{"id":70070,"date":"2025-11-18T05:00:53","date_gmt":"2025-11-18T04:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/minderheitenarbeit-ist-immer-friedensarbeit\/"},"modified":"2025-11-18T05:00:53","modified_gmt":"2025-11-18T04:00:53","slug":"minderheitenarbeit-ist-immer-friedensarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/minderheitenarbeit-ist-immer-friedensarbeit\/","title":{"rendered":"\u201eMinderheitenarbeit ist immer Friedensarbeit\u201c"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Interview mit Benjamin J\u00f3zsa<br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Mit Benjamin J\u00f3zsa hat die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) einen neuen Sprecher gew\u00e4hlt, der auf jahrzehntelange Erfahrung aus der Minderheitenarbeit in Rum\u00e4nien zur\u00fcckgreifen kann. Im Gespr\u00e4ch mit Andrea Polanski betont er, wie wichtig klare Kommunikation, Nachwuchsarbeit und eine starke politische Sichtbarkeit sind \u2013 und warum Minderheitenarbeit f\u00fcr ihn vor allem eines bleibt: Friedensarbeit.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Herr J\u00f3zsa, herzlichen Gl\u00fcckwunsch zur Wahl zum Sprecher der AGDM. Sie haben langj\u00e4hrige Erfahrung in der Minderheitenarbeit in Rum\u00e4nien. Welche Erfahrungen m\u00f6chten Sie besonders in die Arbeit der AGDM einbringen?<\/h3>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr die Gl\u00fcckw\u00fcnsche. Der erste Grundsatz, den ich einbringen werde, ist: \u201eNicht ohne uns \u00fcber uns sprechen.\u201c Dieser Grundsatz besagt, dass \u00fcberall, wo \u00fcber die deutsche Minderheit gesprochen wird, auch die deutsche Minderheit am Tisch sitzen muss. Mein Heimatverein ist mit diesem Grundsatz jahrzehntelang sehr gut gefahren; dieser kann auch in einem gr\u00f6\u00dferen Rahmen umgesetzt werden. Der zweite Grundsatz, mit dem ich ebenfalls gute Erfahrungen habe, ist, ein offenes Wort zu f\u00fchren. Kommunikation ist immer unperfekt, da jeder seine eigenen Gedanken und Erfahrungen hat, deswegen muss man seine Meinung sehr genau artikulieren. Das werde ich tun. Last but not least: Da ich aus der Exekutive komme, habe ich mir eine effiziente, zeitschonende und disziplinierte Herangehensweise an alle Aufgaben angeeignet. Diese werde ich jeder Aufgabe zugrunde legen, der ich mich widmen werde.<\/p>\n<h3>Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der deutschen Minderheiten in Europa und Zentralasien? Wo sehen Sie den gr\u00f6\u00dften Handlungsbedarf?<\/h3>\n<p>Diese Frage ist schwer pauschal zu beantworten, da jede deutsche Minderheit ihre ganz spezifischen Probleme hat, mit denen sie k\u00e4mpfen muss. Komplizierte Probleme gibt es z. B. in Georgien, wo sich die Gesetzeslage sehr zum Ungunsten der deutschen Minderheit ge\u00e4ndert hat, oder in Slowenien, wo die deutsche Minderheit noch gar nicht anerkannt ist. Wir werden bei diesen und vielen anderen Problemen versuchen, Hilfestellung zu leisten und unsere Erfahrung einzubringen, um zu einer guten und tragf\u00e4higen L\u00f6sung zu kommen.<\/p>\n<h3>Viele deutsche Minderheiten k\u00e4mpfen mit einer geringen Beteiligung junger Menschen in der Vereins- und Jugendarbeit. Rum\u00e4nien gilt hier als positiver Vorreiter. Welche Ma\u00dfnahmen oder Konzepte k\u00f6nnten Ihrer Meinung nach als \u201eBest Practice\u201c auf andere Minderheiten \u00fcbertragen werden?