{"id":69675,"date":"2026-01-07T05:00:31","date_gmt":"2026-01-07T04:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/interview-mit-bdv-prasident-stephan-mayer\/"},"modified":"2026-01-07T05:00:31","modified_gmt":"2026-01-07T04:00:31","slug":"interview-mit-bdv-prasident-stephan-mayer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/interview-mit-bdv-prasident-stephan-mayer\/","title":{"rendered":"Interview mit BdV-Pr\u00e4sident Stephan Mayer"},"content":{"rendered":"<h1>\u201eErinnerung an Flucht und Vertreibung und der Einsatz f\u00fcr Frieden, Verst\u00e4ndigung und Menschenrechte geh\u00f6ren untrennbar zusammen\u201c<\/h1>\n<p><strong>Der Bund der Vertriebenen ist die Dachorganisation der Verb\u00e4nde der Vertriebenen und der Landsmannschaften in Deutschland. MdB Stephan Mayer, der selbst sudentendeutsche Vorfahren hat, wurde im Oktober mit gro\u00dfer Mehrheit zum Pr\u00e4sidenten des BdV gew\u00e4hlt. Im Interview mit dem Neuen Wochenblatt.pl beschreibt er, welche Schwerpunkte er in seiner Pr\u00e4sidentschaft setzen m\u00f6chte und wie er selbst von der Fluchterfahrung seiner Eltern gepr\u00e4gt wurde. Die Fragen stellte Mauro Oliveira.<\/strong><!--more--><\/p>\n<h3>Seit dem 10. Oktober sind Sie Pr\u00e4sident des Bundes der Vertriebenen. Ich m\u00f6chte Ihnen herzlich auch jetzt noch zur Wahl gratulieren! Sie geh\u00f6ren bereits seit 2008 dem BdV-Pr\u00e4sidium an, seit 2016 waren Sie Vizepr\u00e4sident. Welche neuen Aufgaben haben Sie als Pr\u00e4sident?<\/h3>\n<p>Ich danke Ihnen herzlich f\u00fcr Ihre Gl\u00fcckw\u00fcnsche! Die Wahl zum Pr\u00e4sidenten des BdV ist f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Ehre, aber auch eine gro\u00dfe Verantwortung gegen\u00fcber den Vertriebenen, Aussiedlern und ihren Nachkommen. Das gro\u00dfartige Wahlergebnis bedeutet einen Vertrauensvorschuss, dem ich mich verpflichtet f\u00fchle.<\/p>\n<p>Als Vizepr\u00e4sident war ich bereits viele Jahre eng in die inhaltliche Arbeit eingebunden. Als Pr\u00e4sident trage ich nun die Gesamtverantwortung f\u00fcr die strategische Ausrichtung und die \u00f6ffentliche Vertretung des Verbandes und bin erster Ansprechpartner f\u00fcr Politik, Medien und \u00d6ffentlichkeit. Ich erarbeite, gemeinsam mit unserem Pr\u00e4sidium, die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Arbeit und nicht zuletzt trage ich nat\u00fcrlich auch die Verantwortung daf\u00fcr, dass der Verband zukunftsf\u00e4hig bleibt. Die Aufgabe ist umfangreicher, die Verantwortung gr\u00f6\u00dfer \u2013 und ich nehme dieses Amt mit Dankbarkeit, Demut und gro\u00dfer Motivation an.<\/p>\n<h3>Sie haben es angesprochen, Sie sind auch daf\u00fcr zust\u00e4ndig, dass der Verband zukunftsf\u00e4hig bleibt. Wie wollen Sie das erreichen? Welche Ziele haben Sie sich als Pr\u00e4sident insgesamt gesetzt?<\/h3>\n<p>Wichtig ist mir vor allem, dass wir Bew\u00e4hrtes fortf\u00fchren und zugleich neue Wege gehen. Wir wollen die Anliegen der Vertriebenen, aber auch der Aussiedler und Sp\u00e4taussiedler weiterhin h\u00f6rbar machen, Br\u00fccken zu unseren Partnern in Europa bauen und als BdV deutlich zeigen: Erinnerung an Flucht und Vertreibung und der Einsatz f\u00fcr Frieden, Verst\u00e4ndigung und Menschenrechte geh\u00f6ren untrennbar zusammen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eMein Ziel ist es, modernere Einblicke in die Arbeit des Dachverbandes zu geben und aus diesem Grund die Medienarbeit zu st\u00e4rken.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich habe das schon direkt nach meiner Wahl gesagt: Der BdV bleibt eine starke Gemeinschaft der Menschlichkeit und der Verst\u00e4ndigung, die Br\u00fccken schl\u00e4gt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mein pers\u00f6nliches Leitwort f\u00fcr meine Pr\u00e4sidentschaft lautet: <em>Aus Erinnerung erw\u00e4chst Verantwortung \u2013 aus Verantwortung entsteht Zukunft.<\/em> Das ist die inhaltliche Komponente.<\/p>\n<p>Mein Ziel ist es, modernere Einblicke in die Arbeit des Dachverbandes zu geben und aus diesem Grund die Medienarbeit zu st\u00e4rken. Es gilt, Bildungsangebote f\u00fcr Schulen, Hochschulen und f\u00fcr die au\u00dferschulische Bildung auszubauen. Zeitzeugenberichte und Familiengeschichten sollten st\u00e4rker digital aufbereitet und zug\u00e4nglich gemacht werden. Und nicht zuletzt gilt es, die Veranstaltungen im Jahreskreis so zu gestalten, dass sie sowohl den Anspr\u00fcchen der Erlebnisgeneration gerecht werden als auch j\u00fcngere Menschen ansprechen.