Görlitz wird ein Zentrum der globalen Weltraumforschung

11 Februar 2026 Radio

Starke, nachhaltige Wachstumsimpulse durch das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA)

Wer hat nicht schon einmal an einem sternenklaren Abend staunend Schönheit und Tiefe des geheimnisvollen nächtlichen Himmels mit seinen unendlichen Weiten bewundert. Seit Jahrhunderten untersuchen Astronomen das Weltall und stoßen mit spannenden Entdeckungen und neuen technischen Möglichkeiten immer tiefer in das Universum vor.

Je näher wir das Universum mit unseren immer leistungsstärkeren Teleskopen betrachten können und je mehr Erkenntnisse wir daraus gewinnen, umso größer scheint die Vielfalt zu werden, die wir dort erblicken. Gleichzeitig öffnen sich damit Türen, die uns faszinierende Einblicke in die Vergangenheit des Universums erlauben – von dessen Anfängen bis zur Ausformung von Materie, Galaxien und Planeten. Die beständige Bewegung und Entwicklung des Universums setzt sich bis heute fort. Sie schickt uns ferne Signale von werdenden oder sterbenden Sternen, aber auch interstellare Besucher wie Asteroiden
und Kometen.

Boomende Wissenschaft mit großer Innovationskraft

Die technischen Möglichkeiten zur Erforschung des Alls haben in den vergangenen Jahren eine atemberaubende Entwicklung genommen. Längst hat sich die Astrophysik zu einer zahlreiche andere Zweige der Naturwissenschaften und hochtechnologische Entwicklungen voranbringenden, wissenschaftlichen Schlüsseldisziplin entwickelt, die eine große Innovationskraft besitzt. Gleitsichtbrillen, Ceranfelder, wesentliche Bestandteile von Mobiltelefonen, Navi oder schnelle elektronische Banküberweisungen via Satellit – das alles gibt es dank astronomischer Forschung. Gegenwärtig erlebt die Astrophysik einen wahren „Boom“. Die Hälfte der Physik-Nobelpreise im vergangenen Jahrzehnt zum Beispiel betrafen Astronomie, Astrophysik und Astroteilchenphysik. Astronomische Messungen unterscheiden sich dabei heute grundlegend von der Astronomie früherer Zeiten. Moderne Teleskope sind riesige Anlagen, auf der ganzen Welt verteilt, an denen internationale Kooperationen arbeiten. Sie befinden sich im chilenischen Hochland, den Weiten Australiens und tief im Eis der Antarktis. Für sie sind genaueste Messtechniken notwendig, und die Daten, die neue Observatorien sammeln werden, machen ein Vielfaches des heutigen Internets aus. Diese Daten aus aller Welt sollen künftig in der Oberlausitz zusammenlaufen, der größte zivile Datensatz der Welt entsteht.

Historische Entscheidung für Görlitz

Beim Deutschen Zentrum für Astrophysik (DZA) handelt es sich um eine gemeinsame Initiative der Astronomie und Astroteilchenphysik in Deutschland, mitgetragen von vielen namhaften Wissenschaftlern und unterstützt von den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen. Vor drei Jahren fiel die Entscheidung das DZA in Görlitz anzusiedeln. Aufgrund der Nähe zu den Universitätsstädten Dresden, Breslau und Prag und durch die vielversprechenden Neuansiedlungen im Innovations- und Hochtechnologiesektor bot sich die schöne alte Stadt als ein hervorragender Standort für das DZA an. Hier ist ein offener Campus für Spitzenforschung auf dem Kahlbaum-Areal geplant im Herzen der Europastadt – unweit des deutsch-polnischen Brückenparks – mit den Zentren für Astrophysik und Datenwissenschaften, dem Technologiezentrum und dem Zentrum für Innovation und Transfer. Teil des Konzepts ist zudem ein Besucherpark. Weitere bahnbrechende, das Schicksal der Menschheit prägende Erfolge der Astrophysiker werden in Zukunft zentral von Görlitz aus gesteuert und ausgewertet werden. Die schöne alte Stadt an der Neiße, die schon mit vielen besonderen Attributen als „schönste Stadt Deutschlands“ (Prof. Gottfried Kiesow), deutsch-polnische Europastadt,
Görliwood®, „Stadt der Türme“ und „Stadt der Museen“ versehen wird, ist dabei, auch zu einer Art „Welthauptstadt der Astronomie und Astrophysik“ zu werden.