<\/h3>\n<p>Beste Erfahrungen haben wir mit dem fr\u00fchzeitigen, engen Einbinden der Jugendlichen in die Vereinsarbeit. In dem Moment, in dem sie Verantwortung im Verein \u00fcbernehmen, wachsen sie in alle Aufgaben hinein. Jugendspezifische T\u00e4tigkeiten wie Jugendcamps, Tanzgruppen, Workshops zu bestimmten Themen oder Medienseminare ziehen Jugendliche an und entwickeln ihre Interessen weiter. Neue Medien k\u00f6nnen unsere Inhalte schnell transportieren. Sie sehen: Hier muss man das Rad nicht neu erfinden. Sind die T\u00e4tigkeiten interessant, kommen auch interessierte Jugendliche. So einfach ist das.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eDeutsche Minderheiten sind ein riesiges Potenzial f\u00fcr unsere Heimatl\u00e4nder und Deutschland.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<h3>Die Kulturarbeit in den deutschen Minderheiten erfordert oft Eins\u00e4tze an Abenden oder Wochenenden. Bei niedrigen Geh\u00e4ltern, h\u00e4ufig nahe dem gesetzlichen Mindestlohn, f\u00e4llt es schwer, Mitarbeitende zu motivieren. Viele wechseln deshalb in besser bezahlte Branchen. Sehen Sie M\u00f6glichkeiten, die Rahmenbedingungen zu verbessern?<\/h3>\n<p>Diese Frage stellt sich immer wieder, schon seit den 90er Jahren, als ich in der Jugendarbeit t\u00e4tig war. Leider werden wir nie die L\u00f6hne aus der Wirtschaft zahlen k\u00f6nnen. Aber unsere Arbeit gibt etwas anderes \u2013 etwas fast noch Wichtigeres: Sinn und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Wenn jemand blo\u00df einen gut bezahlten Job sucht, wird er immer in die Wirtschaft gehen. Wer sich entwickeln m\u00f6chte, frei gestalten und immer wieder neue, herausfordernde Aufgaben haben will, ist bei uns richtig. Um konkrete Rahmenbedingungen \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, sind die einzelnen Minderheitenverb\u00e4nde allerdings zu verschieden. Hier muss jedes Land pr\u00fcfen, wie es die jeweiligen Bedingungen verbessern kann.<\/p>\n<h3>Wie wollen Sie das Bewusstsein f\u00fcr die Belange der deutschen Minderheiten in der \u00d6ffentlichkeit und bei politischen Entscheidungstr\u00e4gern st\u00e4rken?<\/h3>\n<p>Indem ich immer wieder herausarbeite, dass die deutschen Minderheiten in Europa und Zentralasien nicht nur Probleme haben, sondern ein riesiges, teilweise ungenutztes Potenzial. Wir Angeh\u00f6rige der deutschen Minderheiten sind in mindestens zwei Kulturkreisen zu Hause, sprechen mindestens zwei Sprachen und k\u00f6nnen beide Positionen verstehen und mitbedenken. Wir sind oft ein Stabilit\u00e4tsanker in schwieriger Nachbarschaft und setzen uns zum Wohle beider Gesellschaften ein \u2013 der Mehrheit und der Minderheit.<\/p>\n<h3>In den letzten Jahren haben sich gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen ver\u00e4ndert. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus f\u00fcr die deutschen Minderheiten?