{"id":70009,"date":"2025-11-26T05:00:44","date_gmt":"2025-11-26T04:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/70009\/"},"modified":"2025-11-26T05:00:44","modified_gmt":"2025-11-26T04:00:44","slug":"70009","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/70009\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h1><strong>Sisyphus und der M\u00e4hrische Ausgleich<\/strong><\/h1>\n<p><strong>W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, sind seit dem Ende meiner dritten und letzten Amtszeit als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) im Rahmen der FUEN zehn Tage vergangen. Einige Wochen zuvor endete auch meine Amtszeit als Mitglied des Pr\u00e4sidiums der FUEN, der gr\u00f6\u00dften Vertretung nationaler, ethnischer und sprachlicher Minderheiten in Europa.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Noch ist keine Ruhe eingekehrt, da kommen mir schon Reflexionen. Einige davon stehen im Einklang mit den Verpflichtungen, die noch aus meiner aktiven Zeit \u00fcbrig geblieben sind. Zum Beispiel die Einladung der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Das Angebot, einen Vortrag im Rahmen einer Konferenz an der Tom\u00e1\u0161-Masaryk-Universit\u00e4t in Br\u00fcnn zu halten, lehnte ich zun\u00e4chst ab, da sie dem 120. Jahrestag des M\u00e4hrischen Ausgleichs gewidmet war. Es ist vielleicht peinlich, aber ich hatte keine Ahnung, was dieser \u201eAusgleich\u201c war. Ich hatte noch nie davon geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich jedoch innerhalb einer Woche zwei Mal davon. Zuerst in Wien, als der Europaabgeordnete und direkte Nachfahre des letzten Kaisers von \u00d6sterreich, Karl von Habsburg, im Zusammenhang mit \u00dcberlegungen zum k\u00fcnftigen Frieden f\u00fcr die Ukraine dar\u00fcber sprach. Dann bei der Er\u00f6ffnung des FUEN-Kongresses in der S\u00fcdtiroler Hauptstadt Bozen. Einer der Redner bezeichnete den M\u00e4hrischen Ausgleich als ersten Versuch, eine Minderheitenpolitik auf dem europ\u00e4ischen Kontinent zu schaffen. Das veranlasste mich, die Einladung anzunehmen, denn mir wurde klar, dass es einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Stand der Minderheitenpolitik in Europa und ihren Anf\u00e4ngen in M\u00e4hren gibt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Privat dachte ich mir, dass wir alle, die wir in unseren L\u00e4ndern oder in den Strukturen der EU mit Ablehnung und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Schutz von Minderheiten zu k\u00e4mpfen haben, den \u201eMythos des Sisyphus\u201d aus eigener Erfahrung kennen.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Worum ging es in diesem Ausgleich von 1905? Um die Chancengleichheit zweier Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 der deutschen und der slawischen. Geplant war ein System des Zugangs zu Schulen mit tschechischer und deutscher Unterrichtssprache sowie Parit\u00e4ten bei Kommunalwahlen und in Beamtenpositionen. Der Krieg von 1914 unterbrach die Einf\u00fchrung dieses Systems in der Bukowina und einen \u00e4hnlichen Versuch in Galizien. Ich nahm die Einladung an und begann meinen Vortrag mit einem Verweis auf das 1922 geteilte Oberschlesien, wo unter der Schirmherrschaft des V\u00f6lkerbundes der sogenannte \u201ekleine Versailler Vertrag\u201c galt. Damals entstanden auf beiden Seiten der Grenze Schulen: auf der polnischen Seite etwa hundert Schulen, in denen Deutsch unterrichtet wurde \u2013 und umgekehrt.<\/p>\n<p>Ich wies darauf hin, dass es im Jahr 2025 trotz der Existenz und Anerkennung der deutschen Minderheit und trotz der Ratifizierung der Europ\u00e4ischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen keine einzige solche Schule gibt. Das hei\u00dft, dass Oberschlesien \u2013 heute fast vollst\u00e4ndig zu Polen und zur EU geh\u00f6rig \u2013 nach hundert Jahren dieses Stadium noch nicht erreicht hat! Ich verwies kritisch auf die Unterschiede in der Situation der Minderheiten in den einzelnen EU-L\u00e4ndern und auf das v\u00f6llige Fehlen einer EU-Politik gegen\u00fcber nationalen Minderheiten. Die Europ\u00e4ische Kommission hat ihre Abneigung gegen dieses Thema gezeigt, indem sie die Forderungen der B\u00fcrgerinitiative Minority SafePack bek\u00e4mpfte und die Beschwerde des VdG gegen die polnische Regierung, die Sch\u00fcler aus deutschen Familien diskriminierte, indem sie ihnen den gleichberechtigten Zugang zum Erlernen der Minderheitensprache verwehrte, nicht angenommen hat.<\/p>\n<p>Dieses traurige Bild habe ich mit folgenden Worten zusammengefasst: \u201eW\u00e4hrend der Rede von Karl von Habsburg in Wien kam mir ein Gedanke, als er die Frage stellte, ob der M\u00e4hrische Ausgleich nicht zu sp\u00e4t vereinbart worden sei. H\u00e4tte eine Ausweitung dieses Modells auf die damalige Doppelmonarchie und ganz Europa die tragischen Kriege des 20. Jahrhunderts verhindern k\u00f6nnen? Diese Frage sollten sich alle vor Augen halten, die Verantwortung f\u00fcr Europa tragen.\u201c<\/p>\n<p>Und privat dachte ich mir, dass wir alle, die wir in unseren L\u00e4ndern oder in den Strukturen der EU mit Ablehnung und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Schutz von Minderheiten zu k\u00e4mpfen haben, den \u201eMythos des Sisyphus\u201c aus eigener Erfahrung kennen. Und doch glauben wir, dass der Schutz der Vielfalt der Kulturen, Sprachen und unterschiedlichen Herangehensweisen kleinerer Gemeinschaften an die Geschichte ein sicherer Weg zum Frieden ist als die St\u00e4rkung der Dominanz der gr\u00f6\u00dferen. Dieser Glaube hat mich insbesondere in den letzten 20 Jahren angetrieben. M\u00f6gen wir diesen schwierigen Glauben \u2013 trotz des Gef\u00fchls, eine Sisyphusarbeit zu leisten \u2013 nicht verlieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sisyphus und der M\u00e4hrische Ausgleich W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, sind seit dem Ende meiner dritten und letzten Amtszeit als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) im Rahmen der FUEN zehn Tage vergangen. 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