{"id":69589,"date":"2026-01-20T10:50:40","date_gmt":"2026-01-20T09:50:40","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/warum-es-zu-keinem-polnisch-deutschen-neuanfang-kam-und-was-nun-zu-tun-ist-2\/"},"modified":"2026-01-20T10:50:40","modified_gmt":"2026-01-20T09:50:40","slug":"warum-es-zu-keinem-polnisch-deutschen-neuanfang-kam-und-was-nun-zu-tun-ist-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/warum-es-zu-keinem-polnisch-deutschen-neuanfang-kam-und-was-nun-zu-tun-ist-2\/","title":{"rendered":"Warum es zu keinem polnisch-deutschen \u201eNeuanfang\u201c kam und was nun zu tun ist"},"content":{"rendered":"<h1>Zwischen Gesten und Gestikulation<\/h1>\n<p><strong>Als der im Februar 2025 neu vereidigte Bundeskanzler Friedrich Merz Warschau zum Ziel seines ersten Auslandsbesuchs w\u00e4hlte, sprachen viele Kommentatoren von einer historischen Geste. Ministerpr\u00e4sident Donald Tusk verk\u00fcndete einen \u201eNeuanfang\u201c in den Beziehungen zu Deutschland. Polnische und deutsche Medien \u00fcberboten sich gegenseitig mit optimistischen Prognosen. Ein Jahr sp\u00e4ter f\u00e4llt die Bilanz dieses \u201eNeuanfangs\u201c ern\u00fcchternd aus. Deutsche Politiker strecken weiterhin die Hand aus, die polnische \u00d6ffentlichkeit wendet sich zunehmend ab, und das Wort \u201eReparationen\u201c ist in die \u00f6ffentliche Debatte zur\u00fcckgekehrt wie ein Bumerang, den niemand auffangen wollte, der aber dennoch zur\u00fcckkam.<\/strong><br \/>\n<strong>Was ist schiefgelaufen? Und, was noch wichtiger ist: H\u00e4tte man das \u00fcberhaupt vermeiden k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Wenn Gesten nicht mehr ausreichen<\/h2>\n<p>Das Problem des \u201eNeuanfangs\u201c bestand darin, dass er genau das sein sollte: ein Neuanfang \u2013 ein symbolischer Akt des Willens, eine Geste guten Willens, die aus sich selbst heraus eine neue Qualit\u00e4t erzeugen sollte. Dieses Denken ist charakteristisch f\u00fcr das Vers\u00f6hnungsparadigma, das die deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 gepr\u00e4gt hat. In dieser Logik galt Geschichte als eine Last, die schrittweise \u201eentsch\u00e4rft\u201c werden musste, und symbolischen Gesten \u2013 wie Willy Brandts Kniefall (1970), der \u201eVers\u00f6hnungsmesse\u201c (1989) oder Reden \u00fcber gemeinsame Interessen, Schicksale, Werte und Ziele \u2013 wurde eine tats\u00e4chliche Wirkkraft zugeschrieben. Sie funktionierten, weil sie sich auf die authentische Erfahrung des Umbruchs bezogen, auf das Verlangen nach Normalit\u00e4t nach Jahrzehnten der Teilung.<\/p>\n<p>Heute funktioniert diese Logik nicht mehr. Nicht deshalb, weil die Gesten unauthentisch oder schlecht durchdacht w\u00e4ren. Das Problem liegt tiefer: Der Kontext, in dem sie wahrgenommen werden, hat sich ver\u00e4ndert. F\u00fcr die Generation, die den Umbruch der 1980er und 1990er Jahre noch erlebt hat, klingt ein \u201eNeuanfang\u201c wie das Versprechen einer R\u00fcckkehr zu etwas Bekanntem und Bew\u00e4hrtem. F\u00fcr j\u00fcngere Generationen \u2013 jene, die die Teilung Europas nicht mehr erlebt haben und die europ\u00e4ische Integration als etwas Selbstverst\u00e4ndliches und nicht als etwas Erk\u00e4mpftes betrachten \u2013 wirkt eine solche Rhetorik wie eine Wiederholung aus dem Geschichtsbuch. Sie beantwortet nicht ihre Fragen nach Sicherheit, Stabilit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit in einer Welt, die pl\u00f6tzlich unberechenbar geworden ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_69276\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-69276\" class=\"size-full wp-image-69276\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/KrzyRuch.