{"id":69649,"date":"2026-01-11T11:04:43","date_gmt":"2026-01-11T10:04:43","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wie-gut-es-den-minderheiten-geht-ist-ein-indikator-dafur-wie-demokratisch-ein-land-ist\/"},"modified":"2026-01-11T11:04:43","modified_gmt":"2026-01-11T10:04:43","slug":"wie-gut-es-den-minderheiten-geht-ist-ein-indikator-dafur-wie-demokratisch-ein-land-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wie-gut-es-den-minderheiten-geht-ist-ein-indikator-dafur-wie-demokratisch-ein-land-ist\/","title":{"rendered":"\u201eWie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator daf\u00fcr, wie demokratisch ein Land ist.\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>Interview mit ifa-Generalsekret\u00e4rin Gitte Zschoch<\/h1>\n<p><strong>Gitte Zschoch leitet das <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/www.ifa.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>ifa \u2013 Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen<\/em><\/a><\/span>, das unter anderem die deutschen Minderheiten im \u00f6stlichen Europa und in Zentralasien f\u00f6rdert. Im November besuchte sie mit einer ifa-Delegation Schlesien. \u00dcber die Bedeutung der F\u00f6rderung der deutschen Minderheit in Polen und dar\u00fcber, weshalb die Reise f\u00fcr Zschoch auch eine pers\u00f6nliche Dimension hatte, sprach Mauro Oliveira mit ihr. <\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Das ifa setzt sich weltweit f\u00fcr die Freiheit in Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft ein. Das geschieht in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort. Wie baut man dieses Netzwerk auf und wie weitet man es gegebenenfalls aus?<\/h3>\n<p>Unsere Netzwerke sind \u00fcber Jahrzehnte gewachsen und beruhen auf menschlichen Kontakten. Deswegen ist die Arbeit eng mit Mobilit\u00e4t verbunden. Es geht darum, hinzufahren, zu sprechen, Kontakte zu pflegen und neue m\u00f6gliche Partner kennenzulernen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ben\u00f6tigt man engagierte Kolleg:innen, die f\u00fcr ihre Themen brennen, die immer ihre F\u00fchler drau\u00dfen haben und sich darauf einlassen. Und die hat das ifa.<\/p>\n<h3>Im Verlauf Ihrer Karriere waren Sie selbst an verschiedenen Standorten t\u00e4tig. Sie waren in Seoul, in Tokio und in Johannesburg; in Kinshasa haben Sie das Goethe-Institut\u00a0 aufgebaut. Dann waren Sie Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin beim Netzwerk der Nationalen Kulturinstitute der Europ\u00e4ischen Union (EUNIC) in Br\u00fcssel. Gibt es eine Erfahrung aus der Zeit im Ausland, die Sie besonders gepr\u00e4gt hat?<\/h3>\n<p>Die wichtigste Erfahrung meiner Auslandsaufenthalte ist, Debatten und die Gesellschaft, die Welt, aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven wahrgenommen zu haben. Es ist ein gro\u00dfes Privileg, direkt von Menschen vor Ort zu h\u00f6ren, wie sie auf Themen blicken und welche Dinge und Werte f\u00fcr sie wichtig sind.<\/p>\n<p>Einzelne Erlebnisse herauszugreifen, ist schwierig. Aber nat\u00fcrlich ist es etwas sehr Besonderes, das eigene Masterstudium in koreanischer Literatur auf Koreanisch in Korea zu absolvieren. Das ging, weil mich meine Kommiliton:innen unterst\u00fctzt und mitgetragen haben \u2013 durch die schriftlichen Pr\u00fcfungen, das Schreiben der Masterarbeit, die m\u00fcndliche Verteidigung\u2026<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"color: #ffcc00;\">\u201eDie gro\u00dfe Klammer der Arbeit des ifa in der Welt ist es, zur St\u00e4rkung der demokratischen Zivilgesellschaften beizutragen. Und da spielen Minderheiten eine entscheidende Rolle, denn wie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator daf\u00fcr, wie demokratisch ein Land ist.\u201c<\/span><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Und es ist auch etwas Besonderes, Projekte in Kinshasa aufgebaut zu haben. Dort haben wir zum Beispiel an der Kunsthochschule einen Fotografiekurs mitentwickelt. Dabei ging es darum, das Portfolio der Kunsthochschule nach ihren W\u00fcnschen zu erweitern und Menschen in Fotografie auszubilden. Einige von ihnen arbeiten nun f\u00fcr internationale Nachrichtenagenturen und k\u00f6nnen so ein eigenes Bild des Kongos vermitteln. Denn unser Afrika-Bild in Deutschland und Europa ist weiterhin nicht sehr differenziert, obwohl wir st\u00e4ndig von Bildern aus allen Teilen der Welt umgeben sind.