Prof. Günther Hasinger am provisorischen Sitz des DZA im historischen Postgebäude am zentralen Postplatz. Der Umzug auf das als eigentlichen Standort vorgesehene Kahlbaum-Areal erfolgt, sobald die Arbeiten dort abgeschlossen sind.
Foto: Stefan Witschas, TUDDZA.

Denn mit einer staatlichen Förderung in Höhe von 1,2 Milliarden Euro – zu 90 Prozent aus Bundes- und zu zehn Prozent aus Landesmitteln – soll eine weltweit bestens vernetzte wissenschaftliche Institution mit rund 1000 Mitarbeitern entstehen. Unter der Leitung des renommierten Astrophysikers Prof. Günther Hasinger, erfahrener Wissenschaftsdirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA, konnten inzwischen grundlegende Aufbaustrukturen geschaffen und bereits der 100. Mitarbeiter eingestellt werden. Dieser zukunftsträchtige Einsatz und die teilweise zuwandernden hochqualifizierten Fachkräfte hinterlassen längst wohltuende Spuren im Görlitzer Alltag. Das DZA ist dabei, zum größten Trumpf und wirtschaftlichen Wachstumsfaktor für die Zukunft von Stadt und Region zu werden.

Erste wissenschaftliche Großveranstaltungen

Dies spiegelte sich in diesem Jahr bereits in zwei herausragenden Großveranstaltungen wider, welche durch die Teilnahme von hunderten Wissenschaftlern aus aller Welt im Juni und Mitte September Görlitz zum Beben brachten und aufzeigten, wie sehr die erst 2029 zur Verfügung stehende Stadthalle als großes modernes Konferenzzentrum benötigt wird.

Vom 16. bis 20. Juni 2025 diskutierten Delegationen aus 14 Ländern mit rund 600 Teilnehmenden bei einer internationalen Wissenschaftskonferenz in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec die Zukunft des größten Radioteleskops der Welt, des Square Kilometre Array Observatory (SKAO), das derzeit in Südafrika und Australien gebaut wird. Aus Deutschland unterstützen das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) und das Max-Planck-Institut für Radioastronomie das SKAO. Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow sagte bei der Eröffnung: „Mit dem DZA sind wir Teil des weltweit größten Radioteleskops, das technologische und digitale Herausforderungen mit sich bringt. Die wollen wir hier lösen.“ Neben Philip Diamond CBE, Generaldirektor des SKA-Observatoriums und Michael Kramer, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie MPIfR in Bonn, waren viele führende Köpfe der Astrophysik zum Beispiel aus Australien, China, Indien, Italien, den Niederlanden, Südafrika, dem Vereinigten Königreich, Tschechien und Deutschland zugegen. Haupttagungsort war das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz. sein. Prof. Günther Hasinger erklärte unter anderem: „Das ist die wichtigste Veranstaltung für Radioastronomen weltweit. Hier im Herzen Europas wird die Zukunft des größten Teleskopenverbundes entschieden, den Menschen jemals gebaut haben“.

Visuelle Darstellung der künftigen DZA-Bauten auf dem Kahlbaum-Areal.
Foto: DZA

Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft

Vom 15. bis 19. September 2025 richtete das DZA in Görlitz die Internationale Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft (AG) unter dem Titel „The restless Universe“ aus. Damit fand nach 100 Jahren erstmals wieder eine Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft (AG) in Sachsen statt. Im Vorfeld erklärte Prof. Günther Hasinger: „Es ist ein starkes Signal, dass die internationale Fachgemeinschaft in diesem Jahr in Görlitz zusammenkommt. Die Tagung unterstreicht, dass exzellente Wissenschaft in der Lausitz beheimatet sein kann. Wir freuen uns, mit der AG2025 sowohl die neuesten Entwicklungen in der Astrophysik zu präsentieren als auch die Lausitz als wachsende Innovations- und Wissenschaftsregion sichtbar zu machen.“ Hauptveranstaltungsort war das Kulturforum Görlitzer Synagoge. Besondere Höhepunkte waren der öffentliche Abendvortrag am 18. September 2025. Stefan Wagner, verantwortlicher Radioastronom innerhalb der Abteilung Astrophysik am DZA und Mitinitiator des Projekts, faszinierte mit dem Thema „Heller als Milliarden Sonnen: Vom Teufelsstern zu den größten Explosionen im Universum“. Er stellte darin das „veränderliche Universum“ mit seinen faszinierenden Phänomenen vor – bis hin zu den hellsten Explosionen im Kosmos seit dem Urknall. Ein weiterer Höhepunkt war die Vorstellung des neuen Buches in dem Prof. Günther Hasinger eine anschaulich geschriebene kompakte „Geschichte des Universums“ nach aktuellem Forschungsstand vorlegt.