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/KrzyRuch.jpg 500w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/KrzyRuch-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><p id=\"caption-attachment-69276\" class=\"wp-caption-text\">Profesor Krzysztof Ruchniewicz<br \/>Foto: Chris Archileos\/wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Der Besuch von Merz in Warschau konnte eine Geste sein, doch er blieb eine Geste. Er f\u00fchrte weder zu einer Ver\u00e4nderung des Tons der \u00f6ffentlichen Debatte noch stoppte er die wachsende Welle antideutscher Rhetorik, noch schuf er Mechanismen, mit denen sich unvermeidliche Konflikte h\u00e4tten steuern lassen. Er wurde vielmehr, um ein drastisches Bild zu geben, zu einer Gestikulation: zu einer Bewegung, die etwas signalisiert, aber nichts ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Projekte wie das Denkmal f\u00fcr die polnischen Opfer in Berlin, das Deutsch-Polnische Haus oder das gemeinsame Geschichtsbuch (Europa. Unsere Geschichte) bleiben wichtige Elemente der Beziehungslandschaft, sind jedoch nicht in der Lage, Instrumente zu ersetzen, mit denen sich ihre strukturelle Asymmetrie und unvermeidliche Konflikte bew\u00e4ltigen lie\u00dfen.<\/p>\n<h2>Eine Asymmetrie, die wir nicht benennen wollen<\/h2>\n<p>Einer der Hauptgr\u00fcnde daf\u00fcr, dass es nicht zu einem \u201eNeuanfang\u201c kam, ist die Asymmetrie der polnisch-deutschen Beziehungen, \u00fcber die wir entweder zu wenig oder auf eine grunds\u00e4tzlich falsche Weise sprechen. Diese Asymmetrie hat viele Dimensionen: eine \u00f6konomische (Deutschland ist wirtschaftlich etwa doppelt so gro\u00df), eine geopolitische (Berlin verf\u00fcgt \u00fcber einen gr\u00f6\u00dferen au\u00dfenpolitischen Handlungsspielraum) und schlie\u00dflich eine historische und erinnerungspolitische.<\/p>\n<p>Gerade diese letzte Dimension ist besonders schmerzhaft, weil sie den Nerv der Identit\u00e4t ber\u00fchrt. Polen und Deutsche erinnern den Zweiten Weltkrieg auf radikal unterschiedliche Weise. F\u00fcr Polen war er die Erfahrung einer totalen Besatzung, der Zerst\u00f6rung staatlicher Strukturen, massiver Gewalt gegen die Zivilbev\u00f6lkerung sowie des Verlustes der Unabh\u00e4ngigkeit \u00fcber Jahrzehnte hinweg. F\u00fcr Deutschland hingegen war er die Erfahrung von Schuld und Verantwortung, der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, aber auch das Trauma von Vertreibungen und der Teilung des Landes.<\/p>\n<p>Diese Erfahrungen sind moralisch nicht miteinander vergleichbar, sie sind jedoch strukturell asymmetrisch. Und genau das f\u00fchrt dazu, dass wir, wenn wir \u00fcber die Vergangenheit sprechen, \u00fcber etwas anderes sprechen \u2013 selbst dann, wenn wir dieselben Worte verwenden.<\/p>\n<p>Im Vers\u00f6hnungsparadigma ging man davon aus, dass sich diese Asymmetrie schrittweise \u00fcberwinden lasse \u2013 durch Dialog, Bildung und gemeinsame Erinnerungsprojekte. Heute wissen wir, dass diese Annahme \u00fcberm\u00e4\u00dfig optimistisch war. Die Asymmetrie ist dauerhaft. Sie wird nicht verschwinden, weil sie aus der Struktur der historischen Erfahrungen selbst hervorgeht, die beide Nationen gepr\u00e4gt haben. Die Frage lautet daher nicht, wie man sie beseitigt, sondern ob wir lernen k\u00f6nnen, mit ihr zu leben, statt so zu tun, als g\u00e4be es sie nicht.<\/p>\n<h2>Die Migrationskrise als Lackmustest<\/h2>\n<p>Der beste Beweis f\u00fcr die Fragilit\u00e4t des \u201eNeuanfangs\u201c war die Krise rund um die deutschen Grenzkontrollen. Berlin beschloss unter innenpolitischem Druck, die Kontrollen f\u00fcr Asylsuchende zu versch\u00e4rfen. Polen reagierte nerv\u00f6s und f\u00fchrte eigene Kontrollen ein, w\u00e4hrend sich in den sozialen Medien zunehmend eine Erz\u00e4hlung von \u201eMassenabschiebungen\u201c von Gefl\u00fcchteten nach Polen durchsetzte.