Die Oberschlesische Tragödie in Miechowitz – Teil 2

11 Februar 2026 Kultur/Bildung

Kaum jemand in Miechowitz kann heute noch aus eigener Erinnerung vom Terror des Januars 1945 berichten. Eine von ihnen ist Frau Elfryda, die damals erst drei Monate alt war und deren Familie Opfer der Gewalt wurde. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele Schicksale, die lange verschwiegen wurden und deren Spuren bis heute auf dem Friedhof der dortigen Heilig-Kreuz-Kirche sichtbar sind.

„Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich nur, dass sie unseren Vater zusammen mit anderen Männern aus dem Keller trieben“, erinnert sich Frau Elfryda. „Sie befahlen ihnen, zur Stollarzowitzer-Straße zu gehen, zum Waldrand. Dort wurden sie erschossen. Mein Vater und der Bruder meiner Mutter lagen später nebeneinander, beide tot.“

In einem provisorischen Massengrab beigesetzt

Sie weiß nicht, wie lange die Leichen im Wald gelegen hatten. In den ersten Tagen nach den Morden herrschten Angst und Terror, weshalb eine Bergung zunächst nicht möglich war. Erst später wurde den Angehörigen erlaubt, die Toten zu holen. Ihre Mutter machte sich im Winter allein mit einem Schlitten auf den Weg, um den Leichnam ihres Mannes zu bergen, der durch eine Schussverletzung teilweise zahnlos war; die Tante barg den Körper ihres Ehemanns, des Bruders der Mutter, dem infolge eines Treffers ein Teil des Kopfes fehlte. An der heutigen Warszawska-Straße wurden die Körper in einem langen, provisorischen Massengrab ohne Ordnung nebeneinandergelegt, das vermutlich von Frauen ausgehoben worden war. Nach dem Zuschütten mussten sich die Familien den ungefähren Ort der Bestattung selbst merken.

In den 1970er-Jahren begann man, das Massengrab aufzulösen und die Gebeine auszugraben. „Drei Tage lang stand meine Mutter an den Grabungsstellen und versuchte, unseren Vater richtig zu erkennen“, erinnert sich Frau Elfryda. „Mutter erkannte unseren Papa an den Knochen, weil er sehr groß war, an den Beinen und am Schädel sowie an dem Gürtel seiner Jacke, den er bei sich trug.“ Es gab weder damals noch später irgendeine Zeremonie, der städtische Grünflächenbetrieb grub die Überreste aus, legte die Knochen in Kisten und brachte sie auf den Friedhof. Meine Mutter erhielt einen Platz in einem Grab, weil jemand ihn ihr überließ; dort wurde mein Vater beigesetzt. Auf dem Grab gibt es keinerlei Inschrift, und so verlief alles still und im Verborgenen.

Spuren auf dem Friedhof von Miechowitz

Obwohl sich viele betroffene Familien nie dazu entschlossen, den Januar 1945 als Todesdatum ihrer Angehörigen anzugeben, findet sich bis heute ein Grab, das an die tragischen Ereignisse erinnert. Die meisten Gräber wurden verlegt oder aufgelöst, und Informationen über die Opfer sind in vielen Fällen von den Grabsteinen verschwunden. Dies war nicht nur eine Folge späterer administrativer Entscheidungen, sondern auch Ausdruck der Angst vieler Familien, die über Jahre hinweg vermieden, die Umstände des Todes ihrer Angehörigen offenzulegen. Infolgedessen verloren zahlreiche Grabstätten ihre ursprüngliche Bedeutung als Orte des Gedenkens und wurden zu anonymen Teilen der Friedhofslandschaft.

Das Grab von Emil Kontny erinnert als einziges an den Januar 1945.
Foto: A.P.

Ein besonderer Punkt auf dem Friedhof von Miechowitz ist das symbolische Grab von Emil Kątny. Es ist eines der wenigen Grabmale, auf dem sich ein direkter Bezug zu den Ereignissen vom Januar 1945 erhalten hat. Als Todesdatum ist lediglich der 1. Januar 1945 angegeben, darunter steht die Inschrift „Auf Wiedersehen“.

Das symbolische Grab von Emil Kątny

Marcin Jaksik von der deutschen Minderheit in Beuthen weiß jedoch, dass dieses Datum nicht den tatsächlichen Todestag widerspiegelt. „Aus den Dokumenten geht hervor, dass der Mann am 31. Januar starb, doch das genaue Datum wurde bewusst nicht angegeben. Man wollte vermeiden, sichtbar zu machen, dass die Mehrheit der Opfer der Roten Armee innerhalb von fünf Tagen ums Leben kam, über dreihundert Menschen. Das Grab, das höchste in diesem Teil des Friedhofs, erfüllt heute die Funktion eines stummen Zeugen der Tragödie und ist eines der letzten lesbaren Zeichen jener Ereignisse“, erklärt Jaksik.

Das Gedenken an die Opfer der Tragödie von Miechowitz hat sich auch außerhalb des Friedhofs erhalten. In der Heilig-Kreuz-Kirche in Miechowitz befindet sich eine Gedenktafel für die ermordeten Einwohner des Stadtteils. „Sie wurde von der deutschen Minderheit durch Spenden sowie durch Beuthener Landsmannschaften in Deutschland finanziert“, erklärt Jaksik. „Anfangs befand sich die Tafel nicht in der Kirche. Sie war längere Zeit in der Friedhofskapelle angebracht. Erst nach der Generalsanierung der Kirche wurde sie ins Innere verlegt, wo sie sich bis heute befindet.“

Wer waren die Opfer?

Wie Jaksik betont, war lange Zeit unklar, wie über die Opfer dieser Ereignisse gesprochen werden sollte. „Es ist nicht wirklich treffend zu sagen, dass es Deutsche waren. Immer häufiger wird betont, dass es schlicht Schlesier waren, Menschen, die seit Generationen auf diesem Land lebten“, sagt Marcin Jaksik. Seiner Meinung nach ist die Geschichte der Oberschlesischen Tragödie, insbesondere der Tragödie von Miechowitz, noch immer nicht vollständig erzählt. „Nicht immer wird diese Geschichte so dargestellt, wie wir es uns wünschen, vor allem aus der Perspektive der Autochthonen“, fasst er zusammen.

Von dem Massengrab ist heute nichts mehr geblieben.
Foto: A.P.

Die Tragödie von Miechowitz bleibt eines der schmerzhaftesten und über Jahre hinweg verschwiegenen Kapitel der Geschichte Oberschlesiens, dessen Spuren bis heute in anonymen Gräbern und unvollständigen Formen des Gedenkens sichtbar sind. Die Wiederherstellung der Erinnerung an die Opfer ist nicht nur eine historische Pflicht, sondern auch der Versuch, den Bewohnern dieses Landes eine Stimme zurückzugeben, deren Schicksale jahrzehntelang am Rand der offiziellen Erzählung standen.

Andrea Polanski

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