{"id":62760,"date":"2025-06-22T17:00:23","date_gmt":"2025-06-22T15:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/wochenblatt.pl\/?p=62760"},"modified":"2026-02-10T22:36:33","modified_gmt":"2026-02-10T21:36:33","slug":"vergessenes-erbe-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/vergessenes-erbe-9\/","title":{"rendered":"Vergessenes Erbe"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Rathaus K\u00f6nigsh\u00fctte<\/strong><strong>: <\/strong><strong>Funktionalistische Perle mit altem Kern<\/strong><\/h1>\n<p><strong>Hoch \u00fcber der K\u00f6nigsh\u00fctter Innenstadt ragt der Rathausturm, an dem t\u00e4glich Zehntausende Pendler in Auto, Bus und Stra\u00dfenbahn vorbeikommen. Das funktionalistische \u00c4u\u00dfere suggeriert ein Geb\u00e4ude aus der Zwischenkriegszeit \u2013 dabei ist es deutlich \u00e4lter und k\u00f6nnte viele spannende Geschichten erz\u00e4hlen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<h2><strong>Die Genese der Stadt K\u00f6nigsh\u00fctte<\/strong><\/h2>\n<p>Auf dem heutigen Stadtgebiet Chorz\u00f3ws existierten vor der Industrialisierung mehrere D\u00f6rfer \u2013 unter anderem Chorz\u00f3w, von dem sich der heutige polnische Stadtname ableitet. Eine f\u00fcr die sp\u00e4tere Stadt K\u00f6nigsh\u00fctte zentrale Entdeckung machte 1787 der Pfarrer Ludwik Bojarski, als er Steinkohlevorkommen fand, die zur Gr\u00fcndung der Kohlegrube <strong>F\u00fcrstin Hedwig<\/strong> f\u00fchrten. Bereits ein Jahr sp\u00e4ter besuchte Friedrich Wilhelm Graf von Reden, als Vertreter des Breslauer Oberbergamtes, das sp\u00e4tere oberschlesische Industriegebiet. Er setzte sich f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines modernen staatlichen Eisenwerks ein \u2013 1797 wurde mit <strong>K\u00f6nigsh\u00fctte<\/strong> seine Idee verwirklicht.<\/p>\n<div id=\"attachment_62762\" style=\"width: 642px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62762\" class=\" wp-image-62762\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/04-Rathaus-Chorzow-2-privat_Easy-Resize.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"632\" height=\"474\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/04-Rathaus-Chorzow-2-privat_Easy-Resize.com_.jpg 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/04-Rathaus-Chorzow-2-privat_Easy-Resize.com_-300x225.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/04-Rathaus-Chorzow-2-privat_Easy-Resize.com_-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/04-Rathaus-Chorzow-2-privat_Easy-Resize.com_-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><p id=\"caption-attachment-62762\" class=\"wp-caption-text\">Das Rathaus bei Nacht<br \/>Foto: Privat<\/p><\/div>\n<p>Das Stahlwerk bildete den Ausgangspunkt einer sich schnell entwickelnden Industriesiedlung. Es folgten weitere Betriebe, und mit ihnen wuchs der Ort rasant. Die ersten Kirchen entstanden 1840 (evangelische Pfarrkirche St. Elisabeth) und 1852 (katholische Pfarrkirche St. Barbara).<\/p>\n<h2><strong>Von der Industriesiedlung zur Stadt<\/strong><\/h2>\n<p>Im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert entwickelten viele Orte im oberschlesischen Industriebezirk einen st\u00e4dtischen Charakter, ohne offiziell Stadtrecht zu besitzen. Dieses war jedoch ein wichtiger Entwicklungsvorteil, da es eine eigenst\u00e4ndige Verwaltung erm\u00f6glichte \u2013 gerade in einem Gebiet, in dem Arbeiterkolonien oft \u00fcber alte Gemeindegrenzen hinweg aufgekauftem Privatgrund entstanden.