„In unserer Arbeit geht es immer noch um Vergangenheitsbewältigung“

5 Februar 2026 Kultur/Bildung

Interview mit Ilyas Zivana

Das Entsendeprogramm des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) unterstützt Organisationen der deutschen Minderheiten in Osteuropa und Zentralasien durch den Einsatz von Kulturmanager:innen sowie Redakteur:innen. Mit ihrem Fachwissen helfen sie nicht nur bei Projekten, sondern auch dabei, ein modernes Deutschland- und Europabild zu vermitteln und die kulturelle Vermittlerrolle der Organisationen zu stärken. Wir sprechen mit den Entsandten über ihre Aufgaben, Ziele und Beweggründe für diese interkulturelle Tätigkeit. Mit Ilyas Zivana, Kulturmanager bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, sprach Mauro Oliveira.

Ilyas du bist ifa-Kulturmanager bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, mit Sitz in Prag. Wie lange lebst du schon in Prag?

In Prag bin ich seit September 2019, also seit über fünf Jahren mittlerweile. Ich bin zum Studium hergezogen. Ich habe Interkulturelle Kommunikation und Translation Tschechisch–Deutsch in Leipzig studiert, und das war ein Double Degree. Das heißt, wir waren an zwei Unis gleichzeitig immatrikuliert, haben zwei Jahre in Leipzig studiert und das dritte Bachelorjahr dann an der Partneruniversität in Prag verbracht.
In diesem Jahr begann die Pandemie. So kam es, dass ich danach noch in Prag bleiben wollte. Deshalb habe ich mich dann noch für einen Master an der Karls-Universität eingeschrieben; dort habe ich dann noch zwei Jahre Übersetzen und Dolmetschen Deutsch–Tschechisch studiert.

Wie bist du dann zum ifa gekommen?

Ich habe einfach einen Job gesucht. Und obwohl ich Deutsch–Tschechisch studiert habe – das waren auch Kulturstudien – ist uns eigentlich die deutsche Minderheit im Studium nie begegnet. Im ersten Semester, bei einer Lesung auf einer Buchmesse in Leipzig, habe ich einmal auf einem Ständer das LandesEcho liegen sehen. Das war alles. Man müsste eigentlich viel mehr Werbung für die deutsche Minderheit machen, auch im akademischen Kontext.

Ilyas Zivana arbeitet in Prag als Kulturmanager bei der Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik.
Foto: ifa/B.Pritzkuleit

Die Landesversammlung der Deutschen Vereine in der Tschechischen Republik ist die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Tschechien. Was sind denn deine Aufgaben dort?

Grundsätzlich handelt es sich um Projektarbeit. Das heißt, wir denken uns Projekte aus, planen sie, beantragen sie, setzen sie um und rechnen sie ab. Ab und an schreibe ich auch Texte, die ich dann zum Beispiel beim LandesEcho veröffentlichen kann. Das macht auch Spaß, wenn man gerne schreibt.
Man fährt zu den Verbänden. Dadurch, dass wir nicht in den Regionen sind, sondern zentral in Prag, ist das ein bisschen weiter. Deshalb besuchen wir dann vielleicht einmal im Monat einen anderen Ort.

Finden deine Projekte hauptsächlich in Prag statt?

Genau, ich habe meine persönlichen Projekte immer mehr so geplant, dass sie in Prag sind oder dass sie dezentral funktionieren, also auch online stattfinden. Wir hatten zum Beispiel einen Fotowettbewerb, der sehr gut dezentral funktionierte.

Bei dem Fußballprojekt vor einem Jahr war das ein bisschen schwieriger. Wir wollten eine Mannschaft zusammenstellen von Deutschen aus ganz Tschechien. Für Leute, die zum Beispiel in Mähren wohnen, ist es dann aber schwierig, wenn sie drei Stunden zum Training fahren müssten. Es gab eine Person, die hat das gemacht, aber der Rest der Leute kam aus dem Großraum Prag.

„Aus meiner eigenen Familiengeschichte kenne ich die Folgen kultureller Brüche, denn mein Vater stammt aus Istanbul. Ostthrakien, also der europäische Teil der Türkei, war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein multinational geprägt. Durch die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts ist kulturell, wie ich finde, viel kaputt gegangen.“

Was war das für ein Projekt?

