Sie ist erst 22 Jahre alt, aber sie hat bereits auf den Bühnen von Wien und Japan gespielt. Miriam Powrósło ist ein Ausnahmetalent auf der Geige. Doch egal, ob sie mit den Wiener Symphonikern spielt oder als Solistin auftritt – ihre Wurzeln hat sie nie vergessen. Sie liegen im kleinen schlesischen Ort Kotulin (Gemeinde Tost). Mit Manuela Leibig sprach sie über Disziplin, Kindheitsträume von schönen Kleidern und darüber, warum sie statt Trompete lieber Violine lernte.
Du sprichst sehr gut Deutsch. Kommt das aus dem Elternhaus?
Ja, ich gehöre der deutschen Minderheit an. Als Kind habe ich in der Schule viel Deutsch gelernt, wir hatten extra Stunden. Aber vor allem habe ich mit meinen Großeltern Deutsch gesprochen. Mein Opa und meine Oma wohnten im gleichen Dorf. Wenn ich sie besucht habe, habe ich oft gesagt: „Oma, ich möchte später vielleicht in Wien studieren, ich muss Deutsch üben. Können wir sprechen?“ Sie hat mir dann viel von früher erzählt, wie es war, als sie jung war. Polnisch ist natürlich meine erste Sprache, aber ich wollte unbedingt gut Deutsch lernen. Vor meinem Studium in Wien habe ich dann noch intensiv Unterricht genommen, um wirklich fließend mit den Leuten reden zu können.

Miriam Powrósło
Foto: Kacper Ceglarz
Du kommst aus einer sehr musikalischen Familie. War es klar, dass Du ein Instrument lernen musst?
Natürlich. Bei uns spielt die ganze Familie etwas. Meine Mutter spielt Klavier, mein Vater Posaune, meine Schwester Flöte und mein Onkel Tuba. In Kotulin gibt es ein Blasorchester, da spielen fast alle mit. Mein Vater wollte eigentlich, dass ich Trompete oder Posaune spiele, damit ich ins Orchester passe.
Aber es wurde die Geige. Warum?
Das hatte einen ganz bestimmten Grund. Als ich noch im Kindergarten war, habe ich Konzerte aus der Philharmonie gesehen. Ich war total begeistert von den Frauen in diesen wunderschönen Kleidern. Ich dachte mir: „Ich liebe diese Kleider! Ich will Geige spielen.“ Und so habe ich das durchgesetzt. Trompete war mir zu wenig „Mädchen“, ich wollte etwas Solistisches. Mit sechs Jahren hatte ich dann das erste Mal eine Geige in der Hand.
Warst Du sofort Feuer und Flamme oder gab es auch schwierige Zeiten beim Üben?
Die ersten zwei Jahre war ich sehr motiviert. Aber als Kind ist es nicht immer einfach. Ich hatte diesen Moment, wo meine Freundinnen draußen gespielt oder ferngesehen haben, und ich musste üben. Meine Mutter war da streng, mein Vater auch. Sie sagten: „Nein, du musst üben.“ Da habe ich schon gezweifelt, ob ich das wirklich meine ganze Zukunft lang machen will. Aber als ich 13 war, hat sich das geändert. Ich merkte, dass ich Talent habe, aber noch viel arbeiten muss. Ich habe mir Videos von großen Geigerinnen auf YouTube angesehen und war plötzlich sehr inspiriert. Besonders die spanische Geigerin Maria Dueñas war ein Vorbild für mich. Ich wollte unbedingt so spielen wie sie.
Der Wiener Musikverein, wo jedes Jahr das Neujahrskonzert stattfindet, ist ein magischer Ort. Als ich meinen ersten Auftritt mit den Symphonikern hatte, hat sich mein Traum erfüllt.
Und dieser Wunsch hat Dich schließlich nach Wien geführt?
Genau. Ich wusste, Wien ist die absolute Top-Stadt für Musiker, besonders für Geiger. Ich wollte dort studieren. Das Aufnahmeverfahren ist aber sehr hart. Zuerst muss man Videos einschicken. Wenn man eingeladen wird, gibt es eine Aufnahmeprüfung über drei Tage. In der Klasse bei meinem Professor gibt es nur fünf Studenten – da muss man wirklich präzise spielen und einen klaren Plan haben. Ich habe es geschafft und studiere jetzt bei einem Konzertmeister der Wiener Symphoniker. Das war mein Traum.

