von Stefanie Zweig und Peter Lachmann spielten Flucht und Auswanderung eine pr\u00e4gende Rolle.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfteil der schlesischen Nobelpreistr\u00e4ger forschte zum Zeitpunkt der Verleihung nicht mehr in Schlesien. Auch in den Biografien von Stefanie Zweig und Peter Lachmann spielen Flucht oder Auswanderung eine Rolle. \u00dcber den Lebensgeschichten dieser Pers\u00f6nlichkeiten liegt oft eine zweite Ebene \u2013 die Geschichte des \u00f6ffentlichen Bewusstseins \u00fcber sie.<\/p>\n<p>Am Beispiel von Stefanie Zweig stellt sich also nicht nur die Frage nach ihrer Verbindung zu Sohrau oder Schlesien, sondern auch: Wie viel davon ist heute noch bekannt \u2013 und wie wird dieses Wissen gepflegt?<\/p>\n<h2><strong>Geschichte I: Stefanie Zweig und die Entwurzelung<\/strong><\/h2>\n<p>Wer den Film <em>\u201eNirgendwo in Afrika\u201c<\/em> kennt, wei\u00df um einen Teil der Lebensgeschichte von Stefanie Zweig. Das Drama, das 2003 einen Oscar erhielt, basiert auf ihrem autobiografischen Bestseller.<\/p>\n<p>Tomasz G\u00f3recki und Marietta Kalinowska-Bujak vom Stadtmuseum Sohrau zeigten in ihrem Vortrag, wie Zweig mit ihrer Geburtsregion verbunden blieb.<\/p>\n<p>Die Familie Zweig betrieb in Sohrau ein angesehenes Hotel und war dort gesellschaftlich etabliert. Nach der Volksabstimmung von 1921 zog Vater Walther Zweig in den bei Deutschland verbleibenden Teil Schlesiens, sodass Stefanie 1932 in Leobsch\u00fctz geboren wurde. Doch Sohrau blieb der emotionale Bezugspunkt der Familie \u2013 selbst nach der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Kenia.<\/p>\n<div id=\"attachment_67252\" style=\"width: 502px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67252\" class=\" wp-image-67252\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_2-e1762524129368-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"492\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_2-e1762524129368-300x300.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_2-e1762524129368-150x150.jpg 150w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_2-e1762524129368.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 492px) 100vw, 492px\" \/><p id=\"caption-attachment-67252\" class=\"wp-caption-text\">Tomasz G\u00f3recki und Marietta Kalinowska-Bujak vom St\u00e4dtischen Museum Sohrau sprachen \u00fcber die Verbindung der Schriftstellerin Stefanie Zweig mit Sohrau.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>In einem Brief kurz vor ihrem Tod schrieb Zweig an die Einwohner von Sohrau, ihre Eltern h\u00e4tten ihr in Kenia abends Geschichten aus der alten Heimat erz\u00e4hlt. Die Stadt in Schlesien wurde zu einem unerreichbaren Ort der Sehnsucht.<\/p>\n<p>Zweig fand im Schreiben eine M\u00f6glichkeit, die famili\u00e4re Erfahrung der Entwurzelung literarisch zu verarbeiten. Ihr Vater, dem der Roman <em>\u201eNirgendwo in Afrika\u201c<\/em> gewidmet ist, habe den Heimatverlust nie \u00fcberwunden, erkl\u00e4rten die Referenten. Anders als der Film, ist im Roman der Vater die zentrale Figur. Ebenfalls in der Literatur sucht Peter Lachmann einen Umgang mit seiner spezifisch schlesischen Biografie.<\/p>\n<h2><strong>Geschichte II: Leben mit zwei Identit\u00e4ten<\/strong><\/h2>\n<p>Peter Lachmanns Lebensweg verlief anders, aber nicht minder gepr\u00e4gt von Br\u00fcchen. 1935 in Gleiwitz geboren, wuchs er zun\u00e4chst deutschsprachig auf. Nach dem Krieg musste der Zehnj\u00e4hrige pl\u00f6tzlich Polnisch lernen. Wie Przemys\u0142aw Chojnowski (Universit\u00e4t Wien) erl\u00e4uterte: \u201eDer Mutter von Peter Lachmann ist es nicht gelungen Gleiwitz zum richtigen Zeitpunkt zu verlassen. Sie musste also \u2013 mit ihm, der damals zehn Jahre alt war und mit seiner kleinen Schwester, die f\u00fcnf Jahre alt war \u2013 zur\u00fcck nach Gleiwitz. Die Eisenbahnstrecken, waren schon nicht mehr befahrbar. Dann wurde Lachmann auf eine polnische Schule geschickt und auf diese Weise hat er hat er Polnisch lernen m\u00fcssen, also zwangsweise sozusagen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_67265\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67265\" class=\" wp-image-67265\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Przemyslaw-Chojnowski_Schlesienseminar-2025_3-e1762525095962-300x282.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"451\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Przemyslaw-Chojnowski_Schlesienseminar-2025_3-e1762525095962-300x282.