<\/h3>\n<p>Die allergr\u00f6\u00dfte Herausforderung sehe ich im Sichern des Nachwuchses f\u00fcr die Organisationen. Wir leben in einer multipolaren Welt mit deutlich erh\u00f6hter Mobilit\u00e4t, in der wir unseren Platz behaupten m\u00fcssen. Deswegen auch mein eingangs erw\u00e4hntes Investieren in K\u00f6pfe: Wir m\u00fcssen Nachwuchskr\u00e4fte anziehen, bestens ausbilden und \u2013 koste es, was es wolle \u2013 halten. Ohne diese Trias ist jeder Verein, jede Organisation zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>Eine zweite st\u00e4ndige Aufgabe ist das weitere Sichern der F\u00f6rderung durch die Bundesrepublik Deutschland \u2013 nicht nur der materiellen, sondern auch der ideellen. Materielle F\u00f6rderung durch Deutschland, verbunden mit der F\u00f6rderung durch das Heimatland, ist die Grundlage f\u00fcr professionelles Arbeiten. Doch kommt der ideellen F\u00f6rderung durch Bundes- und L\u00e4nderpolitik ebenfalls eine gro\u00dfe Rolle zu. Wenn Politiker aus Deutschland die Heimatl\u00e4nder der Minderheiten besuchen und auch die Minderheit treffen bzw. in ihre Siedlungsgebiete reisen, helfen sie doppelt: Sie verankern Deutschlands Interesse an seinen Minderheitengruppen und zeigen der Politik der Heimatl\u00e4nder, wie wichtig ihnen diese Minderheiten sind. Dies gilt umso mehr in L\u00e4ndern, in denen es Spannungen zwischen Politik und Minderheit gibt. Hier k\u00f6nnen Besuche von Politikern und Engagement des deutschen Botschafters Wunder wirken und Wogen gl\u00e4tten, die auf andere Weise nur schwer zu gl\u00e4tten w\u00e4ren. Gesellschaften sind dynamisch geworden, daher muss diese ideelle F\u00f6rderung immer wieder aufs Neue bekr\u00e4ftigt werden.<\/p>\n<p>Die dritte Herausforderung begleitet die deutschen Minderheiten seit Jahrhunderten: der Stabilit\u00e4tsanker in teils schwierigen Regionen oder Nachbarschaften zu sein. Ich wei\u00df aus der Geschichte meiner Heimatregion Siebenb\u00fcrgen, wie wichtig es ist, wenn eine Minderheit zum Wohle aller wirkt und sich gleichzeitig um Ausgleich zwischen konkurrierenden Kr\u00e4ften bem\u00fcht. Dieses Modell hat sich nicht nur bew\u00e4hrt, sondern ist meist das einzige gangbare Modell f\u00fcr dauerhaft friedliches Zusammenleben. Daf\u00fcr werde ich mit Nachdruck werben \u2013 um erneut zu unterstreichen: Minderheitenarbeit ist immer Friedensarbeit.<\/p>\n<h3>Digitalisierung und moderne Kommunikationsmittel bieten neue Chancen f\u00fcr Vernetzung. Welche digitalen Strategien plant die AGDM unter Ihrer Leitung?<\/h3>\n<p>Um konkrete digitale Strategien zu planen, ist es noch etwas zu fr\u00fch \u2013 ich bin erst seit einer Woche im Amt und noch im Kennenlernprozess. Neue Medien und Digitalisierung sind wichtig, aber ich sehe auch die Herausforderungen. Nicht alles ist besser, nur weil es digitalisiert ist oder auf Facebook oder Instagram steht. Am wichtigsten bleiben die Inhalte; das Digitale ist lediglich ein Hilfsmittel. Wenn die Inhalte stehen, werden wir auch die passenden Transportwege festlegen und bestm\u00f6glich kommunizieren.<\/p>\n<h3>Welche Botschaft m\u00f6chten Sie den deutschen Minderheiten in Europa und Zentralasien mit auf den Weg geben, die Sie nun offiziell vertreten?<\/h3>\n<p>Die Botschaft muss ich nicht geben \u2013 die kennen wir alle schon: Wir deutschen Minderheiten sind ein riesiges Potenzial f\u00fcr unsere Heimatl\u00e4nder und Deutschland. Wir k\u00f6nnen hervorragend zum Wohle beider wirken. Meine Aufgabe ist es lediglich, daf\u00fcr zu sorgen, dass diese Botschaft geh\u00f6rt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Benjamin J\u00f3zsa Mit Benjamin J\u00f3zsa hat die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) einen neuen Sprecher gew\u00e4hlt, der auf jahrzehntelange Erfahrung aus der Minderheitenarbeit in Rum\u00e4nien zur\u00fcckgreifen kann. 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