<\/p>\n<p>Die Versorgung mit Schulen, Polizei und Armenhilfe war schwierig zu organisieren. Am <strong>11. Juli 1868<\/strong> erhob K\u00f6nig Wilhelm I. die Industriesiedlung K\u00f6nigsh\u00fctte \u2013 samt benachbarter Arbeitersiedlungen \u2013 zur Stadt <strong>K\u00f6nigsh\u00fctte<\/strong>.<\/p>\n<h2><strong>Das erste Rathaus und seine Grenzen<\/strong><\/h2>\n<p>Als junge Stadt ben\u00f6tigte K\u00f6nigsh\u00fctte ein eigenes Rathaus. Der Grundstein wurde am <strong>15. Juli 1874<\/strong> am Ring gelegt. Nach zwei Jahren Bauzeit war das Rathaus fertiggestellt \u2013 ein Werk des oberschlesischen Baumeisters <strong>Benno Gr\u00f6tschel<\/strong> im Stil der Neorenaissance mit manieristischen Elementen.<\/p>\n<div id=\"attachment_62763\" style=\"width: 726px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62763\" class=\" wp-image-62763\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/01-Rathaus-auf-einer-Postkarte_Easy-Resize.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"716\" height=\"461\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/01-Rathaus-auf-einer-Postkarte_Easy-Resize.com_.jpg 1280w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/01-Rathaus-auf-einer-Postkarte_Easy-Resize.com_-300x193.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/01-Rathaus-auf-einer-Postkarte_Easy-Resize.com_-1024x659.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/01-Rathaus-auf-einer-Postkarte_Easy-Resize.com_-768x494.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 716px) 100vw, 716px\" \/><p id=\"caption-attachment-62763\" class=\"wp-caption-text\">Rathaus auf einer Postkarte<br \/>Foto: \u015al\u0105ska Biblioteka Cyfrowa<\/p><\/div>\n<p>Doch die Stadt wuchs rasant: Von 19.536 Einwohnern im Jahr 1871 auf 72.600 im Jahr 1910. Die B\u00fcrofl\u00e4chen reichten bald nicht mehr aus. Schon um 1900 wurde ein Ausbau diskutiert \u2013 der aber durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhindert wurde.<\/p>\n<h2><strong>Funktionalistischer Umbau in den 1920er Jahren<\/strong><\/h2>\n<p>Nach dem Krieg wurde K\u00f6nigsh\u00fctte unter dem Namen <strong>Kr\u00f3lewska Huta<\/strong> zur polnischen Grenzstadt. Trotz ver\u00e4nderter politischer Verh\u00e4ltnisse blieb der Platzbedarf der Stadtverwaltung bestehen. Die Architekten <strong>Karol Schayer<\/strong> und <strong>Witold Eyssmont<\/strong> wurden mit einem umfassenden Umbau beauftragt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ffcc00;\"><strong>\u201eDas funktionalistische \u00c4u\u00dfere des Rathauses verbirgt eine bewegte Geschichte \u2013 vom preu\u00dfischen Historismus \u00fcber die Moderne der Zwischenkriegszeit bis zur Gegenwart.\u201c<\/strong><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der urspr\u00fcngliche historisierende Bau wurde <strong>im Geist des Funktionalismus<\/strong> radikal modernisiert. Er verlor seine reich verzierten Fassaden, erhielt aber einen neuen Seitenfl\u00fcgel und einen markanten Turm (36,6\u202fm hoch, mit gro\u00dfen Uhren). Die neue Architektur betonte die Modernit\u00e4t des jungen polnischen Staates und setzte sich bewusst vom deutschen Kaiserreich ab.<\/p>\n<h2><strong>Kunst im Rathaus \u2013 Glasmalereien im Art-D\u00e9co-Stil<\/strong><\/h2>\n<p>Auch das Innere des Rathauses wurde funktionalistisch umgestaltet. Herausragend ist der Sitzungssaal mit seinen drei riesigen <strong>Glasmalereien<\/strong> von <strong>Jan Piasecki<\/strong> (je 6,4\u202fm hoch, 2,15\u202fm breit). In <strong>allegorischer Form<\/strong> zeigen sie die drei wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt: H\u00fcttenwesen, Bergbau und Handel \u2013 in pr\u00e4chtigem <strong>Art-D\u00e9co-Stil<\/strong>.