Das war mein Lieblingsprojekt.
Parallel zur Fußball-Europameisterschaft der Herren findet alle vier Jahre die Europameisterschaft der nationalen Minderheiten statt, die sogenannte Europeada. Die habe ich tatsächlich auch schon vor meiner Zeit hier verfolgt. Und als dann vor zwei Jahren die Anmeldephase losging, kam die Idee auf, daran teilzunehmen.
Das war bisher mein größtes Projekt. Vom organisatorischen Aufwand her war es sogar größer als das Sommercamp, das ich dieses Jahr mitorganisiert habe.

Wie lief das Fußballprojekt ab?

Wir waren ein Organisationsteam von drei Leuten: einmal ich, dann ein Trainer, der auch beim DFC Prag, dem Deutschen Fußballclub Prag, tätig ist. Er war nur für den sportlichen Bereich – also Trainingsorganisation, Spielerauswahl und ähnliches – zuständig. Der Dritte war ein Sporthistoriker, der eine beratende Funktion übernahm.
Stattgefunden hat das Turnier letztes Jahr in Deutschland und in Dänemark. Das hatte für uns den Vorteil, dass wir dann auch Gelder beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds beantragen konnten.

2024 organisierte Ilyas Zivana die Teilnahme des Teams aus Tschechien bei der Europeada, der Europameisterschaft der nationalen Minderheiten. Er stand als Spieler auch selbst auf dem Platz.
Foto: Alžběta Bartáková

Zehn Tage lang spielten 24 Männer- und zehn Frauenteams aus europäischen Minderheiten gegeneinander. Mein Ziel war eigentlich, in der oberen Hälfte zu landen. Unsere Mannschaft hat dann den 14. Platz von 24 belegt. Das war für uns trotzdem ein Erfolg, denn einige der anderen Mannschaften spielen sehr guten Fußball.

Was möchtest du denn mit deiner Arbeit erreichen? Was denkst du, welche Wirkung du mit deinen Projekten erzielen kannst?

In unserer Arbeit hier geht es immer noch viel um Vergangenheitsbewältigung, obwohl Tschechien da schon sehr weit ist.
Aus meiner eigenen Familiengeschichte kenne ich die Folgen kultureller Brüche, denn mein Vater stammt aus Istanbul. Ostthrakien, also der europäische Teil der Türkei, war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein multinational geprägt. Durch die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts ist kulturell, wie ich finde, viel kaputt gegangen. Mit der Arbeit, die wir hier machen, können wir das deutsche Kulturgut ein bisschen herausstellen und die deutsche Sprache fördern.

Du lebst jetzt schon länger in Prag. Wie nimmst du die Stadt wahr, als jemand, der sie besser kennt, als wenn man als Touristin oder als Tourist dort ist?

Die Stadt wandelt sich. Und sie hat sich auch in meiner persönlichen Wahrnehmung gewandelt: von einem Touristenziel zu einem Studienort und dann letztlich auch zu der Stadt, in der man arbeitet.
Aber gerade für kulturinteressierte Menschen, junge Leute, Studierende ist es eine super Stadt. Sie ist das kulturelle Zentrum der tschechischen Gesellschaft und gleichzeitig auch sehr international.
Es gibt viele Konzerte und Ausstellungen und viele kleine Initiativen, die ihren Reiz haben.
Natürlich hat Prag auch seine Schattenseiten. Vielen Einwohnern machen die steigenden Lebenshaltungskosten und der angespannte Wohnungsmarkt zu schaffen.

Gibt es auch deutschsprachige Kulturveranstaltungen?

Ja, eine ganze Menge. Neben dem, was wir selbst anbieten, gibt es Veranstaltungen, die vom Goethe-Institut oder von der Botschaft organisiert werden. Es gibt jedes Jahr das deutschsprachige Filmfestival. Dieses findet in Prag, aber auch in Brünn, in Olmütz und auch in Aussig statt. Dann gibt es das deutschsprachige Theaterfestival, bei dem Ensembles aus Deutschland hier an den Theatern spielen. Wer sucht, findet hier das ganze Jahr über deutschsprachige Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch!

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