<\/p>\n<div id=\"attachment_68876\" style=\"width: 852px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-68876\" class=\" wp-image-68876\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/251010-bdv-06-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"842\" height=\"561\" \/><p id=\"caption-attachment-68876\" class=\"wp-caption-text\">Stephan Mayer ist seit Oktober 2025 Pr\u00e4sident des Bunds der Vertriebenen, au\u00dferdem ist er Mitglied des deutschen Bundetages (CSU).<br \/>Foto: BdV\/bundesfoto<\/p><\/div>\n<p>Zusammengefasst geht es um drei zentrale Aufgaben: erstens die Einbindung der j\u00fcngeren Generation, zweitens die Digitalisierung unserer Angebote und drittens eine zeitgem\u00e4\u00dfe Vermittlung von Geschichte und Herkunft.<\/p>\n<h3>Sie geh\u00f6ren zur sogenannten Bekenntnisgeneration, Sie wurden also in Deutschland geboren. Wie hat Sie die Erfahrung von Flucht bzw. Vertreibung Ihrer Familie gepr\u00e4gt?<\/h3>\n<p>Ich glaube, dass wir alle, die wir einen famili\u00e4ren Vertriebenenhintergrund haben, durch die Erlebnisse unserer Eltern und Gro\u00dfeltern gepr\u00e4gt sind. Gerade in j\u00fcngster Zeit ist dazu viel Literatur erschienen, wie das Trauma von Flucht und Vertreibung bis in die zweite und dritte Generation weiterwirkt. In meiner Familie war die verlorene Heimat schon pr\u00e4sent: in Erz\u00e4hlungen, Fotos, in der Art zu sprechen, im Essen, in bestimmten Liedern und Br\u00e4uchen. Als Kind habe ich schon ziemlich fr\u00fch verstanden: Meine Familie ist nicht umgezogen, sie musste ihre Heimat zwangsweise verlassen. Das pr\u00e4gt die eigene Identit\u00e4t und den Blick auf Geschichte. F\u00fcr mich war fr\u00fch klar, dass Flucht und Vertreibung keine abstrakten historischen Begriffe sind, sondern Teil meiner eigenen Familiengeschichte. Daraus ist \u00fcber die Jahre auch mein Engagement erwachsen \u2013 aus dem Bewusstsein heraus, dass Erinnerung Verantwortung bedeutet.<\/p>\n<h3>Ihr Vorg\u00e4nger als BdV-Pr\u00e4sident, der Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Bernd Fabritius, hat die Thematik der Heimatvertriebenen und die Thematik der Heimatverbliebenen als \u201ezwei Seiten einer Medaille\u201c beschrieben. Durch den Organisationserlass von Bundeskanzler Merz werden auch die Zust\u00e4ndigkeiten f\u00fcr die Minderheiten in Deutschland und f\u00fcr die deutschen Minderheiten im Ausland neu im BMI geb\u00fcndelt. Wie spielen beim BdV diese beiden Bereiche zusammen?<\/h3>\n<p>F\u00fcr den BdV geh\u00f6ren diese beiden Bereiche tats\u00e4chlich untrennbar zusammen. Mit dem Organisationserlass wird ein lang gehegter Wunsch unseres Verbandes umgesetzt, und wir sind dem Bundeskanzler daf\u00fcr sehr dankbar. Wenn wir von den Heimatvertriebenen sprechen, dann sind das Menschen, die ihre Heimat verloren haben \u2013 und deren Kinder und Enkel, die diese Erfahrung des Heimatverlustes weitertragen. Wenn wir wiederum von den Heimatverbliebenen sprechen, dann sind das heute vor allem die deutschen Minderheiten im \u00f6stlichen Ausland, und wir reden \u00fcber Menschen gleicher ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit und kultureller Pr\u00e4gung, die in ihren historischen Siedlungsgebieten geblieben sind und dort bis heute als Volksgruppe leben. Beide Gruppen teilen doch eine gemeinsame Geschichte und oft auch sehr konkrete famili\u00e4re Biografien.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">\u201eAls Kind habe ich schon ziemlich fr\u00fch verstanden: Meine Familie ist nicht umgezogen, sie musste ihre Heimat zwangsweise verlassen. Das pr\u00e4gt die eigene Identit\u00e4t und den Blick auf Geschichte.\u201c<\/span><\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Unsere landsmannschaftlichen Mitgliedsverb\u00e4nde arbeiten seit Jahrzehnten eng mit den deutschen Minderheiten in den Herkunftsgebieten zusammen \u2013 bei Gedenkveranstaltungen, Kulturwochen, Begegnungsreisen oder St\u00e4dtepartnerschaften. Die Erinnerungsarbeit der Vertriebenen und die Kulturarbeit der Minderheiten sind zwei Zug\u00e4nge zur gleichen Geschichte. Die B\u00fcndelung der Zust\u00e4ndigkeiten im Innenministerium er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit einer aus einem Guss gedachten Minderheiten- und Vertriebenenpolitik. In diese Gestaltung wollen wir uns als BdV konstruktiv und verantwortungsvoll einbringen.