<\/p>\n<div id=\"attachment_62761\" style=\"width: 468px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62761\" class=\" wp-image-62761\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/02-Iwona-Wander-CC-BY-SA_Easy-Resize.com_.jpg\" alt=\"\" width=\"458\" height=\"1130\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/02-Iwona-Wander-CC-BY-SA_Easy-Resize.com_.jpg 519w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/02-Iwona-Wander-CC-BY-SA_Easy-Resize.com_-122x300.jpg 122w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/02-Iwona-Wander-CC-BY-SA_Easy-Resize.com_-415x1024.jpg 415w\" sizes=\"auto, (max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><p id=\"caption-attachment-62761\" class=\"wp-caption-text\">Glasmalerei von Jan Piasecki<br \/>Foto: Iwona Wander, Lizenz: CC BY-SA 3.0 PL<\/p><\/div>\n<h2><strong>Zweiter Weltkrieg und NS-Zeit<\/strong><\/h2>\n<p>Mit der deutschen Besetzung am <strong>3. September 1939<\/strong> wurde die polnische Verwaltung vertrieben. Nationalsozialistische Beamte \u00fcbernahmen die Kontrolle. Alle polnischen Inschriften wurden entfernt, der Platz vor dem Rathaus in <strong>Adolf-Hitler-Platz<\/strong> umbenannt. Von hier aus wurden Juden, Polen und NS-Gegner systematisch verfolgt.<\/p>\n<p>Der Verwaltungsapparat wuchs weiter \u2013 <strong>1941<\/strong> erhielt das Rathaus ein zus\u00e4tzliches Stockwerk.<\/p>\n<h2><strong>Volksrepublik und Verkehrsmodernisierung<\/strong><\/h2>\n<p>Am <strong>27. Januar 1945<\/strong> marschierte die Rote Armee kampflos ein. Das Rathaus blieb nahezu unbesch\u00e4digt. In der Volksrepublik Polen blieb das Geb\u00e4ude Verwaltungssitz. Ein markanter Eingriff in die Stadtsilhouette war der <strong>Bau der Hochstra\u00dfe (1976\u20131979)<\/strong> mit der Landesstra\u00dfe 79. Sie zerschnitt den Ring in zwei Teile \u2013 eine verkehrstechnische Verbesserung, aber ein architektonischer Verlust.<\/p>\n<h2><strong>Wendezeit und Denkmalschutz<\/strong><\/h2>\n<p>Nach der politischen Wende 1990 wurde das Rathaus erneut Zentrum der kommunalen Entscheidungen. Zwei Renovierungen folgten \u2013 <strong>2001<\/strong> und <strong>2019<\/strong>. Auch der Ring wurde grundsaniert. Seit <strong>2010<\/strong> steht das Rathaus unter <strong>Denkmalschutz<\/strong> \u2013 als bedeutendes Beispiel regionaler Architektur.<\/p>\n<p>Heute blickt der oberschlesische Adler im Stadtwappen von Chorz\u00f3w mit Stolz vom Rathausturm auf das Umland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rathaus K\u00f6nigsh\u00fctte: Funktionalistische Perle mit altem Kern Hoch \u00fcber der K\u00f6nigsh\u00fctter Innenstadt ragt der Rathausturm, an dem t\u00e4glich Zehntausende Pendler in Auto, Bus und Stra\u00dfenbahn vorbeikommen. Das funktionalistische \u00c4u\u00dfere suggeriert ein Geb\u00e4ude aus der Zwischenkriegszeit \u2013 dabei ist es deutlich \u00e4lter und k\u00f6nnte viele spannende Geschichten erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":62763,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4233],"tags":[3980,6041,1984,2393,1960],"redaktor":[],"class_list":["post-62760","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-radio-de","tag-koenigshuette","tag-rathaus-koenigshuette","tag-schlesien","tag-stadtgeschichte","tag-vergessenes-erbe"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62760"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":71662,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62760\/revisions\/71662"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/62763"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62760"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=62760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}