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, bei diesem Vorfall innezuhalten, denn er zeigt etwas Wesentliches: In dem Moment, in dem reale Interessengegens\u00e4tze auftraten, erwies sich die Symbolik des \u201eNeuanfangs\u201c als hilflos. Es gab keinerlei Mechanismen, Verfahren oder Konsultationsformate, mit denen sich dieser Streit h\u00e4tte steuern lassen. \u00dcbrig blieb allein die Rhetorik \u2013 und Rhetorik, der eine institutionelle Verankerung fehlt, schl\u00e4gt rasch in gegenseitige Schuldzuweisungen um.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>Deutschland streckt weiterhin die Hand aus. Polen blickt weiterhin mit Misstrauen. Vielleicht liegt das Problem jedoch nicht darin, dass die eine Seite auf die Geste der anderen nicht reagiert. Vielleicht liegt es darin, dass wir weiterhin auf Gesten warten, statt Mechanismen zu bauen.<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Hinzu kommt, dass Donald Tusk \u2013 der als Garant des \u201eNeuanfangs\u201c gelten sollte \u2013 selbst begann, eine Sprache zu verwenden, die bislang mit seinen politischen Gegnern assoziiert wurde. Seine \u00c4u\u00dferung zu den Reparationen im Dezember, in der er betonte, das \u201epolnische Volk habe in dieser Frage nichts zu sagen gehabt\u201c, stand in scharfem Gegensatz zu seiner fr\u00fcheren Position vom Februar 2024, als er erkl\u00e4rte, die Frage sei \u201eim formalen, rechtlichen Sinne abgeschlossen\u201c. Dieser Wandel war kein Zufall. Er war eine Anpassung an innenpolitischen Druck und ein Signal daf\u00fcr, dass in einer Konfliktsituation die Innenpolitik die Au\u00dfenstrategie \u00fcberlagert.<\/p>\n<h2>Reparationen: ein Konflikt, der sich nicht l\u00f6sen l\u00e4sst<\/h2>\n<p>Die Reparationsfrage ist vielleicht das beste Beispiel daf\u00fcr, was wir an den polnisch-deutschen Beziehungen nicht verstehen. Wir behandeln sie wie ein Problem, das sich l\u00f6sen lie\u00dfe, w\u00e4hrend es sich in Wirklichkeit um einen strukturell unl\u00f6sbaren Konflikt handelt.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive des V\u00f6lkerrechts ist die Frage abgeschlossen. Aus der Perspektive des kollektiven Ged\u00e4chtnisses und des moralischen Gerechtigkeitsempfindens bleibt sie offen. Keine Summe, keine Geste, keine Resolution wird diesen Streit beenden, denn es geht nicht um Geld. Es geht um die Anerkennung der Asymmetrie der Erfahrungen und um die Tatsache, dass keine \u201eEntsch\u00e4digung\u201c in den Augen jener ausreichend sein kann, die sich erinnern oder das Ged\u00e4chtnis fr\u00fcherer Generationen in sich tragen.<\/p>\n<p>Im Vers\u00f6hnungsparadigma ging man davon aus, dass Dialog und symbolische Gesten diesen Konflikt allm\u00e4hlich zum Erl\u00f6schen bringen w\u00fcrden. Das ist nicht geschehen. Stattdessen kehrt er zyklisch zur\u00fcck, jedes Mal mit gr\u00f6\u00dferer Intensit\u00e4t, und frustriert beide Seiten. Die Deutschen f\u00fchlen sich f\u00fcr etwas beschuldigt, f\u00fcr das sie sich ihrer Ansicht nach bereits entschuldigt und Verantwortung \u00fcbernommen haben. Die Polen haben das Gef\u00fchl, dass ihr Leid nicht anerkannt wurde und dass das Gedenken an die Opfer politisch instrumentalisiert wird.<\/p>\n<p>Gibt es einen anderen Weg? Ja \u2013 aber er erfordert einen radikalen Perspektivwechsel. Anstatt zu versuchen, das Reparationsproblem \u201ezu l\u00f6sen\u201c, muss man lernen, es zu managen: seine Dauerhaftigkeit anzuerkennen, seinen destabilisierenden Einfluss auf andere Kooperationsbereiche zu begrenzen, die symbolischen Konflikte von der strategischen Zusammenarbeit zu trennen. Die Unterst\u00fctzung der letzten noch lebenden Opfer des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzung sollte nicht als \u201eGeste gegen\u00fcber Polen\u201c, sondern als Akt elementarer Gerechtigkeit gegen\u00fcber konkreten Menschen verstanden werden.