{"id":69908,"date":"2025-12-12T11:58:33","date_gmt":"2025-12-12T10:58:33","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wo-die-winterkuche-noch-handwerk-ist\/"},"modified":"2025-12-12T11:58:33","modified_gmt":"2025-12-12T10:58:33","slug":"wo-die-winterkuche-noch-handwerk-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wo-die-winterkuche-noch-handwerk-ist\/","title":{"rendered":"Wo die Winterk\u00fcche noch Handwerk ist"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Tradition des Schlachtfestes ist uralt \u2013 und doch scheint sie, wenn man die heutigen Br\u00e4uche aufmerksam beobachtet, leise in den Alltag zur\u00fcckzukehren. Vor wenigen Tagen fiel mir auf dem G\u00f6rlitzer Weihnachtsmarkt ein Plakat ins Auge, das f\u00fcr ein regionales Schlachtfest warb. Auch an den St\u00e4nden selbst konnte man allerlei lokale Spezialit\u00e4ten probieren, darunter eine interessant klingende schlesische Wurst mit Zitrone. Laut einigen Besucherinnen und Besuchern, mit denen ich ins Gespr\u00e4ch kam, ein gelungenes Produkt \u2013 eine klassische Wurst, deren Geschmack durch eine feine Zitronennote \u00fcberraschend frisch wirkt.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>An einem anderen Stand hingen in mehreren Reihen dicke Ringe ger\u00e4ucherter Rinderwurst. Schon ihr Anblick war eine Attraktion \u2013 etwas ganz anderes als die \u00fcbliche Bratwurst vom Grill. Der Christkindelmarkt zu G\u00f6rlitz steht, kurz gesagt, ganz im Zeichen der Tradition.<\/p>\n<div id=\"attachment_68282\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-68282\" class=\" wp-image-68282\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Wellwurst_2-259x300.jpg\" alt=\"\" width=\"490\" height=\"568\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Wellwurst_2-259x300.jpg 259w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Wellwurst_2-768x888.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Wellwurst_2.jpg 1107w\" sizes=\"auto, (max-width: 490px) 100vw, 490px\" \/><p id=\"caption-attachment-68282\" class=\"wp-caption-text\">Auf dem G\u00f6rlitzer Weihnachtsmarkt findet man traditionelle Wurst, die mit Zitrone verfeinert wurde.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<h2><strong>Schlachten als gesellschaftliches Ereignis<\/strong><\/h2>\n<p>Einst fand das Schlachten in den letzten f\u00fcnf Wochen vor Weihnachten statt \u2013 und in vielen D\u00f6rfern war es ein Ereignis, an dem oft das gesamte Dorf teilnahm. Nachbarn und Verwandte wurden eingeladen, und auch der Pfarrer erhielt traditionell ein stattliches St\u00fcck Fleisch. Trocknen, P\u00f6keln, R\u00e4uchern \u2013 das waren nur einige der Methoden, mit denen das frische Fleisch haltbar gemacht wurde, damit es \u00fcblicherweise bis Anfang M\u00e4rz des kommenden Jahres reichte.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Wie gesellschaftlich wichtig dieses Ereignis war, zeigt ein humorvoller Beitrag aus der Wochenzeitung <em>Oberschlesien im Bild<\/em> (1933). Zwei M\u00e4nner sind darauf zu sehen; einer steht am Bett seines sterbenden Freundes und sagt:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eWei\u00dft du, Hermann, wenn deine Beerdigung schon am Freitag stattfindet, nimm es mir nicht \u00fcbel, wenn ich nicht kommen kann. Ich bin n\u00e4mlich bereits zum Schlachtfest bei den Seiferts eingeladen.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doch wie sah dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus? Das Schlachten war keineswegs nur dem Dorfleben vorbehalten. In den St\u00e4dten lockten zahlreiche Gasth\u00e4user mit besonderen saisonalen Men\u00fcs \u2013 frisch vom Schlachttisch. In der Kattowitzer Zeitung von 1934 lesen wir etwa, dass um 20.15 Uhr im Oberschlesischen Landtheater in Beuthen im zweiten Akt \u2026 ein Schlachtfest stattfinden sollte \u2013 und im dritten Akt war der Verzehr vorgesehen. Der Rest des Fleisches wurde in drei Portionen geteilt und als Gewinne in einer Tombola verlost: ein \u00fcppiges Fr\u00fchst\u00fcck oder ein Gutschein f\u00fcr einen saftigen Braten aus der Metzgerei, die dieses theatralische Schlachten ausgerichtet hatte. Ob ich selbst den zweiten Akt ohne Schwierigkeiten \u00fcberstanden h\u00e4tte \u2013 da bin ich mir nicht sicher. Zu gerne w\u00fcrde ich die Meinung damaliger Zuschauer \u00fcber dieses ungew\u00f6hnliche Spektakel h\u00f6ren.<\/p>\n<div id=\"attachment_68287\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-68287\" class=\" wp-image-68287\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Ober-Glogauer-Stadt-Blatt-1883-St.-37-300x172.png\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Ober-Glogauer-Stadt-Blatt-1883-St.-37-300x172.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Ober-Glogauer-Stadt-Blatt-1883-St.