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Przemyslaw-Chojnowski_Schlesienseminar-2025_3-e1762525095962.jpg 766w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><p id=\"caption-attachment-67265\" class=\"wp-caption-text\">Dr. hab. Przemys\u0142aw Chojnowski (Universit\u00e4t Wien) sprach \u00fcber das Werk des Gleiwitzer Autors Perter Lachmann.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>Trotzdem machte Lachmann das Polnische so sehr zu seiner Sprache, dass er zun\u00e4chst polnischer Schriftsteller wurde. Gleichzeitig bildete er sich autodidaktisch in deutscher Literatur fort. Nach seiner \u00dcbersiedlung in die Bundesrepublik 1958 begann er, polnische Werke ins Deutsche zu \u00fcbersetzen \u2013 und schlie\u00dflich auch auf Deutsch zu schreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lachmann als Autor ist es bezeichnend, dass er zwischen den beiden Sprachen hin- und herwechselt und die Auseinandersetzung mit diesen beiden Identit\u00e4ten pr\u00e4gt sein Werk, wie Chojnowski erkl\u00e4rt: \u201eNat\u00fcrlich hat die polnische Sozialisation den Autor sehr gepr\u00e4gt. Der Sprachenwechsel war nicht nur ein Prozess, der nur mit Sprachen zu tun hat, sondern auch mit seiner Wahrnehmung der Wirklichkeit, des Deutschen, des Polnischen, und auch der heiklen deutsch-polnischen Geschichte.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Geschichte III: Ein vergessenes Erbe in Z\u00fclz<\/strong><\/h2>\n<p>Nicht eine Person, sondern ein Ort stand im Mittelpunkt des Referats von Andrzej Ka\u0142u\u017ca (Deutsches Polen-Institut Darmstadt): Z\u00fclz.<\/p>\n<p>Er zeichnete nach, wie die Stadt im 17. Jahrhundert durch eine rechtliche Sonderstellung zu einem Zentrum j\u00fcdischen Lebens in Europa wurde. Der lokale Herrscher Krzysztof von Pruszkowski erwirkte bei Kaiser Rudolf II. eine Ausnahme, die den dort lebenden Juden Schutz bot.<\/p>\n<div id=\"attachment_67257\" style=\"width: 465px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67257\" class=\" wp-image-67257\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Andrzej-Kaluza-Schlesienseminar-2025_2-e1762523852790-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"455\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Andrzej-Kaluza-Schlesienseminar-2025_2-e1762523852790-300x300.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Andrzej-Kaluza-Schlesienseminar-2025_2-e1762523852790-150x150.jpg 150w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Andrzej-Kaluza-Schlesienseminar-2025_2-e1762523852790.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 455px) 100vw, 455px\" \/><p id=\"caption-attachment-67257\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Andrzej Ka\u0142u\u017ca<br \/>(Deutsches Polen-Institut) gab einen Einblick in die Geschichte des j\u00fcdischen Lebens in Z\u00fclz.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>Dadurch hatten viele j\u00fcdische Gelehrte, die andernorts keine Heimat fanden, ihren offiziellen Wohnsitz in Z\u00fclz. : \u201eViele sogzusagen tolerierte Breslauer Juden, die es damals auch gab, die hatten eine Adresse entweder in Z\u00fclz oder in Glogau und da hatten sie durch irgendwelche Ausnahmen auch das Recht zu bleiben und zu handeln.\u201c erl\u00e4uterte Ka\u0142u\u017ca im Gespr\u00e4ch mit dem Wochenblatt.<\/p>\n<p>Aus dieser Gemeinschaft gingen bedeutende Rabbiner hervor \u2013 etwa Julius Landsberger (1819\u20131890), Gr\u00fcnder der liberalen Synagoge in Darmstadt. Andrzej Ka\u0142u\u017ca beschreibt, wie er in Darmstadt auf den Namen des Rabbiners gesto\u00dfen ist: \u201eDort l\u00e4uft man einfach ins Klinikum rein und vorne steht \u201aJulius-Landsberger-Platz\u2018 und \u201ageboren in Z\u00fclz, gestorben in Darmstadt\u2018 und so weiter. Da hat man sozusagen das gesamte 19. Jahrhundert vor Augen und das hat, mir den Ansto\u00df gegeben zu fragen: \u201aJa was ist mit diesen Z\u00fclzer Juden im 19. Jahrhundert passiert?\u2018<\/p>\n<h2><strong>Die Geschichte der Geschichte<\/strong><\/h2>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit dem <em>Neuen Wochenblatt<\/em> schilderte Ka\u0142u\u017ca, wie wenig in seiner Kindheit \u00fcber das j\u00fcdische Leben in Z\u00fclz bekannt war. Als Kinder h\u00e4tten sie auf dem Friedhof gespielt und es sei nicht viel mehr bekannt gewesen, als dass es sich um j\u00fcdische Grabsteine handle: \u201eWir sind rumgelaufen und waren an so einem bestimmten Ort, genannt Kopiec, also so eine Grube. Und da haben wir gewusst, dass da j\u00fcdische Grabsteine sind.