<\/p>\n<p>Das wird niemanden zufriedenstellen. Aber es wird ehrlich sein. Und es wird Beziehungen handlungsf\u00e4hig halten, die heute Geisel eines Konflikts sind, den niemand gewinnen kann.<\/p>\n<h2>Gesellschaften \u201edazwischen\u201c \u2013 ein vergessenes Beziehungskapital<\/h2>\n<p>Es gibt eine Dimension der polnisch-deutschen Beziehungen, die immer seltener thematisiert wird, obwohl sie als eine Art Seismograph der Spannungen fungieren k\u00f6nnte: die Polen in Deutschland und die deutsche Minderheit in Polen.<\/p>\n<p>Im Vers\u00f6hnungsparadigma galten diese Gruppen als lebendiger Beweis f\u00fcr den Erfolg der Normalisierung \u2013 als Symbole der \u00dcberwindung historischer Trennungen, als \u201eBr\u00fccken\u201c zwischen den Nationen. Heute befinden sich beide Gruppen in einer eigent\u00fcmlichen Lage: Sie sind statistisch sichtbar, aber narrativ unsichtbar. Sie fungieren nicht mehr als Subjekte der Debatte \u00fcber bilaterale Beziehungen, sondern eher als deren Objekt \u2013 selektiv herangezogen, wenn gerade ein politisches Argument ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p>Das ist eine deutliche Ver\u00e4nderung. Sie bedeutet den Verlust der Funktion, die diese Gruppen im fr\u00fcheren Paradigma erf\u00fcllten. Sie bedeutet jedoch nicht, dass sie an Bedeutung verloren h\u00e4tten. Im Gegenteil: Unter Bedingungen wachsender Spannungen werden die Gesellschaften \u201edazwischen\u201c zu besonders sensiblen Indikatoren f\u00fcr Ver\u00e4nderungen im Beziehungsklima. Sie sind es, die die Folgen von Polarisierung, symbolischer Instrumentalisierung und wachsendem Nationalismus zuerst erfahren. In ihrem Alltagsleben \u2013 in Schulen, am Arbeitsplatz, im Kontakt mit Beh\u00f6rden \u2013 werden Spannungen sichtbar, die auf staatlicher Ebene noch im Bereich der Rhetorik verbleiben.<\/p>\n<div id=\"attachment_26727\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-26727\" class=\"size-full wp-image-26727\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Deutsch-Polnische_Grenze_2016a.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" \/><p id=\"caption-attachment-26727\" class=\"wp-caption-text\">Die deutsch-polnische Grenze wird wieder ge\u00f6ffnet. Foto: Andreas Vogel\/wikimedia commons<\/p><\/div>\n<p>Aus analytischer Perspektive erinnert die Pr\u00e4senz dieser Gruppen daran, dass polnisch-deutsche Beziehungen nicht nur aus Diplomatie und gro\u00dfer Politik bestehen, sondern auch aus Millionen konkreter menschlicher Erfahrungen \u2013 ambivalenter, widerspr\u00fcchlicher Erfahrungen, die nicht in einfache Erz\u00e4hlungen von \u201eFreundschaft\u201c oder \u201eKrise\u201c passen. Im neuen Paradigma sollten sie eine andere Form der Pr\u00e4senz erhalten: nicht als Beweis eines erfolgreichen Vers\u00f6hnungsprozesses, sondern als Wissensquelle \u00fcber die tats\u00e4chliche Dynamik der Beziehungen und dar\u00fcber, wie sich politische Spannungen auf das Leben der Menschen auswirken.<\/p>\n<h2>Partnerschaft trotz Konflikten \u2013 nicht dank ihres Ausbleibens<\/h2>\n<p>Wenn ich den gr\u00f6\u00dften Denkfehler im Umgang mit den polnisch-deutschen Beziehungen benennen m\u00fcsste, w\u00e4re es der Mythos der Harmonie: die \u00dcberzeugung, Beziehungen seien nur dann \u201egut\u201c, wenn es keine Konflikte gibt, und jeder Streit sei ein Zeichen ihres \u201eKrisenzustands\u201c. Dieses Denken entstammt einer Epoche, die davon ausging, dass sich Geschichte \u201eabschlie\u00dfen\u201c lasse und Europa in eine \u00c4ra dauerhaften Friedens eingetreten sei.<\/p>\n<p>Heute wissen wir, dass dem nicht so ist. Der Krieg ist nach Europa zur\u00fcckgekehrt. Strategische Unsicherheit ist zu unserer allt\u00e4glichen Erfahrung geworden. Unter diesen Bedingungen k\u00f6nnen zwischenstaatliche Beziehungen nicht auf der Annahme der Konfliktfreiheit beruhen. Sie m\u00fcssen auf der F\u00e4higkeit beruhen, trotz Konflikten zusammenzuarbeiten.