-37.png 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><p id=\"caption-attachment-68287\" class=\"wp-caption-text\">Ober-Glogauer Stadt-Blatt, 1883, St. 37.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>\u00c4hnliche Anzeigen finden wir auch in anderen Zeitungen jener Zeit, in denen Restaurants, Bierstuben oder Wirtsh\u00e4user zu festlichen Abenden einluden \u2013 mit reich gef\u00fcllten Platten voller frischer Fleischwaren, W\u00fcrste, Pasteten und Brotaufstrichen. Wie gesellschaftlich wichtig dieses Ereignis war, zeigt ein humorvoller Beitrag aus der Wochenzeitung <em>Oberschlesien im Bild<\/em> (1933). Zwei M\u00e4nner sind darauf zu sehen; einer steht am Bett seines sterbenden Freundes und sagt:<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, Hermann, wenn deine Beerdigung schon am Freitag stattfindet, nimm es mir nicht \u00fcbel, wenn ich nicht kommen kann. Ich bin n\u00e4mlich bereits zum Schlachtfest bei den Seiferts eingeladen.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Familientradition und moderne Umsetzung<\/strong><\/h2>\n<p>Wenn ich selbst an meine Kindheit zur\u00fcckdenke, sehe ich die Vorbereitungstage klar vor mir: meine Gro\u00dfeltern, Tanten, Onkel und Eltern \u2013 jeder hatte seine feste Aufgabe. Am liebsten stibitzte ich damals frisch eingekochte Wurst aus dem Weckglas \u2013 kein Geschmack war so einmalig wie der erste Bissen. Beide Gro\u00dfv\u00e4ter, ebenso wie mein Vater, machten W\u00fcrste, Schinken und Speck. Die Gro\u00dfm\u00fctter bereiteten Pasteten zu. Und auch ich pflege \u2013 einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten \u2013 diese Familientradition weiter.<\/p>\n<div id=\"attachment_68288\" style=\"width: 543px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-68288\" class=\" wp-image-68288\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Oberschlesien-im-Bild-1933-Nr.-3-261x300.png\" alt=\"\" width=\"533\" height=\"613\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Oberschlesien-im-Bild-1933-Nr.-3-261x300.png 261w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/SDB-Oberschlesien-im-Bild-1933-Nr.-3.png 343w\" sizes=\"auto, (max-width: 533px) 100vw, 533px\" \/><p id=\"caption-attachment-68288\" class=\"wp-caption-text\">Oberschlesien im Bild, 1933, Nr. 3.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Der Unterschied ist: Ich kaufe das Fleisch direkt beim Bauern, frisch und von hervorragender Qualit\u00e4t. Ein Teil der Arbeit geschieht zu Hause, der Rest \u2013 das eigentliche R\u00e4uchern \u2013 im Garten. Manchmal experimentiere ich und ersetze einen Teil des Obstholzes durch Zapfen \u2013 ihr feines Aroma m\u00f6gen wir besonders gern. \u00dcbrigens waren es Tannenzapfen, die einst den ber\u00fchmten W\u00fcrsten aus Sch\u00f6mberg (Che\u0142msko \u015al\u0105skie) ihren charakteristischen Geschmack verliehen.<\/p>\n<p>Manch einer wird sagen: \u201eDas ist aber viel Aufwand.\u201c Vielleicht. Doch das fertige Produkt entsteht mit Herz, ohne Konservierungsstoffe, langsam und mit Geduld \u2013 genau so, wie es unsere Vorfahren machten. Und schon deshalb lohnt es sich \u2013 aus Respekt vor dem schlesischen kulinarischen Erbe.<\/p>\n<h3><strong>Wellwurst<\/strong><\/h3>\n<h4><strong>Wir brauchen:<\/strong><\/h4>\n<ul>\n<li>2 kg gekochtes Bauchfleisch<\/li>\n<li>500 g weichgekochte Schwarten<\/li>\n<li>500 g Semmel<\/li>\n<li>250 g Zwiebeln<\/li>\n<li>250 g Fett<\/li>\n<li>4 EL Majoran<\/li>\n<li>2 EL Thymian<\/li>\n<li>80-120 g Salz<\/li>\n<li>Pfeffer<\/li>\n<li>D\u00fcnnd\u00e4rme<\/li>\n<li>Br\u00fche zum Garen<\/li>\n<\/ul>\n<h4><strong>Herstellung:<\/strong><\/h4>\n<ol>\n<li>Die Zwiebel fein schneiden und in Fett d\u00fcnsten.<\/li>\n<li>Das gekochte Fleisch einmal durch den Wolf drehen.<\/li>\n<li>Schwarten und in Br\u00fche eingeweichte Semmel durchdrehen und mit der Fleischmasse vermengen.<\/li>\n<li>Die Masse durch einen Wursttrichter in die gereinigten D\u00e4rme f\u00fcllen, nicht zu fest, und dann die D\u00e4rme binden.<\/li>\n<li>Die W\u00fcrste mit kalter Br\u00fche ansetzen, langsam zum Kochen bringen und dann ca. 30 Minuten garen. Die W\u00fcrste anschlie\u00dfend in eiskaltes Salzwasser legen. Man kann sie auch kurz \u00fcberr\u00e4uchern.<\/li>\n<li>Vor dem Servieren die W\u00fcrste frisch nur in Wasser erw\u00e4rmen, braten oder grillen. Dazu eignen sich gut Sauerkraut und Salzkartoffeln.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tradition des Schlachtfestes ist uralt \u2013 und doch scheint sie, wenn man die heutigen Br\u00e4uche aufmerksam beobachtet, leise in den Alltag zur\u00fcckzukehren. Vor wenigen Tagen fiel mir auf dem G\u00f6rlitzer Weihnachtsmarkt ein Plakat ins Auge, das f\u00fcr ein regionales Schlachtfest warb. 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