<\/p>\n<h3>Seit 1950 gibt es die Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Diese hat zur Vers\u00f6hnung in Deutschland und in Europa beigetragen. Der BdV kann also auf 75 Jahre Erfahrung im Bereich der Bew\u00e4ltigung der Folgen von Flucht und Vertreibung zur\u00fcckgreifen. Wenn wir auf die aktuelle Weltlage blicken, dann sind Flucht und Vertreibung immer noch Realit\u00e4t. Das UNHCR nennt die Zahl von 123,2 Millionen Vertriebenen weltweit. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sehen wir Folgen von bewaffneten Konflikten auch wieder in Europa. Es ist abzusehen, dass die Folgen von Flucht und Vertreibung die Ukraine noch \u00fcber Jahrzehnte besch\u00e4ftigen werden. K\u00f6nnte der BdV seine Expertise zum Beispiel in der Ukraine einbringen? Gibt es Kooperationen in diesem Bereich?<\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist zu betonen, dass jede Vertreibungsgeschichte und jede Gewalterfahrung, die in Flucht m\u00fcndet, einzigartig ist. Dennoch gibt es Erfahrungen, die sich \u00e4hneln: individuelles Leid, Heimatverlust und die langfristigen seelischen Folgen.<\/p>\n<p>Bundespr\u00e4sident Gauck hat 2016 bei unserer Veranstaltung zum Tag der Heimat gesagt: \u201eEines wissen wir: Die existenzielle Erfahrung eines Heimatverlustes ist Fl\u00fcchtlingen auf der ganzen Welt gemein \u2013 die tiefe Pr\u00e4gung durch eine h\u00e4ufig traumatische Flucht, die Trauer um das Verlorene, das Fremdsein im Ankunftsland, die Zerrissenheit zwischen dem Nicht-Mehr-Dort- und Noch-Nicht-Hier-Sein. Wirkliche Empathie sieht allein das leidende Individuum. Es hat mich beeindruckt, wie vertriebene Deutsche in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Fl\u00fcchtlingen aufgetreten sind, wie sie sich ausgetauscht und um gegenseitiges Verst\u00e4ndnis geworben haben. Ein Drittel unter den ehrenamtlichen Fl\u00fcchtlingshelfern, so ergab es eine neue Untersuchung, kommt selbst aus einer Vertriebenenfamilie, prozentual also weit mehr, als ihrem Anteil in der Bev\u00f6lkerung entspricht.\u201c<\/p>\n<p>Was der damalige Bundespr\u00e4sident gesagt hat, best\u00e4tigte sich nach dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine. Gerade der BdV \u2013 eigentlich kein Spendenverein \u2013 startete unmittelbar unter dem Eindruck der Kriegshandlungen eine Spendenaktion, mit der am Ende Fl\u00fcchtlinge in den Nachbarstaaten der Ukraine sowie der dringend notwendige Einsatz des Rates der Deutschen der Ukraine unterst\u00fctzt werden konnten. Es wurden Unterbringungen und Lebensmittelk\u00e4ufe erm\u00f6glicht, es wurden Gelder f\u00fcr dringend ben\u00f6tigte Transportmittel und f\u00fcr die Stromversorgung bereitgestellt. Manche Mitglieder spenden bis heute.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus steht der BdV f\u00fcr 75 Jahre Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung \u2013 mit all ihren sozialen, politischen und auch seelischen Folgen. Wir wissen aus der deutschen Geschichte, wie lang der Schatten von Vertreibung ist: Er reicht tief in Familienbiografien hinein, pr\u00e4gt ganze Regionen und besch\u00e4ftigt eine Gesellschaft \u00fcber Jahrzehnte. Genau vor dieser Herausforderung stehen auch andere, auch die Ukraine, wenn der Krieg hoffentlich bald endet und die Phase des Wiederaufbaus und der inneren Heilung beginnt. Diese Erfahrung weiterzugeben, ohne historische Gleichsetzungen vorzunehmen, ist ein Teil unserer Verantwortung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eErinnerung an Flucht und Vertreibung und der Einsatz f\u00fcr Frieden, Verst\u00e4ndigung und Menschenrechte geh\u00f6ren untrennbar zusammen\u201c Der Bund der Vertriebenen ist die Dachorganisation der Verb\u00e4nde der Vertriebenen und der Landsmannschaften in Deutschland. MdB Stephan Mayer, der selbst sudentendeutsche Vorfahren hat, wurde im Oktober mit gro\u00dfer Mehrheit zum Pr\u00e4sidenten des BdV gew\u00e4hlt. 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