{"id":70127,"date":"2025-11-09T17:00:49","date_gmt":"2025-11-09T16:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/haus-oberschlesien-in-gleiwitz-vom-luxushotel-zum-sitz-der-stadtverwaltung-2\/"},"modified":"2025-11-09T17:00:49","modified_gmt":"2025-11-09T16:00:49","slug":"haus-oberschlesien-in-gleiwitz-vom-luxushotel-zum-sitz-der-stadtverwaltung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/haus-oberschlesien-in-gleiwitz-vom-luxushotel-zum-sitz-der-stadtverwaltung-2\/","title":{"rendered":"\u201eHaus Oberschlesien\u201c in Gleiwitz: Vom Luxushotel zum Sitz der Stadtverwaltung"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Die edelste Adresse in Gleiwitz<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Wer heute am Gleiwitzer Stadtamt vorbeikommt, sieht vor allem einen Verwaltungssitz, dessen Entstehung die meisten wohl in den 1950er Jahren verorten w\u00fcrden. Dabei war das Geb\u00e4ude bei der Er\u00f6ffnung im Jahr 1928 als \u201eHaus Oberschlesien\u201c eines der modernsten und elegantesten Hotels der Region.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Teilung Oberschlesiens 1922 generierte Verlierer, aber auch Gewinner. Zu den Letzteren geh\u00f6rte Gleiwitz, wohin sich viele Firmensitze aus Kattowitz verlagerten. Dies brachte nicht nur gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze in die neue Grenzstadt, sondern f\u00fchrte auch zu einem stark gestiegenen Gesch\u00e4ftsverkehr. Dem war die damalige Hotellerie quantitativ und vor allem qualitativ nicht gewachsen, weshalb die Stadt 1923 einen Bauplatz an der Wilhelmstra\u00dfe (heute: ul. Zwyci\u0119stwa) an einen Investor zum Bau eines Hotel- und B\u00fcrogeb\u00e4udes verkaufte. Den Entwurf hierf\u00fcr lieferte das Breslauer Architektenb\u00fcro Gaze und B\u00f6ttcher. Die Hyperinflation des Jahres 1923, der schwierige, nasse Baugrund sowie der Bankrott der Baufirma hielten den Bau des neuen Hotels jahrelang auf. Schlie\u00dflich griff die Stadt Gleiwitz ein, wodurch 1926 die Bauarbeiten fortgesetzt werden konnten.<\/p>\n<div id=\"attachment_67304\" style=\"width: 517px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67304\" class=\" wp-image-67304\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-3-\u2013-Stadtamt-Gleiwitz-2025-\u2013-Martin-Wycisk-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"507\" height=\"676\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-3-\u2013-Stadtamt-Gleiwitz-2025-\u2013-Martin-Wycisk-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-3-\u2013-Stadtamt-Gleiwitz-2025-\u2013-Martin-Wycisk-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-3-\u2013-Stadtamt-Gleiwitz-2025-\u2013-Martin-Wycisk.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><p id=\"caption-attachment-67304\" class=\"wp-caption-text\">Stadtamt Gleiwitz 2025.<br \/>Foto: Martin Wycisk<\/p><\/div>\n<p>Feierlich wurde das Haus Oberschlesien am 29. Juni 1928 er\u00f6ffnet. Das f\u00fcnfst\u00f6ckige \u201eHO\u201c, wie es im Volksmund bezeichnet wurde, war dabei mehr als ein Hotel mit 110 Zimmern. Als multifunktionaler Bau beherbergte es zwei Restaurants, ein Caf\u00e9, Veranstaltungss\u00e4le, einen Bierkeller und Firmenb\u00fcros. Das Geb\u00e4ude beeindruckte durch moderne Ausstattung und k\u00fcnstlerische Gestaltung. Hervorzuheben sind die Wandgem\u00e4lde des Malers und Grafikers Adolf M\u00fcnzer. In den Bildern zu Themen wie \u201eDas Leben\u201c, \u201eDer Tanz\u201c und \u201eDie Musik\u201c waren auch regionaltypische Motive wie Bergm\u00e4nner und die Sch\u00f6nw\u00e4lder Tracht dargestellt. Auf dem Vorplatz wurde zur Zierde ein Brunnen mit drei tanzenden Faunen aufgestellt. Dieser inspirierte schnell die Einheimischen zu Scherzen. Der bekannteste ist wohl die Interpretation der drei tanzenden Gestalten als Oberb\u00fcrgermeister von Beuthen, Gleiwitz und Hindenburg, die sich \u00fcber den Zusammenschluss ihrer St\u00e4dte stritten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eDas Haus Oberschlesien war als Symbol der neuen Zeit und der neuen Architektur mitten in die Stadt hineingestellt.\u201d<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffcc00;\">Horst Bienek, <em>Die erste Polka<\/em><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das HO wurde schnell zum Mittelpunkt des wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Dazu geh\u00f6rten sowohl Tanzveranstaltungen und Kabaretts als auch der Besuch hoher G\u00e4ste. So war Reichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg 1928 zu einem Arbeitsfr\u00fchst\u00fcck zu Gast, wonach er sich in die goldenen B\u00fccher von Gleiwitz und Beuthen eintrug. Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten fanden in dem Monumentalbau auch Parteiveranstaltungen der NSDAP statt.<\/p>\n<h2><strong>Kriegsbesch\u00e4digungen und neue Funktion<\/strong><\/h2>\n<p>Bei der Eroberung von Gleiwitz im Januar 1945 wurde das Haus Oberschlesien von einr\u00fcckenden sowjetischen Soldaten in Brand gesteckt und schwer besch\u00e4digt. Die neue polnische Verwaltung entschied, das abgebrannte HO als Sitz der Stadtverwaltung wiederherzustellen. Diese Entscheidung war den damaligen politischen Bedingungen geschuldet: Einerseits brauchte in der Nachkriegszeit und auf dem Weg zum Sozialismus niemand ein Luxushotel, andererseits war bereits der deutschen Verwaltung bewusst, dass das alte Gleiwitzer Rathaus auf dem Marktplatz l\u00e4ngst viel zu klein war, ein Neubau jedoch bis 1945 nicht umgesetzt worden war.<\/p>\n<div id=\"attachment_67303\" style=\"width: 576px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-67303\" class=\" wp-image-67303\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-2-\u2013-Wandmalerei-im-HO-\u201eOberschlesien-im-Bild-1928-nr-47-Slaska-Biblioteka-Cyfrowa-300x158.jpg\" alt=\"\" width=\"566\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-2-\u2013-Wandmalerei-im-HO-\u201eOberschlesien-im-Bild-1928-nr-47-Slaska-Biblioteka-Cyfrowa-300x158.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-2-\u2013-Wandmalerei-im-HO-\u201eOberschlesien-im-Bild-1928-nr-47-Slaska-Biblioteka-Cyfrowa-1024x541.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-2-\u2013-Wandmalerei-im-HO-\u201eOberschlesien-im-Bild-1928-nr-47-Slaska-Biblioteka-Cyfrowa-768x406.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Foto-2-\u2013-Wandmalerei-im-HO-\u201eOberschlesien-im-Bild-1928-nr-47-Slaska-Biblioteka-Cyfrowa.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 566px) 100vw, 566px\" \/><p id=\"caption-attachment-67303\" class=\"wp-caption-text\">Wandmalerei im HO \u2013 \u201eOberschlesien im Bild\u201c, 1928, Nr. 47 \u2013 \u015al\u0105ska Biblioteka Cyfrowa<\/p><\/div>\n<p>Mit dem Wiederaufbau wurde der aus Lemberg vertriebene Architekt Tadeusz Teodorowicz-Todorowski beauftragt. Dieser wurde 1950 abgeschlossen. Im Vergleich zum luxuri\u00f6sen Originalbau fiel der Wiederaufbau jedoch deutlich schlichter aus. Neben der Stadtverwaltung hatte hier auch die Zentrale Verwaltung der chemischen Industrie in Gleiwitz ihren Sitz. Wegen dieser zweiten Funktion wurde auf dem Dach des Geb\u00e4udes ein Neonschriftzug \u201eChemie \u2013 ern\u00e4hrt, heilt, baut\u201c angebracht. Seit der Wende 1989 hat das Geb\u00e4ude nur noch eine kommunalpolitische Funktion. So hat hier u. a. der Gleiwitzer Stadtpr\u00e4sident seinen Sitz. 1995 wurde das Stadtamt renoviert, und das heutige Erscheinungsbild ist Folge eines Umbaus im Jahr 2017.<\/p>\n<h2><strong>Ein literarisches Denkmal<\/strong><\/h2>\n<p>Ohne Horst Bienek w\u00e4re das Haus Oberschlesien heute wohl g\u00e4nzlich vergessen. Da er in seinem Roman <em>Die erste Polka<\/em> von 1975 hier jedoch einen wichtigen Teil der Handlung lokalisierte, bleibt es manch einem Leser ein Begriff. Bienek selbst schien von der Au\u00dfenarchitektur des HO wenig begeistert zu sein, die er im Buch wie folgt beschrieb:<\/p>\n<p>\u201eDas Haus Oberschlesien war als Symbol der neuen Zeit und der neuen Architektur mitten in die Stadt hineingestellt, dort, wo ihre H\u00e4sslichkeit vielleicht etwas weniger h\u00e4sslich war, als ein m\u00e4chtiger grauschwarzer stumpfer Kasten, rechts geflankt von der hier in Beton gez\u00e4hmten und im Sommer auch tr\u00fcgerisch still dahinstr\u00f6menden Klodnitz, vorn zur Wilhelmstra\u00dfe ums\u00e4umt von ein paar mageren, kohlenstaubbedeckten Blumenrabatten, davor ein Brunnen, auf dessen Rand drei lebensgro\u00dfe l\u00fcsterne Faune tanzten, leuchtend vor Gr\u00fcnspan.\u201c<\/p>\n<p>Vom Glanz des alten Hauses Oberschlesien mag heute wenig \u00fcbrig sein, doch dank des Gleiwitzer Autors lebt es in der Literatur weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die edelste Adresse in Gleiwitz Wer heute am Gleiwitzer Stadtamt vorbeikommt, sieht vor allem einen Verwaltungssitz, dessen Entstehung die meisten wohl in den 1950er Jahren verorten w\u00fcrden. 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