{"id":70132,"date":"2025-11-09T10:00:38","date_gmt":"2025-11-09T09:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/vor-65-jahren-starb-der-oberschlesier-manfred-smolka-2\/"},"modified":"2025-11-09T10:00:38","modified_gmt":"2025-11-09T09:00:38","slug":"vor-65-jahren-starb-der-oberschlesier-manfred-smolka-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vor-65-jahren-starb-der-oberschlesier-manfred-smolka-2\/","title":{"rendered":"Vor 65 Jahren starb der Oberschlesier Manfred Smolka"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Mord in staatlichem Auftrag <\/strong><\/h1>\n<p><strong>Der aus Oberschlesien stammende DDR-Grenzoffizier Manfred Smolka wurde 1960 in Leipzig auf Befehl der Staatssicherheit hingerichtet. Sein Versuch, seine Familie in den Westen zu holen, endete mit einem inszenierten Prozess und dem Fallbeil. Sein Schicksal steht exemplarisch f\u00fcr die brutale Logik der Diktatur \u2013 und f\u00fcr das sp\u00e4te Ringen um Gerechtigkeit.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als der 1930 in Ratibor Oberschlesien geborene Manfred Smolka, Oberleutnant der DDR-Grenzpolizei, am 12. Juli 1960 in Leipzig unter dem Fallbeil starb, war ich 23 Jahre alt und studierte im f\u00fcnften Semester Literaturwissenschaft an der Freien Universit\u00e4t in Berlin-Dahlem. Ob ich damals diesen von Erich Mielke (1907-2000), dem seit 1957 amtierenden Minister f\u00fcr Staatssicherheit, angeordneten Gewaltakt zur Ausl\u00f6schung eines Menschenlebens registrierte und politisch einzuordnen wusste, wei\u00df ich nicht mehr. Ich wei\u00df aber noch, dass ich zwei Jahre sp\u00e4ter, als ich in der DDR wegen \u201estaatsgef\u00e4hrdender Hetze\u201c zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt war, in Waldheim einen H\u00e4ftling traf, der Manfred Smolka gekannt und die letzten Tage vor der Exekution mit ihm verbracht hatte. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde die Mauer in Berlin gebaut! W\u00e4hrend meiner drei Gef\u00e4ngnisjahre hatte ich gelernt, dass Kommunisten in ihren gnadenlosen Machtaus\u00fcbung (sie nannten das \u201eKlassenkampf\u201c) zu jedem Verbrechen f\u00e4hig waren, auch zu Mord.<\/p>\n<h2><strong>Erst Flucht aus Oberschlesien und dann aus Th\u00fcringen <\/strong><\/h2>\n<p>Manfred Smolka, dessen Vater 1943 gefallen war, fl\u00fcchtete 1945 mit Mutter und Geschwistern vor der anr\u00fcckenden \u201eRoten Armee\u201c von Oberschlesien nach Hohenleuben im Landkreis Greiz\/Th\u00fcringen, wo er bis 1947 als Landarbeiter t\u00e4tig war. Er wurde 1948 SED-Mitglied, machte eine Grundausbildung bei der \u201eVolkspolizei\u201c und wurde Grenzpolizist. Nach dem Besuch der Offiziersschule wurde er Oberleutnant der Grenztruppen und wohnte mit Frau und Tochter in Titschendorf im Saale-Orla-Kreis. In diesem Ort wurde am 11. Mai 2017 ein Gedenkstein f\u00fcr Manfred Smolka eingeweiht.<\/p>\n<div id=\"attachment_67293\" style=\"width: 399px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67293\" class=\" wp-image-67293\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/smolka_354-1-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"389\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/smolka_354-1-207x300.jpg 207w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/smolka_354-1.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 389px) 100vw, 389px\" \/><p id=\"caption-attachment-67293\" class=\"wp-caption-text\">Manfred Smolka.