<\/p>\n<h3>In einem fr\u00fcheren <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/menschen-zusammenbringen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wochenblatt-Interview<\/a><\/span>, mit meinem Vor-Vorg\u00e4nger als ifa-Redakteur, Lukas Netter, haben Sie erw\u00e4hnt, dass einige Ihrer Vorfahren aus Beuthen\/Bytom stammen. Welche Bedeutung hatte dieser Teil Ihrer Herkunft in Ihrem Leben?<\/h3>\n<p>Zu Hause wurde oft davon erz\u00e4hlt, dass die Familie meiner Mutter aus Beuthen stammt und damit aus Oberschlesien. Das ist bis heute stark in Erinnerung, auch wenn wenig objektives Wissen dazu vorhanden ist. Selbst Fragen danach, wann die Flucht erfolgt ist, wie genau und was mitgenommen wurde, kann ich nicht beantworten. Meine Gro\u00dfmutter hat als Erwachsene Beuthen kein einziges Mal besucht.<\/p>\n<p>Deswegen war es mir wichtig, durch die Arbeit des ifa, die auch in Schlesien stattfindet, genauer hinzusehen und zu fragen: Wie beeinflusst meine eigene Geschichte meine Arbeit am ifa heute?<\/p>\n<p>Diese zeigt exemplarisch, dass wir in Deutschland generell wenig Wissen dar\u00fcber haben, dass es Menschen gibt, die nach 1945 in Schlesien, im heutigen Polen, geblieben sind. Menschen also, die eine deutsche Geschichte haben, eine deutsche Verbindung oder deutsch sind, deutsch sprechen \u2013 was \u00fcbrigens die Partner des ifa sind. Das wird noch zu selten thematisiert, nicht ohne Grund. Denn wir haben als Deutsche auch eine gro\u00dfe Verbrechensgeschichte in Polen.<\/p>\n<h3>Waren Sie auf Ihrer aktuellen Reise auch in Beuthen?<\/h3>\n<p>Ja, ich habe mir auch die Stra\u00dfen angeschaut, von denen ich wusste, dass sie einen Bezug zum Leben meiner Gro\u00dfmutter haben. Die hatten nat\u00fcrlich deutsche Namen, die haben wir uns \u00fcbersetzen lassen und sind dann dorthin gefahren.<\/p>\n<p>Es war eine wertvolle Erfahrung, weil ich wenig dar\u00fcber wusste, welche industrielle Bedeutung die Region hatte und wie reich die Stadt einst war. Spannend zu sehen, wie es dort heute aussieht!<\/p>\n<h3>Auf dieser Reise haben Sie einen Einblick in die schlesische Geschichte und die schlesische Kultur erhalten. Und Sie haben mit den Vertreter:innen der deutschen Minderheit gesprochen. Welchen Stellenwert hat die F\u00f6rderung der deutschen Minderheiten in Polen f\u00fcr das ifa?<\/h3>\n<p>Die Zusammenarbeit mit den deutschen Minderheiten in Polen und in anderen L\u00e4ndern ist f\u00fcr das ifa sehr wichtig. Das begleitet uns schon fast seit der Gr\u00fcndung des ifa vor \u00fcber 100 Jahren.<\/p>\n<p>Die Art der Zusammenarbeit hat sich ver\u00e4ndert, aber sie war immer von hoher Bedeutung und bleibt es auch. Die gro\u00dfe Klammer der Arbeit des ifa in der Welt ist es, zur St\u00e4rkung der demokratischen Zivilgesellschaften beizutragen. Und da spielen Minderheiten eine entscheidende Rolle, denn wie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator daf\u00fcr, wie demokratisch ein Land ist. Sie sind ein Seismograf f\u00fcr Teilhabe, Pluralismus, offene Gesellschaften \u2013 auch f\u00fcr kulturelle Freiheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_68994\" style=\"width: 783px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-68994\" class=\"wp-image-68994\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/2025_11_27_Opole_fot-M_Grocholski_124-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"773\" height=\"515\" \/><p id=\"caption-attachment-68994\" class=\"wp-caption-text\">Gitte Zschoch, sekretarz generalna ifa, odwiedzi\u0142a Polsk\u0119 w listopadzie 2025 roku. W Opolu spotka\u0142a si\u0119 z przedstawicielami mniejszo\u015bci niemieckiej.<br \/>Foto: M. Grocholski\/ifa<\/p><\/div>\n<p>Mit unserem Programm hier in Polen und mit den entsandten Kulturmanager:innen und Redakteur:innen tragen wir dazu bei, ein authentisches, differenziertes Deutschlandbild zu vermitteln, gleichzeitig st\u00e4rken wir die Br\u00fcckenfunktion, die die Minderheiten haben. Und wir bringen Wissen dar\u00fcber wieder zur\u00fcck nach Deutschland.<\/p>\n<p>Durch die Gespr\u00e4che mit den Angeh\u00f6rigen der deutschen Minderheit hier vor Ort habe ich selbst sehr viel gelernt. Insbesondere ist mir noch deutlicher bewusst geworden, wie angespannt die deutsch-polnischen Beziehungen weiterhin sind und wie wichtig es ist, noch mehr daf\u00fcr zu tun, dass es noch mehr Austausch und noch mehr Verst\u00e4ndigung gibt.