Bis zu 3000 neue Arbeitsplätze

So entsteht mit dem DZA ein nationales Großforschungszentrum mit internationaler Strahlkraft, das ressourcensparende Digitalisierung vorantreibt, neue Technologien entwickelt, für Transfer sorgt und Perspektiven für die Region schafft, in der es fest verwurzelt ist. Viele Beispiele zeigen: Astronomische Forschung verändert Regionen nachhaltig. Mit seiner einzigartigen Kombination von Forschung und Entwicklung in der IT, Sensortechnik und Materialforschung und seinem Bedarf an Fertigungsstätten wird das DZA ökonomische Impulse setzen und in den kommenden Jahren mindestens 3000 zukunftsfähige Arbeitsplätze am Zentrum und im Umfeld schaffen.

Das Portfolio des DZA ist vielfältig, es bietet Jobs nicht nur im wissenschaftlichen, sondern noch deutlich mehr im nicht-wissenschaftlichen Bereich. Mit einem Zentrum für Innovation und Transfer (ZIT) geht das DZA dabei neue Wege der Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft. Durch frühzeitige, enge Kooperationen mit Industrie, Universitäten und außeruniversitären Forschungsorganisationen sollen gemeinsam neue Technologien entwickelt werden. Durch internationale Sichtbarkeit und Vernetzung will das DZA Fachkräfte anziehen und Perspektiven für junge Menschen in der Region schaffen. Kooperationspartner sind die Universitäten, allen voran die TU Dresden, und Unternehmen in der Technologieentwicklung und der Datenverarbeitung. Auch mehr als 50 – in der Mehrzahl kleine und mittelständische – Firmen haben die Ansiedlung des DZA unterstützt.

Impulse für Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland

Dabei fördert das DZA nicht nur die regionale Wirtschaft und Wissenschaft. Es leistet gleichzeitig wichtige Hilfestellung bei nationalen und globalen Herausforderungen. Prognosen sagen zum Beispiel voraus, dass die IT bald 20 Prozent der globalen Stromproduktion verschlingen wird. Das DZA will daher Green Computing und die ressourcensparende Digitalisierung vorantreiben und neue Technologien für die Gesellschaft von morgen entwickeln. Für den Wissenschaftsstandort Deutschland ist das DZA zudem von strategischer Bedeutung, weil es den Zugang zu zukünftigen internationalen Großprojekten gewährleistet und so auch der Industrie Möglichkeiten eröffnet, sich an Ausschreibungen zu beteiligen.

Prof. Günther Hasinger begrüßt mit Mike Kretlow den 100. Mitarbeiter des DZA.
Foto: DZA

Das wissenschaftliche und wirtschaftliche Konzept des DZA ruht auf drei Säulen: Astronomische Spitzenforschung am DZA wird sich über das gesamte elektromagnetische Spektrum bis hinaus zu Gravitationswellen erstrecken. In der Anfangsphase konzentriert sich das DZA dank der vielfältigen Synergieeffekte auf Radio- und Gravitationswellenastronomie; langfristig wird sich das Zentrum allen astronomischen Daten widmen.

Kommt auch das Einstein-Teleskop?

