{"id":70136,"date":"2025-11-08T17:00:23","date_gmt":"2025-11-08T16:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/gleiwitz-zwischen-erinnerung-und-literatur\/"},"modified":"2025-11-08T17:00:23","modified_gmt":"2025-11-08T16:00:23","slug":"gleiwitz-zwischen-erinnerung-und-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/gleiwitz-zwischen-erinnerung-und-literatur\/","title":{"rendered":"Gleiwitz zwischen Erinnerung und Literatur"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Interview mit Ma\u0142gorzata Makowska<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Mit Ma\u0142gorzata Makowska, einer Gleiwitzerin, Kulturwissenschaftlerin, Polnischlehrerin und Projektmanagerin im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ), sprach Andrea Polanski \u00fcber das literarische Gesicht von Gleiwitz, die schlesische Identit\u00e4t sowie die Geschichte und Kultur der Region.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wie kam es zu deinem Interesse an der Geschichte und Kultur Oberschlesiens, insbesondere Gleiwitz?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin eine Gleiwitzerin und habe diese Stadt wohl selbst lieben gelernt. Meine Familie stammt sowohl aus Oberschlesien als auch aus Lemberg. Meine Gro\u00dfmutter, die mich gr\u00f6\u00dftenteils gro\u00dfgezogen hat, war eine Repatriierte aus Lemberg und versuchte, mir Elemente dieser Kultur zu vermitteln. Ich wuchs also in der Verehrung Lembergs auf, aber mit der Zeit wollte ich Oberschlesien und Gleiwitz selbst immer mehr kennenlernen. Ich denke, das ist auch meinen Eltern zu verdanken, denn Geschichte war immer ein wichtiger Teil unseres Lebens. Es war auch mein Lieblingsfach in der Schule \u2013 ich habe mit Leidenschaft Weltgeschichte gelernt und mich im Laufe der Jahre immer mehr der lokalen Geschichte, unserer schlesischen Geschichte, zugewandt. In ihr habe ich begonnen, mich selbst zu finden.<\/p>\n<div id=\"attachment_67054\" style=\"width: 441px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67054\" class=\" wp-image-67054\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_3-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"431\" height=\"575\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_3-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_3-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_3.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><p id=\"caption-attachment-67054\" class=\"wp-caption-text\">Ma\u0142gorzata Makowska.<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<p><strong>Gab es einen Moment, in dem du dachtest: \u201eDas ist mein Thema\u201d?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich glaube, das wurde mir als Teenager klar, ungef\u00e4hr zur Zeit meines Abiturs. Ich geh\u00f6re zu dem Jahrgang, der im Abitur in Polnisch eine Pr\u00e4sentation vorbereiten musste. Meine befasste sich mit dem literarischen Bild von Gleiwitz. Viele fragten mich, warum ich mir ein so schwieriges Thema ausgesucht h\u00e4tte, aber ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich es auf meine eigene Weise angehen musste. Das war meine erste Begegnung mit der schlesischen Literatur \u2013 damals las ich zum ersten Mal Texte von Horst Bienek und Julian Kornhauser. Das \u00f6ffnete mir die Augen: Gleiwitz ist nicht nur eine reale Stadt, sondern auch eine, die wir in unserer Erinnerung und in der Literatur festhalten. Seitdem wusste ich, dass dies mein Thema ist \u2013 und das ist es bis heute geblieben.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eGleiwitz ist nicht nur eine reale Stadt, sondern auch eine, die wir in unserer Erinnerung und in der Literatur festhalten.\u201d<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Was fasziniert dich an dieser Gleiwitzer Literatur am meisten?