<\/p>\n<h3>Nun ist diese kooperative Herangehensweise in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten, durch einen neuen Nationalismus. Zu diesem Thema hat das ifa zusammen mit der Hertie School auch <span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" href=\"https:\/\/culturalrelations.ifa.de\/forschen\/ergebnisse\/ecp-report-newnationalisms\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eine Studie<\/a><span style=\"color: #000000;\"> ver\u00f6ffentlicht<\/span><\/span>. Auch in Polen hat man das gemerkt, vor allem in der vergangenen Regierungsperiode. Auch die von Vertretern der PiS vorgebrachte Forderung nach Reparationszahlungen von Deutschland kann als Ausdruck einer interessengeleiteten Au\u00dfenpolitik verstanden werden, die eher auf Konfrontation ausgelegt ist.<br \/>\nWelche M\u00f6glichkeiten hat das ifa, auf solche widrigen Bedingungen zu reagieren?<\/h3>\n<p>Es ist eine sehr gro\u00dfe Errungenschaft der Bundesrepublik Deutschland, eine ausw\u00e4rtige Kulturpolitik aufgebaut zu haben, die auf die Arbeit von Mittlern setzt. Diese Organisationen, darunter das ifa, haben eine hohe Expertise, sie haben langj\u00e4hrige Netzwerke. Damit beruht die ausw\u00e4rtige Kulturpolitik Deutschlands auf einer partnerschaftlichen, kooperativen und vertrauensbasierten Arbeit.<\/p>\n<p>Und wir werden nat\u00fcrlich weiter an diesen Prinzipien festhalten, weil auch Studien zeigen, dass dieses Vorgehen nachhaltig wirkt. Es geht darum, Verst\u00e4ndnis und Vertrauen zu schaffen, um Deutschlands Beziehungen in die Welt zu st\u00e4rken. So profitiert auch Deutschland davon. Das ist eine Argumentation, die wir jetzt noch st\u00e4rker betonen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es wichtig, dass in der Zeit, in der der Sicherheitsdiskurs, also <em>Hard Power<\/em>, immer wichtiger wird, auch die <em>Soft Power<\/em> \u2013 das ifa z\u00e4hlt als Kulturmittlerorganisation zu diesem gro\u00dfen Komplex der <em>Soft Power<\/em> Deutschlands \u2013 erhalten bleibt und vielleicht sogar in gleichem Ma\u00dfe gest\u00e4rkt wird, wie die <em>Hard Power<\/em> zunimmt. Daran werden wir weiterhin arbeiten.<\/p>\n<p>Es ist nicht die leichteste Zeit, daf\u00fcr zu werben und daf\u00fcr Unterst\u00fctzer:innen zu finden. Aber wir bleiben dran und es ist nat\u00fcrlich gut, das auch im Schulterschluss mit unseren Partnerinnen und Partnern zu tun. Denn die Art, wie wir arbeiten, wird \u2013 hier in Polen zum Beispiel \u2013 als sehr positiv wahrgenommen. Das ist gut f\u00fcr uns zu wissen und es ist auch gut, das an die politischen Entscheidungstr\u00e4ger zur\u00fcckzuspielen.<\/p>\n<h3>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit ifa-Generalsekret\u00e4rin Gitte Zschoch Gitte Zschoch leitet das ifa \u2013 Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen, das unter anderem die deutschen Minderheiten im \u00f6stlichen Europa und in Zentralasien f\u00f6rdert. Im November besuchte sie mit einer ifa-Delegation Schlesien. \u00dcber die Bedeutung der F\u00f6rderung der deutschen Minderheit in Polen und dar\u00fcber, weshalb die Reise f\u00fcr Zschoch auch eine pers\u00f6nliche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":295,"featured_media":68995,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4232],"tags":[2487,3418,3943,3944,3945,3946,2976,2295,3947,3856],"redaktor":[],"class_list":["post-69649","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-de","tag-beuthen","tag-bytom","tag-deutsche-minderheit-in-polen","tag-eunic","tag-gitte-zschoch","tag-goethe-institut","tag-ifa","tag-institut-fur-auslandsbeziehungen","tag-netzwerk-der-nationalen-kulturinstitute-der-europaeischen-union","tag-nwboninstagram"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69649","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/295"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69649"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69649\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68995"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69649"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69649"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69649"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=69649"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}