<br \/>Foto: www.fu-berlin.de<\/p><\/div>\n<p>Am 17. Juni 1958, dem f\u00fcnften Jahrestag des Arbeiteraufstands von1953, widersetzte sich Manfred Smolka einem Befehl zur \u201eversch\u00e4rften Grenzsicherung\u201c. Er wurde zum Feldwebel degradiert und von den Grenztruppen entlassen, wegen \u201eparteisch\u00e4digenden Verhaltens\u201c wurde er dann auch aus der SED ausgeschlossen. In der Nacht zum 15. November 1958 fl\u00fcchtete er \u00fcber die innerdeutsche Grenze nach Bayern und fand eine Arbeit als Kraftfahrer in Peisel bei Gummersbach\/Nordrhein-Westfalen. Angeschossen und auf DDR-Gebiet geschleppt Am 22. August 1959 wollte er seine Frau und die Tochter \u00fcber die innerdeutsche Grenze nach Bayern holen. Seine Pl\u00e4ne waren aber verraten worden. Er geriet an der Grenze in einen Hinterhalt und wurde, noch auf westdeutschem Gebiet, von einem im Geb\u00fcsch versteckten Mordkommando der \u201eStaatssicherheit\u201c angeschossen und mit durchschossenem Oberschenkel auf DDR-Gebiet verschleppt. Es ging ihm \u00e4hnlich wie dem ehemaligen H\u00e4ftling Michael Gartenschl\u00e4ger (1944-1976), der nach zehn Jahren Zuchthaus in Brandenburg von der Bundesregierung freigekauft wurde. Er wurde am 30.April 1976 von einem Spezialkommando der \u201eStaatssicherheit\u201c an der innerdeutschen Grenze bei L\u00fcbeck erschossen, als er vom Grenzzaun eine Splittermine abmontieren wollte, und als \u201eunbekannte Wasserleiche\u201c auf dem Schweriner Waldfriedhof verbrannt.<\/p>\n<p><strong>Todesstrafe \u201eaus erzieherischen Gr\u00fcnden\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Manfred Smolkas Schicksal, die Todesstrafe \u201eaus erzieherischen Gr\u00fcnden\u201c zu verh\u00e4ngen, war schon besiegelt, ehe der Prozess \u00fcberhaupt begonnen hatte. Gleich zu Beginn des Verfahrens vor dem Bezirksgericht Erfurt widerrief Manfred Smolka sein erzwungenes Gest\u00e4ndnis, f\u00fcr westdeutsche Geheimdienste gearbeitet zu haben. Der Mutter des Angeklagten war der Zutritt zum Gerichtssaal verweigert worden, stattdessen sa\u00dfen dort 65 Politoffiziere der \u201eNationalen Volksarmee\u201c und der \u201eVolkspolizei\u201c und 17 Offiziere des \u201eMinisteriums f\u00fcr Staatssicherheit\u201c, sein Pflichtverteidiger vor Gericht war \u201einoffizieller Mitarbeiter\u201c der \u201eStaatssicherheit\u201c. Manfred Smolkas Frau wurde sp\u00e4ter vor demselben Bezirksgericht wegen \u201eRepublikflucht\u201c zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie im Frauengef\u00e4ngnis Hoheneck\/Erzgebirge verbrachte. Die noch minderj\u00e4hrige Tochter wuchs bei den Gro\u00dfeltern auf. Das Berufungsverfahren scheiterte am 6. Mai 1960, weil Staatspr\u00e4sident Wilhelm Pieck (1876-1960) das von der Mutter eingereichte Berufungsbegehren abgelehnt hatte.<\/p>\n<h2><strong>Abschiedsbrief erreichte Ehefrau erst nach Fall der Mauer<\/strong><\/h2>\n<p>Am 12. Juli 1960 wurde Manfred Smolka in Leipzig-Meusdorf mit der Fallschwertmaschine exekutiert. Vorher hatte er noch an seine Angeh\u00f6rigen einen Brief schreiben d\u00fcrfen, der aber nie zugestellt wurde: \u201eMeine liebe, gute Muttel, liebe Geschwister, liebe Frau und mein liebes Kind! Soeben habe ich erfahren, dass mein Todesurteil vollstreckt wird, ich habe nur noch wenige Minuten zu leben\u201c. Dieser Abschiedsbrief, worin er auch um eine Erdbestattung gebeten hatte, wurde unterschlagen und der Witwe, auch nicht nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Hoheneck, nie zugestellt. Seine Leiche wurde verbrannt, auf dem Totenschein wurde als Todesursache \u201eHerzinfarkt\u201c angegeben. Der Abschiedsbrief und die Prozessakten erreichten Waltraud Smolka erst nach der Grenz\u00f6ffnung am 9. November 1989.<\/p>\n<div id=\"attachment_67294\" style=\"width: 458px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67294\" class=\" wp-image-67294\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Gedenkstein_Manfred_Smolka-1-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"597\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Gedenkstein_Manfred_Smolka-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Gedenkstein_Manfred_Smolka-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Gedenkstein_Manfred_Smolka-1.