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist etwas Unglaubliches \u2013 die M\u00f6glichkeit, die Stadt nicht mit eigenen Augen zu sehen, sondern mit den Augen von Schriftstellern, die dank ihrer Sensibilit\u00e4t das einfangen k\u00f6nnen, was uns im Alltag entgeht. Es sind literarische Spazierg\u00e4nge durch Gleiwitz \u2013 ungew\u00f6hnlich, weil sie von Emotionen und Erinnerungen geleitet werden, die auf den Seiten von B\u00fcchern festgehalten sind. Diese Texte kann man wie Stadtf\u00fchrer lesen, die uns die verborgenen Schichten der Stadt offenbaren. Am meisten fasziniert mich jedoch, dass ich dank ihnen Gleiwitz auf \u00e4hnliche Weise erleben kann wie die Autoren, \u00fcber die ich lese.<\/p>\n<p><strong>Ist dein Lieblingsbuch also <em>Die erste Polka<\/em> von Horst Bienek, oder gibt es noch andere Perlen der Gleiwitzer Literatur?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt wirklich viele Perlen der Gleiwitzer Literatur. Nicht nur Horst Bienek, sondern auch Wolfgang Bittner, Julian Kornhauser, Adam Zagajewski oder Tadeusz R\u00f3\u017cewicz. Ich muss jedoch zugeben, dass mich das Buch <em>Drach<\/em> von Szczepan Twardoch am meisten bewegt hat. Es ist ein Roman, in dem ich mich wirklich wiederfinde. Es ist eine Geschichte \u00fcber mich, \u00fcber uns, \u00fcber die Schlesier. Unglaublich, tiefgr\u00fcndig und dabei teilweise in Gleiwitz angesiedelt. \u00c4hnlich wie <em>Pokora<\/em>, ebenfalls von Twardoch.<\/p>\n<p><strong>Du bist Mitautorin der Literarischen Karte von Gleiwitz. Wie ist dieses Projekt entstanden und was wolltest du damit vermitteln?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das Projekt <em>Literarische Karte von Gleiwitz<\/em> entstand vor etwa sieben Jahren auf Initiative der Stadtbibliothek. Aufgrund meiner Interessen und Erfahrungen \u2013 Teilnahme an regionalen Konferenzen oder Leitung von Workshops zum literarischen Image der Stadt \u2013 wurde ich eingeladen, an der Erstellung mitzuarbeiten. Die Karte sollte vor allem j\u00fcngere Zielgruppen \u2013 Kinder und Jugendliche \u2013 daf\u00fcr sensibilisieren, dass Gleiwitz nicht nur eine technische Stadt ist, die mit der Technischen Universit\u00e4t in Verbindung gebracht wird, sondern auch ein Ort mit einer reichen literarischen Tradition. Wir wollten zeigen, dass es sich um ein echtes literarisches Zentrum handelt. Unser Ziel war es, junge Menschen dazu anzuregen, bei Spazierg\u00e4ngen durch die Stra\u00dfen von Gleiwitz die in der Literatur beschriebenen Orte zu entdecken und zu B\u00fcchern zu greifen, die diese R\u00e4ume wieder zum Leben erwecken.<\/p>\n<p><strong>Kommen wir noch einmal kurz auf deine Familiengeschichte zur\u00fcck. Du hast erw\u00e4hnt, dass eine deiner Gro\u00dfm\u00fctter aus Oberschlesien, aus Gleiwitz, stammt. War das Thema deutsche Minderheit in deinem Leben pr\u00e4sent, bevor du deine Arbeit im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit aufgenommen hast?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich bin in den zentralen Stadtteilen von Gleiwitz aufgewachsen. Das waren Stadtteile, in denen die schlesische Sprache und Kultur eher nicht pr\u00e4sent waren. Ich hatte also keinen t\u00e4glichen Kontakt zur deutschen Minderheit. Nat\u00fcrlich wusste ich, dass es sie gibt, ich wusste auch, wo ich ihre Vertreter treffen kann, aber ich hatte keinen direkten Kontakt zu ihnen. In meiner Grundschule sprach niemand Schlesisch, daher war diese Sprache auch kein Teil meiner Kindheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_67052\" style=\"width: 594px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67052\" class=\" wp-image-67052\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_2-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"779\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_2-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Malgorzata-Makowska_2.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><p id=\"caption-attachment-67052\" class=\"wp-caption-text\">Ma\u0142gorzata Makowska mit dem Buch Bieneks vor dessen Haus in Gleiwitz.