Die Gedanken sind frei
Der Januar ist vergangen, und mit ihm die Zeit, in der wir in besonderer Weise an die Ereignisse der Tragödie des Jahres 1945 erinnern. In unserer Region hat sich für das, was mit dem Einmarsch der Sowjets in die Grenzen des Dritten Reiches begann, der Begriff „Oberschlesische Tragödie“ eingebürgert. Es ist eine Zeit schwieriger Reflexionen.
Zum Glück bewahren wir in meiner Familie eher die Erinnerung an die Flucht ins Innere Deutschlands als an Massaker, Vergewaltigungen, Nachkriegslager oder Deportationen, die jene trafen, die in Schlesien geblieben waren. Wissen über diese Zeit erwerbe ich seit meiner Kindheit durch Begegnungen mit Zeitzeugen sowie durch die Lektüre von Erinnerungen und wissenschaftlichen Arbeiten. Nicht unkritisch – und nicht nur bei uns. Wissen, das zunächst verboten und deshalb verborgen war, begann, als es schließlich frei wurde, subjektiv interpretiert, manipuliert und für unterschiedliche Zwecke genutzt zu werden – und ist es bis heute. Je weniger Zeitzeugen, desto mehr. Schon der Begriff der Oberschlesischen Tragödie definiert nicht, womit wir es tatsächlich zu tun haben. Denn … nur in Schlesien, und dann auch nur in seinem östlichen Teil? Jeder Historiker weiß, dass dem nicht so ist, denn alles, dessen wir in Lamsdorf, Radzionkau, Zgoda und vielen anderen oberschlesischen Dörfern und Städten gedenken, geschah überall dort, wo die vorrückende Rote Armee auf deutsche Zivilbevölkerung traf.

Bernard Gaida.
Foto: AGDM
Ihre über Jahre gewachsene Grausamkeit setzte sich in der zivilen Verwaltung fort. Deportationen und Internierungen in Nachkriegslagern betrafen auch Deutsche, die nicht rechtzeitig aus Ostpreußen, Lodsch oder Pommern fliehen konnten, aber ebenso aus der Tschechoslowakei, Rumänien oder Jugoslawien. Manche Regionen „waren Oberschlesien voraus“, denn dort begann die Tragödie bereits 1944. Doch nirgendwo spricht man von einer ostpreußischen, siebenbürgischen, sudetendeutschen oder kroatischen Tragödie, sondern von der Tragödie der dortigen Deutschen und jener, die die Sieger zu Deutschen erklärten. Eine Ausstellung in Aussig an der Elbe trägt hierfür den bezeichnenden und klaren Titel „Unsere Deutschen“. Die Diskriminierung alles Deutschen – in Menschen und Ländern – dauerte nicht nur einige Jahre, sondern weitere Jahrzehnte. Sie veränderte Schlesien.
Es schmerzt mich, wenn in Reden und Resolutionen inzwischen allgemein gesagt wird, die Opfer seien „Schlesier und Deutsche“ gewesen. Und es geht nicht nur um die Reihenfolge, sondern darum, dass die Identität der Mehrheit der Opfer verfälscht wird. Denn wer waren diese Deutschen, wenn nicht gerade Schlesier?
Ich räume ein, dass der Begriff der Oberschlesischen Tragödie dank seiner Unschärfe eine positive und wichtige Rolle erfüllt hat, da er zur Verbreitung des Themas im gesellschaftlichen Bewusstsein beitrug und den Widerstand polnischer Politiker, Kommunalvertreter und der öffentlichen Meinung umging. Nicht entgangen ist ihm jedoch die Tendenz zur „politischen Korrektheit“. Dadurch verfestigt sich mit jedem Jahr zunehmend ein „korrektes“, jedoch verzerrtes Bild jener Zeit und jener Menschen.
Schmerzlich ist für mich nicht nur die Rhetorik, die nahelegt, die Lager seien nach dem Krieg für Schlesier geschaffen worden. Dabei stellt das IPN klar, dass sie für Deutsche errichtet wurden, und das Zentrale Museum der Kriegsgefangenen in Lamsdorf schreibt über das dortige Nachkriegslager: „Es war eines von vielen Lagern, die die polnische Verwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg in Schlesien für die deutsche Bevölkerung organisierte.“ Bei uns ist diese deutsche Bevölkerung eben die schlesische. Daran ändert auch nichts, dass dort ebenso Schlesier interniert wurden, die sich nicht als Deutsche verstanden. Es schmerzt mich, wenn in Reden und Resolutionen inzwischen allgemein gesagt wird, die Opfer seien „Schlesier und Deutsche“ gewesen. Und es geht nicht nur um die Reihenfolge, sondern darum, dass die Identität der Mehrheit der Opfer verfälscht wird. Denn wer waren diese Deutschen, wenn nicht gerade Schlesier? Das ist nicht nur eine Wortverbindung aus zwei Begriffen. Es bedeutet, ihnen jene Schlesischkeit zu nehmen, die in keinerlei Widerspruch zu ihrem Deutschsein stand – so wie es sich auch bei vielen ihrer Enkel unterscheidet. So war Schlesien: Die Opfer identifizierten sich in hohem Maße sowohl mit ihrer schlesischen Heimat als auch mit dem deutschen Vaterland.
Die künstliche Aufspaltung dieser kohärenten, spezifisch schlesischen Identität nimmt vielen Menschen einen Teil ihrer Persönlichkeit und raubt der Schlesischkeit einen großen Reichtum – auch heute. Diese Erzählweise schmerzt mich persönlich, weil ich mich fühle, als wolle man mir etwas wegnehmen, da ich beides zugleich bin. Es wundert mich nicht, wenn Polen so sprechen, für die ein Deutscher jemand Fremdes ist; es wundert mich jedoch, wenn Schlesier so sprechen, insbesondere Mitglieder der deutschen Minderheit. Wird die politische Aktivität der deutschen Minderheit unter dem Zeichen der Schlesischen Selbstverwaltungen diese Tendenz noch verstärken? Hoffentlich überzeugt sie die Bewohner vielmehr davon, dass es keinen Widerspruch zwischen Schlesischkeit und Deutschsein gibt, dass die deutsche nationale Option hier weder fremd noch äußerlich ist und dass das deutsche kulturelle, historische Erbe sowie die Sprache seit Jahrhunderten auf natürliche Weise zu Schlesien und zur Schlesischkeit gehören. Vielleicht sollte man zur alten Bezeichnung „Schlesier deutscher Option“ zurückkehren? Unsere Politiker dürfen nicht einfach mit dem Strom schwimmen. Man muss aktiv darauf achten, dass Begriffe und Worte weder das Verständnis der schwierigen Geschichte noch die heutige Realität verzerren.
Bernard Gaida