In der zweiten Säule werden im DZA die Datenströme aus aller Welt gebündelt und verarbeitet. Dazu gehören auch Daten zukünftiger Großteleskope, wie dem Square Kilometre Array und dem Einstein-Teleskop. Diesen Gravitationswellendetektor der neuesten Generation will der Freistaat Sachsen mit Unterstützung des DZA auch in die Lausitz holen, was eine weitere große Zukunftsinvestition mit sich bringen würde. Es gibt allerdings aussichtsreiche Mitbewerber und die Entscheidung wird 2026 fallen.
Die Daten dieser Teleskope machen ein Mehrfaches des Datenverkehrs im heutigen Internet aus und erfordern neue Technologien. Das Zentrum soll den Daten-Tsunami bändigen und auch auf diese Weise die Digitalisierung Deutschlands beschleunigen.
Die dritte Säule wird ein Technologiezentrum sein, in dem unter anderem neue Halbleitersensoren, Silizium-Optiken und Regelungstechniken für Observatorien entwickelt werden. Aufbauend auf der Erfahrung und dem modernen Umfeld der Industrie in Sachsen werden so durch Ausgründungen neue Firmen und weitere hochwertige Arbeitsplätze entstehen, die Perspektiven für junge Menschen in der Region schaffen.

Ein Ohr für das All im Oberlausitzer Granitblock

Seismische Wellen, die permanent den Erdboden durchlaufen sind für Gravitationswellendetektoren der Weltraumforschung erhebliche Störfaktoren. Auch zur Entwicklung von Mess- und Produktionstechnologien sind besonders ruhige geologische Bedingungen notwendig. Die hervorragenden seismographischen Bedingungen im Granitgestein der Lausitz wird das DZA für seine Forschung und Entwicklung neuer Geräte nutzen. Hier soll in einem riesigen Granitblock von 20 Kilometern Durchmesser zwischen Hoyerswerda, Bautzen und Kamenz ein Untergrund-Forschungslabor, das „Low Seismic Lab“, entstehen, das auch für Industrieanwendungen, etwa die Entwicklung von Quantencomputern, zur Verfügung steht. Im Interview mit dem in der schlesischen Oberlausitz wöchentlich erscheinenden „Niederschlesischen Kurier“ erläuterte Prof. Günther Hasinger die neue akustische Dimension der Weltraumforschung: „Wir gehen 200 Meter tief in die Erde der Oberlausitz, wo die ganzen menschengemachten Störgeräusche so stark abgesenkt sind, dass das lauteste Geräusch, das wir dort unten hören, das Meeresrauschen ist“. Und weiter: „Wir sehen dabei jedes Erdbeben, das sich auf der Erde ansammelt. Wir hören die sorbischen Osterreiter mit unseren Seismometern“. Astrophysik funktioniere „heute mit allen Sinnen“. Man sehe nicht mehr nur mit dem Auge durch große Teleskope und Satellitensysteme, sondern könne auch Radio- oderRöntgenstrahlung aufnehmen. Und jetzt käme immer mehr dazu, dass man insbesondere durch das geplante Forschungslabor tief unten im Oberlausitzer Granit, das Universum auch hören könne. Prof. Günther Hasinger: „Der Film hat plötzlich einen Ton bekommen. Und dieser Tonfilm wird die nächsten Dekaden dominieren.“

Unfassbare Weiten und Datenmengen

Eine der bekanntesten und die seit der Antike am nächtlichen Himmel von Astronomen beobachtete Milchstraße besteht nach heutiger Schätzung laut Wikipedia aus ca. 100 bis 400 Milliarden Sternen und ist etwa 13,6 Milliarden Jahre alt. Die Ausdehnung der Milchstraße in der galaktischen Ebene beträgt etwa 170.000 bis 200.000 Lichtjahre. In einem Jahr legt das Licht 9,5 Billionen Kilometer zurück, was etwa 300.000 Kilometern pro Sekunde entspricht. Durch das die Gravitationswellen des Alls auswertende Forschungslabor im Lausitzer Granit kann das DZA Phänomene wie das Entstehen neuer Galaxien oder den Werdegang Schwarzer Löcher in unvorstellbaren Weiten von vielen Milliarden Lichtjahren auswerten, wobei die dabei anfallende Datenmenge und deren Verarbeitung ebenfalls das menschliche Fassungsvermögen übersteigt.

Alfred Theisen
Schlesien heute

Die Oberschlesische Tragödie in Miechowitz – Teil 2
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