Miriam Powrósło
Foto: Kacper Ceglarz
Du spielst mittlerweile sogar selbst bei den Wiener Symphonikern. Wie hast Du das geschafft?
Ich habe mich für eine Stelle als Substitut, also als Aushilfsmusikerin, beworben. Es gab 148 Bewerber für vielleicht zehn Plätze auf der Liste. Man bereitet sich monatelang vor. Ich habe die Probespiele bestanden und bin seit Februar 2025 als Substitut dabei. Wenn jemand im Orchester ausfällt oder sie mehr Musiker brauchen, bekomme ich einen Anruf oder eine E-Mail. Das kann manchmal sehr spontan sein, aber manchmal kann man auch planen. Demnächst spiele ich zum Beispiel bei einem Projekt mit dem Violinkonzert von Sibelius mit.
Was ist das für ein Gefühl, in Wien auf der Bühne zu stehen?
Es ist unbeschreiblich. Der Musikverein, wo jedes Jahr das Neujahrskonzert stattfindet, ist ein magischer Ort. Als ich meinen ersten Auftritt mit den Symphonikern hatte, hat sich mein Traum erfüllt. Ich visualisiere das oft vor dem Auftritt: Ich stelle mir vor, ich stehe schon auf der Bühne, ich sehe das Publikum und gehe die ersten Noten im Kopf durch. Das hilft gegen die Nervosität.

Miriam Powrósło
Foto: Kacper Ceglarz
Kommen wir zurück zu den Kleidern. Haben sich Deine Kindheitsträume erfüllt?
Ja, absolut! (lacht). Wenn man als Solistin spielt, kann man Farben tragen. Im Orchester muss ja alles schwarz sein, aber solo ist das anders. Wenn ich diese Kleider trage, fühle ich mich ein bisschen wie eine Prinzessin auf der Bühne.
Du warst mit der Geige sogar schon in Japan. Wie war das?
Das war eine Tournee mit dem „Wiener Walzer Orchester“. Wir waren zwei Monate lang unterwegs – in Osaka, Tokio, Nagasaki. Wir haben fast täglich gespielt. Das war eine tolle Erfahrung. Da wir Karnevalskonzerte gespielt haben, mussten die Kleider besonders bunt sein.

Miriam Powrósło
Foto: Kacper Ceglarz
Bei diesem Pensum und dem vielen Reisen – wie hältst Du Dich fit? Geige spielen ist ja körperlich sehr anstrengend.
Das ist ein sehr wichtiges Thema. Als Musiker stehen wir oft stundenlang in einer steifen Haltung. Als ich 16 war, hatte ich deswegen große Rückenschmerzen. Heute achte ich sehr auf meine Gesundheit. Ich gehe ins Fitnessstudio, mache Krafttraining für den Rücken und Yoga für die Mobilität. Man muss einen Ausgleich schaffen. Ich schreibe sogar meine Bachelorarbeit darüber, wie man als Geigerin Verletzungen vermeidet und gesund bleibt.
Neben dem Studium und den Konzerten unterrichtest Du auch.
Ich unterrichte Geige und Englisch. Ich liebe Sprachen – ich spreche Polnisch, Deutsch, Englisch und ein bisschen Französisch. Es macht mir Spaß, mein Wissen weiterzugeben, mit Menschen zu arbeiten. Ich unterrichte Kinder und Erwachsene, oft auch online, was sehr praktisch ist, wenn ich unterwegs bin. Vielleicht mache ich in Zukunft noch ein Zertifikat, um auch Deutsch unterrichten zu können.

Miriam Powrósło
Foto: Kacper Ceglarz
Wie oft bist Du zu Hause in Kotulin?
Ich versuche, jede freie Minute zu nutzen. Wenn wir an der Uni Ferien haben oder an Feiertagen wie Weihnachten oder Allerheiligen, bin ich in Kotulin. Ich brauche das, um mich zu erholen. Dann gehe ich viel spazieren, treffe Freunde und genieße die Ruhe. Aber ganz ohne Musik geht es auch dort nicht.
Wird zu Hause an Weihnachten musiziert?
Natürlich! Das ist Tradition. Wir sind dann unser eigenes kleines Familienorchester. Wir spielen Weihnachtslieder, deutsche und polnische gemischt – „Stille Nacht“ oder „Kling, Glöckchen“. Wir spielen auch oft in der Kirche vor der Christmette. Das ist eine wunderschöne Zeit, die wir gemeinsam verbringen.
Du bist jung und die Welt steht Dir offen. Wo siehst Du Dich in der Zukunft? Eher in Wien, in den USA oder doch wieder näher an der Heimat?
Das Leben kann sehr bunt und kompliziert sein. Ich werde jetzt erst einmal meinen Bachelor abschließen und dann den Master machen, hoffentlich weiter in Wien. Mein Freund lebt in den USA, ich war den ganzen Sommer dort. In Kansas gibt es zum Beispiel ein sehr gutes Symphonieorchester. Ich könnte mir schon vorstellen, dort einmal ein Probespiel zu machen. Ich bin offen für alles. Wo immer es eine gute Gelegenheit gibt, in einem tollen Orchester zu spielen oder solistisch aufzutreten, da werde ich hingehen. Aber die Geige, die bleibt zu 100 Prozent meine Begleiterin.