\u201c Erst in den 1980er-Jahren regte sich wissenschaftliches Interesse am j\u00fcdischen Friedhof in Z\u00fclz.<\/p>\n<p>Er selbst fand heraus, dass bereits vor dem Zweiten Weltkrieg keine Juden mehr in Z\u00fclz lebten<strong>.<\/strong> Mit dem preu\u00dfischen Judenedikt von 1812 war die dortige Sonderstellung hinf\u00e4llig geworden. Ka\u0142u\u017ca bemerkt aber auch, dass die Geschichte des j\u00fcdischen Lebens in Z\u00fclz bei Weitem noch nicht erforscht ist. \u201eEs ist eine spannende Geschichte, die noch auf ihren Autor wartet. Ich hoffe, dass sie nicht auf mich wartet, sondern eher, dass sich jemand anderer findet, der den Spuren systematisch nachgeht \u2013 in Rostock, Maastricht oder Tiergarten in Berlin.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_67258\" style=\"width: 663px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67258\" class=\" wp-image-67258\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_1-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"653\" height=\"368\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_1-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_1-1024x577.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_1-768x433.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Tomasz-Gorecki_Marietta-Kalinowska-Bujak_Schlesienseminar-2025_1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 653px) 100vw, 653px\" \/><p id=\"caption-attachment-67258\" class=\"wp-caption-text\">Tomasz G\u00f3recki und Marietta Kalinowska-Bujak vom St\u00e4dtischen Museum \u017bory (Sohrau).<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>\u00c4hnlich jung ist die Erinnerungskultur in Sohrau. Beim Aufbau des Museums seien sie auf Stefanie Zweig gesto\u00dfen und h\u00e4tten herausgefunden, dass sie noch lebe, erkl\u00e4ren G\u00f3recki und Kalinowska-Bujak. Da sie zu diesem Zeitpunkt aber gesundheitlich bereits angeschlagen war und auch bald darauf starb, hat sie Sohrau nie mehr besucht. Der Museumsdirektor xx, f\u00fchrte aber ein Interview mit ihr an ihrem Wohnort. Heute ist ihre Geschichte fester Bestandteil der Dauerausstellung.<\/p>\n<h2><strong>Die Zukunft: Soft Power und kulturelle Diplomatie<\/strong><\/h2>\n<p>Was sagt uns die Vergangenheit \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Zukunft?<br \/>\nDiese Frage bestimmte die abschlie\u00dfende Podiumsdiskussion, die in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung stattfand. Unter dem Titel \u201eSoft Power in den heutigen internationalen Beziehungen\u201c diskutierten Vertreter aus Wissenschaft und Politik, wie sich das kulturelle Erbe Oberschlesiens in die Zukunft \u00fcbersetzen l\u00e4sst. Oder wie es Lucjan Dzumla formulierte: \u201eTats\u00e4chlich ist dieses Schlagwort \u201eSoft Power\u201c der Schl\u00fcsselbegriff, der die Intention des diesj\u00e4hrigen Seminars entschl\u00fcsselt.\u201c<\/p>\n<p>Unter Soft Power versteht man die F\u00e4higkeit von staatlichen Akteuren nicht mit (harter) milit\u00e4rischer oder wirtschaftlicher Macht die eigenen Interessen durchzusetzen, sondern durch Werte und die eigene Kultur zu \u00fcberzeugen. Die Quintessenz der diesj\u00e4hrigen Ausgabe der Traditionsveranstaltung w\u00e4re dann wom\u00f6glich die Erkenntnis, dass Schlesien \u2013 mitunter gerade wegen seiner wechselvollen und in Teilen leidvollen Geschichte \u2013 im Bereich der Soft Power und der Paradiplomatie etwas anzubieten hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_67255\" style=\"width: 571px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67255\" class=\" wp-image-67255\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595-300x162.jpg\" alt=\"\" width=\"561\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595-300x162.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595-1024x552.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595-768x414.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595-1536x828.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Schlesienseminar-2025_4-scaled-e1762525251595.jpg 1694w\" sizes=\"auto, (max-width: 561px) 100vw, 561px\" \/><p id=\"caption-attachment-67255\" class=\"wp-caption-text\">Die Podiumsdiskussion \u201eSoft Power in den heutigen<br \/>internationalen Beziehungen\u201d wurde in Zusammenarbeit<br \/>mit der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert.<br \/>Foto: M.O.<\/p><\/div>\n<p>In einem Input-Referat zur Thematik betont Irena Machura, stellvertretende Direktorin des HDPZ, die Bedeutung der Sprache f\u00fcr Soft Power im deutsch-polnischen Kontext: \u201eDie Sprache spielt hier eine Schl\u00fcsselrolle \u2013 sie erm\u00f6glicht nicht nur Kommunikation, sondern schafft auch Vertrauen und Gemeinschaft. Das Erlernen der Sprache des Nachbarn ist daher sowohl ein politischer als auch ein symbolischer Akt.\u201c<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle k\u00f6nnten wiederum Werke wie die von Peter Lachmann Ankn\u00fcpfungspunkte bieten. Przemys\u0142aw Chojnowski f\u00fchrt aus, dass sich der Umstand, dass Lachmann gezwungenerma\u00dfen zweisprachig war und in zwei Kulturen lebte auch in seinen Werken spiegelt: \u201eLachmanns Werke sind autothematisch und man findet in ihnen diese wichtigen Motive, die seine Sprachbiografie widerspiegeln, seine Dilemmas und auch seine \u00dcberg\u00e4nge vom Deutschtum zum Polentum und umgekehrt.\u201c<\/p>\n<p>Auch wenn die Situation sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und mit Fortschreiten der europ\u00e4ischen Integration ge\u00e4ndert hat, bleibt die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Sprachen und den damit verbundenen Kulturr\u00e4umen notwendig. Dies wurde auch in der Podiumsdiskussion betont.<\/p>\n<h2><strong>Ein Beitrag zur Verst\u00e4ndigung<\/strong><\/h2>\n<p>Mit der Verkn\u00fcpfung von Geschichte, Kultur und internationaler Perspektive hat das Schlesienseminar mehr geleistet als eine blo\u00dfe Bestandsaufnahme. Indem es danach fragte, wie die spezifische Pr\u00e4gung der Vergangenheit in die Zukunft hineingetragen werden k\u00f6nnen, kann es vielmehr zu einem Teil des \u00d6kosystems werden, das gro\u00dfe Leistungen erm\u00f6glicht. Nicht zuletzt passt dies auch zum Konzept des HDPZ, als F\u00f6rderer der deutsch-polnischen Beziehungen. In ihrem Input-Referat hat Irena Machura dieses denn auch als Akteur im Bereich der Soft Power charakterisiert: \u201eWas wir t\u00e4glich tun \u2013 Beziehungsarbeit, Jugendarbeit, kulturelle Projekte \u2013 ist ja in der Praxis nichts anderes als Soft Power: beharrlich, leise, auf Vertrauen aufgebaut.\u201c Auch wenn nicht alle Pl\u00e4tze im Saal besetzt waren, war das Seminar ein wichtiger Impuls f\u00fcr die deutsch-polnischen Beziehungen.<\/p>\n<p>Zum Schluss k\u00fcndigte Machura an: \u201eN\u00e4chstes Jahr haben wir 35 Jahre des Nachbarschaftsvertrages zwischen Polen und Deutschland. Wir m\u00f6chten das ganze Jahr den nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen widmen, aber der Kulminationspunkt wird nat\u00fcrlich auch das Schlesienseminar, auf das wir schon heute ganz herzlich einladen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Mauro Oliveira<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oberschlesische Spuren in Europa Von Nobelpreistr\u00e4gern bis zu vergessenen Rabbinern: Das 30. Schlesienseminar in Gro\u00df Stein und Oppeln schlug eine Br\u00fccke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Unter dem Leitgedanken der \u201eSoft Power\u201c wurde Schlesien als kultureller Referenzpunkt Europas neu entdeckt.<\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6045,5625],"tags":[6848,6849,6850,6824,6851,6852,6853,6180,6854,6855,6403,6856,6857,5943,6858,6859,6835,6860,6861],"redaktor":[6098],"class_list":["post-70140","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-kultur-de","tag-andrzej-kaluza-de","tag-biala-de","tag-darmstadt-de","tag-dom-wspolpracy-polsko-niemieckiej-de","tag-dwpn-de","tag-edward-plinski-de","tag-haus-der-deutsch-polnischen-zusammenarbeit-de-2","tag-hdpz-de","tag-irena-machura-de","tag-juedische-friedhoefe-de","tag-lucjan-dzumla-de","tag-martin-kremer-de","tag-nobelpreistraeger-de","tag-oberschlesien-de","tag-peter-lachmann-de","tag-przemyslaw-chojnowski-de","tag-seminarium-slaskie-de","tag-soft-power-de","tag-stefanie-zweig-de","redaktor-mauro-oliveira-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70140","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70140"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75073,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70140\/revisions\/75073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70140"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=70140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}