<\/p>\n<p>Das nenne ich eine Partnerschaft asymmetrischer Verantwortung. Das ist kein sch\u00f6ner Begriff. Er klingt nicht wie \u201eNeuanfang\u201c oder \u201eVers\u00f6hnung\u201c. Aber er beschreibt etwas Reales: eine Beziehung, in der<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>die Asymmetrie von Erfahrungen, Erinnerung und Interessen anerkannt und nicht kaschiert wird,<\/li>\n<li>Konflikte als normal gelten und nicht als Anomalien, die sofort \u201etherapiert\u201c werden m\u00fcssten,<\/li>\n<li>Zusammenarbeit auf funktionaler Ebene stattfindet (Sicherheit, Wirtschaft, Infrastruktur) und nicht ausschlie\u00dflich auf symbolischer,<\/li>\n<li>Geschichte nicht verschwindet, sondern ihre Funktion ver\u00e4ndert: vom Instrument politischer Mobilisierung zum Gegenstand langfristiger Analyse,<\/li>\n<li>Verantwortung bedeutet, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu managen und nicht um jeden Preis Konsens herzustellen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Das Jahr 2025: verpasste Chance oder Lektion des Realismus?<\/h2>\n<p>War das Jahr 2025 ein Scheitern? Das h\u00e4ngt davon ab, was man erwartet hat. Wenn man glaubte, dass die symbolische Geste von Kanzler Merz und die Erkl\u00e4rung von Ministerpr\u00e4sident Tusk ausreichen w\u00fcrden, um die Logik der Beziehungen zu ver\u00e4ndern, dann war es ein Scheitern.<\/p>\n<p>Wenn man dieses Jahr jedoch als Lektion des Realismus begreift, ergibt sich ein anderes Bild. Es hat gezeigt, dass das alte Paradigma ersch\u00f6pft ist. Dass Gesten ohne institutionelle Mechanismen leer bleiben. Dass die Asymmetrie der Erfahrungen nicht verschwindet, nur weil man aufh\u00f6rt, \u00fcber sie zu sprechen. Und dass j\u00fcngere Generationen eine andere Sprache ben\u00f6tigen als jene, die den Umbruch noch erlebt haben.<\/p>\n<p>Deutschland streckt weiterhin die Hand aus. Polen blickt weiterhin mit Misstrauen. Vielleicht liegt das Problem jedoch nicht darin, dass die eine Seite auf die Geste der anderen nicht reagiert. Vielleicht liegt es darin, dass wir weiterhin auf Gesten warten, statt Mechanismen zu bauen.<\/p>\n<p>Die Partnerschaft asymmetrischer Verantwortung verspricht kein gl\u00fcckliches Ende. Sie bietet ein stabiles Zusammenleben unter Bedingungen dauerhafter Unsicherheit an. Sie klingt weniger attraktiv als ein \u201eNeuanfang\u201c. Aber sie hat einen entscheidenden Vorteil: Sie ist ehrlich.<\/p>\n<p>Und vielleicht hat sie gerade deshalb \u2013 paradoxerweise \u2013 eine Chance zu funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong><span style=\"color: #000000;\">Profesor Krzysztof Ruchniewicz<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<h4>Der Text entstand als Antwort auf den Kommentar von Redakteur Krzysztof \u015awierc:<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"iVlpi6fhKj\"><p><a href=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/kommentar-zu-den-deutsch-polnischen-beziehungen-2025-es-gehoeren-immer-zwei-dazu\/\">\u201eEs geh\u00f6ren immer zwei dazu\u201c<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8222;\u201eEs geh\u00f6ren immer zwei dazu\u201c&#8220; &#8212; Wochenblatt - Gazeta Niemc\u00f3w w Rzeczypospolitej Polskiej\" src=\"https:\/\/wochenblatt.pl\/kommentar-zu-den-deutsch-polnischen-beziehungen-2025-es-gehoeren-immer-zwei-dazu\/embed\/#?secret=LVBTEAeGTw#?secret=iVlpi6fhKj\" data-secret=\"iVlpi6fhKj\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Gesten und Gestikulation Als der im Februar 2025 neu vereidigte Bundeskanzler Friedrich Merz Warschau zum Ziel seines ersten Auslandsbesuchs w\u00e4hlte, sprachen viele Kommentatoren von einer historischen Geste. 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