Musik, die Generationen verbindet
Walzen ist ein Dorf, das man mit keinem anderen Ort verwechseln kann. Denn hier schlägt seit 33 Jahren das Herz des singenden Schlesiens.
Am vergangenen Wochenende füllte sich das Gemeindekulturzentrum in Walzen erneut mit Chorklängen, Emotionen und Rührung. Das Festival der Chöre und Gesangsgruppen, das wahre Aushängeschild der Gemeinde, eines der wichtigsten musikalischen Ereignisse der deutschen Minderheit und der gesamten Region, zeigte einmal mehr, dass Gesang nicht nur Tradition bewahrt, sondern vor allem Menschen verbindet.
Ein Festival mit Geschichte und Herz
Die kulturelle Landkarte Schlesiens ist heute ohne Walzen kaum vorstellbar. Und doch waren die Anfänge bescheiden. „Ich kenne die genauen Wurzeln des Festivals nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es vor 33 Jahren so viele Chöre gab, dass man eine Art Karte schaffen musste, um diesen Reichtum zu ordnen“, sagt Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Vereine in Polen. „Damals entstand unter der Leitung des verstorbenen Bürgermeisters von Leschnitz, Hubert Kusz, die Idee, eine solche Übersicht zu schaffen. Und aus dieser Tradition entstand etwas Großartiges.“
Dank des Festivals wurde Walzen zu einem weithin bekannten Ort – in ganz Polen und darüber hinaus. „Menschen, die früher nicht einmal wussten, wo Walzen liegt, verbinden diesen Ort heute mit dem Festival“, fügt Bartek hinzu.

Festival der Chöre und Gesangsgruppen der Deutschen Minderheit in Walzen 2025.
Foto: Mateusz Golomb
Die Stimme der Tradition: Rosemarie Kerner
Eine der Teilnehmerinnen der diesjährigen Ausgabe war Rosemarie Kerner aus der Gemeinde Kandrzin-Cosel, Mitglied des Chors „Heimatklang“. Sie singt seit vielen Jahren – mit einer sehr persönlichen Geschichte im Hintergrund. „Ich bin seit 2006 im Chor. Wie oft wir schon am Festival teilgenommen haben, ist schwer zu zählen… 19-mal? Ja, das kann sein“, sagt sie lachend.
„Immer mehr junge Menschen wollen nicht nur zuschauen, sondern auch mitsingen. Das ist das schönste Zeichen dafür, dass die Tradition Zukunft hat“, ergänzt der Leiter des Gemeindekulturzentrums Walzen, Rafał Magosz.
„Als junges Mädchen habe ich im Kirchenchor in Beuthen gesungen, aber dann kam das Leben: Ehe, drei Kinder, Verpflichtungen. Für den Gesang blieb kein Raum.“
Jahrelang unterstützte sie den Chor organisatorisch, bis sie nach dem Tod ihres Mannes zur Musik zurückfand. „Musik gibt mir Liebe und Kraft. So kann ich es am kürzesten ausdrücken.“
Die Proben ihres Chors finden einmal wöchentlich statt, donnerstags um 13 Uhr. „Wir sind alle Rentner, also können wir uns Proben am Tag leisten“, sagt sie. „Es geht nicht nur ums Singen. Es ist Begegnung, Gespräch, Zusammensein. Das ist sehr wichtig.“
Eine Geschichte, die mit einem einzigen Menschen beginnt
Auch Regina Malcharczyk, Sängerin im Chor „Cantate“ aus Pawlau, betont die große Bedeutung der Chöre im Leben ihrer Mitglieder. Ihre Geschichte beginnt mit einem Besuch. „Ein ehemaliger Bewohner, der in Deutschland arbeitete und dort in einem Chor sang, kam zurück nach Pawlau und sagte: Wir gründen einen Chor!“, erinnert sie sich. „Er fuhr durch das Dorf und motivierte die Leute. Vierzig Personen kamen.“
Die ersten Proben waren äußerst intensiv – täglich eine Woche lang. Und nach sechs Tagen: „Wir traten vierstimmig bei einem Konzert in Lubowitz auf, bei Eichendorff. Das war etwas Großes! Niemand wusste, worauf er sich einlässt“, sagt Regina lachend. „Aber alle kamen – und blieben.“

Chor Heimatklang aus Klodnitz beim Festival der Chöre und Gesangsgruppen der Deutschen Minderheit in Walzen 2025.
Foto: Mateusz Golomb
Seit 28 Jahren leitet eine Dirigentin aus Ratibor, Maria Herzog, den Chor. „Unser größter Stolz ist das 25-jährige Jubiläum, bei dem wir zwei CDs mit deutschen Volksliedern und Weihnachtsliedern aufgenommen haben“, erzählt sie.
Musik war in ihrem Zuhause immer präsent. „Wir sangen bei jedem Familientreffen. Meine Schwester war Organistin. Deutsche Lieder – das war unser Leben. Für mich ist das etwas Wunderschönes.“
Ein Festival, das jedes Jahr wächst
„Dieses Ereignis ist wichtig – nicht nur für die Gemeinde Walzen und für die deutsche Minderheit, sondern für die ganze Region“, betont der Leiter des Gemeindekulturzentrums, Rafał Magosz. „Das Festival entwickelt sich ständig weiter. Heute haben wir Chöre aus den Woiwodschaften Niederschlesien, Schlesien, Oppeln und sogar aus der Tschechischen Republik.“

Festival der Chöre und Gesangsgruppen der Deutschen Minderheit in Walzen 2025.
Foto: Mateusz Golomb
Gerade diese Vielfalt lässt das Festival leben und zieht immer neue Generationen an. „Immer mehr junge Menschen wollen nicht nur zuschauen, sondern auch mitsingen. Das ist das schönste Zeichen dafür, dass die Tradition Zukunft hat“, fügt der Direktor hinzu.
Musik, die keine Grenzen kennt
Das diesjährige Festival in Walzen bestätigte erneut, dass Gesang eine Sprache ist, die verbindet – unabhängig von Alter, Nationalität oder Lebenserfahrung. Es ist ein gemeinsames Erleben von Emotionen, Tradition und Geschichte.
Und als die letzten Akkorde im Saal des Gemeindekulturzentrums verklangen, hatten alle das gleiche Gefühl: dass Walzen wieder zur Hauptstadt des schlesischen Gesangs geworden war.