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><p id=\"caption-attachment-67294\" class=\"wp-caption-text\">Gedenkstein f\u00fcr Manfred Smolka in der N\u00e4he<br \/>des Ortes der Verhaftung bei Titschendorf<br \/>Foto: Putzi 734, Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Am 18. Juli 1960, sechs Tage nach der Vollstreckung des Urteils verschickte Erich Mielke, der Minister f\u00fcr Staatssicherheit, ein Rundschreiben an alle MfS-Diensteinheiten, \u201eum alle Mitarbeiter des Ministeriums so zu erziehen, dass sie den Verrat hassen und als Tschekisten an der \u00dcberwindung politisch-moralischer M\u00e4ngel und Schw\u00e4chen ernsthaft arbeiten.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Wegen \u201eRepublikflucht\u201c verurteilte Ehefrau nicht informiert <\/strong><\/h2>\n<p>Im Dezember 1964 wandte sich Waltraud Smolka, die inzwischen aus der Strafhaft entlassen war, an die Staatsanwaltschaft im Bezirk Gera und bat um Auskunft \u00fcber den Verbleib ihres Ehemanns, da sie nie eine Best\u00e4tigung, dass das Todesurteil vollstreckt worden sei, erhalten hatte. Man h\u00e4tte ihr w\u00e4hrend des Strafvollzugs lediglich Ehering, Uhr und W\u00e4sche zugeschickt. Der Brief wurde von Gera an die Staatsanwaltschaft Erfurt weitergeleitet, die sich am 29. Dezember 1964 an die Generalstaatsanwaltschaft in Ostberlin wandte. Auch von dort erhielt Waltraud Smolka acht Monate keine Antwort, sodass sie sich am 26. August 1964 direkt an den Generalstaatsanwalt Josef Streit (1911-1987), der 1962 in dieses Amt berufen worden war. In ihrem Brief schrieb sie, es w\u00e4re ihr immer noch unverst\u00e4ndlich, dass \u201edieses Urteil ausgef\u00fchrt wurde. Sollte es doch zutreffen, dann fordere ich sofort eine amtliche Todesurkunde.\u201c Am 27. September wurde die Sterbeurkunde schlie\u00dflich von Ostberlin nach Gera geschickt und am 15. Oktober 1965, mehr als f\u00fcnf Jahre nach Manfred Smolkas Tod, seiner Witwe \u00fcbergeben. Im Begleitschreiben aus Ostberlin stand zu lesen: \u201e&#8230;wobei Einzelheiten des Verbrechens in der Aussprache nicht darzulegen sind.\u201c Nach der \u00dcbergabe der Urkunden wurde nach Ostberlin mitgeteilt: \u201eFrau Smolka vertrat den Standpunkt, dass die Verurteilung ihres Mannes zum Tode ein Racheakt sei und ein abschreckendes Beispiel sein sollte.\u201c<\/p>\n<p>Fast 30 Jahre sp\u00e4ter, am 29. Januar 1990, traten Waltraud Smolka und ihre Tochter Ursula Franz an die \u00d6ffentlichkeit und stellten Strafanzeige gegen Erich Honecker (1912-1994) wegen Totschlag und Rechtsbeugung. Bis zur Ausreise des SED-Politikers nach Chile am 14. Januar 1993, also drei Jahre lang, wurde diese Strafsache von der bundesdeutschen Justiz verschleppt, bis der T\u00e4ter nicht mehr greifbar war. Der einstige DDR-H\u00e4ftling Klaus Schmude ver\u00f6ffentlichte 1992 das Buch \u201eFallbeil Erziehung\u201c. Waltraud Smolka verklagte 1998 die SED-Nachfolgepartei PDS auf Schadenersatz, ohne Erfolg.<\/p>\n<p><strong>Der Text erscheint dank der Zusammenarbeit mit der Redaktion von Schlesien Heute.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>J\u00f6rg Bernhard Bilke<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Schlesien Heute<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mord in staatlichem Auftrag Der aus Oberschlesien stammende DDR-Grenzoffizier Manfred Smolka wurde 1960 in Leipzig auf Befehl der Staatssicherheit hingerichtet. Sein Versuch, seine Familie in den Westen zu holen, endete mit einem inszenierten Prozess und dem Fallbeil. 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