<br \/>Foto: privat<\/p><\/div>\n<p><strong>Sp\u00e4ter bist du zum Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit gekommen. Da hat sich alles ge\u00e4ndert. Wie kam es dazu, dass du dort angefangen hast zu arbeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin eigentlich zuf\u00e4llig zum Haus gekommen \u2013 ich habe die Stellenanzeige gesehen und dachte, dass dies genau der richtige Moment ist. Ich habe immer von einem Job getr\u00e4umt, der es mir erm\u00f6glicht, meine Interessen zu verbinden: Bildung und Geschichte. Hier kann ich mich zu hundert Prozent verwirklichen.<br \/>\nDas <strong>Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ)<\/strong> kannte ich \u00fcbrigens schon lange \u2013 es ist eine in Gleiwitz sehr renommierte Einrichtung. Zum ersten Mal kam ich als kleines M\u00e4dchen damit in Ber\u00fchrung, als meine Mutter mich zu einer Literaturveranstaltung im ehemaligen Sitz des Hauses mitnahm. Daran nahmen unter anderem Kazimierz Kutz und Janosch teil. Damals wusste ich noch nicht, wer diese Herren waren, aber dieses Ereignis blieb mir in Erinnerung. Man kann also sagen, dass das Haus immer irgendwo in meinem Leben pr\u00e4sent war. Ich habe die Anzeige zuf\u00e4llig gesehen, aber die Entscheidung, mich hier zu bewerben, war sehr bewusst \u2013 es war mein Traumjob, der es mir erm\u00f6glichte, meine Leidenschaft f\u00fcr Geschichte, Bildung und Jugendarbeit zu verbinden.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Projekten besch\u00e4ftigst du dich derzeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich leite die Projekte <em>Vergessenes Erbe<\/em> und \u2013 seit diesem Jahr \u2013 <em>Deutsches Kulturhaus<\/em>. Beide konzentrieren sich auf die Geschichte, Kultur und Traditionen der Region \u2013 mit besonderem Schwerpunkt auf Gleiwitz.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit k\u00f6nnen diese Projekte lokal dazu beitragen, das gegenseitige Verst\u00e4ndnis zwischen Polen, Schlesiern und Deutschen zu f\u00f6rdern?<\/strong><\/p>\n<p>Genau das ist ihr Hauptziel \u2013 Sensibilisierung und Verst\u00e4ndnisf\u00f6rderung. Unsere Veranstaltungen, Treffen und Spazierg\u00e4nge richten sich an alle: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren, DFK-Mitglieder \u2013 an alle, denen das Erbe der Region am Herzen liegt. Wir m\u00f6chten zeigen, dass Multikulturalit\u00e4t einen Wert darstellt. Was uns im st\u00e4dtischen Raum umgibt \u2013 die Architektur, Anordnung und Geschichte der Stadt \u2013 ist ein gemeinsames Erbe, auf das wir stolz sein sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Ma\u0142gorzata Makowska Mit Ma\u0142gorzata Makowska, einer Gleiwitzerin, Kulturwissenschaftlerin, Polnischlehrerin und Projektmanagerin im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ), sprach Andrea Polanski \u00fcber das literarische Gesicht von Gleiwitz, die schlesische Identit\u00e4t sowie die Geschichte und Kultur der Region.<\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":67053,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6045,5625,4229],"tags":[4660,2891,2120,2820,4661,2737,2121,2089,2822,1950,4662,4663,3112,4664,4665,4666,5877,4667,4668,1960,4669],"redaktor":[],"class_list":["post-70136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bildung","category-kultur-de","category-kulturbildung-de","tag-adam-zagajewski","tag-deutsches-kulturhaus","tag-dom-wspolpracy-polsko-niemieckiej","tag-gleiwitz","tag-gleiwitzer-literatur","tag-gliwice","tag-haus-der-deutsch-polnischen-zusammenarbeit","tag-hdpz","tag-horst-bienek","tag-instagram","tag-julian-kornhauser","tag-lemberg","tag-literatur","tag-lwiw","tag-lwow","tag-malgorzata-makowska","tag-malgorzata-makowska-de","tag-szczepan-twardoch","tag-tadeusz-rozewicz","tag-vergessenes-erbe","tag-wolfgang-bittner"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70136"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70136\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/67053"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70136"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=70136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}