Ein kleines Juwel oder die Steine werden sprechen
Im Jahr des 500-jährigen Jubiläums der Reformation in Preußen drohte ein kleinerer Jahrestag beinahe unterzugehen, aber der Bürgermeister von Bischofsburg/Biskupiec Kamil Kozłowski, der Ortsvorsteher von Raschung Roman Jaśkiewicz sowie der evangelisch-augsburgische Pastor von Sorquitten/Sorkwity Krzysztof Mutschmann sorgten dafür, dass die Kirche in Raschung im Blickpunkt blieb und ihr 100. Jubiläum am 26. Oktober gebührend gefeiert wurde.
Raschung liegt nicht im Zentrum einer administrativen Einheit oder an einer Hauptverkehrsachse – weder heute noch damals, als die heute noch existierende Kirche errichtet wurde. Das kleine Dorf befindet sich südlich der Gemeinde Bischofsburg in der Nähe der Grenze zwischen dem katholischen Ermland und dem protestantischen Masuren. Seine Einwohnerzahl war und ist nicht groß, reichte aber den damaligen Behörden aus, um den Bau einer eigenen kleinen Kirche zu rechtfertigen.

Juwel unter blauem Himmel – die Kirche in Raschung. Foto: U. Hahnkamp
Die Raschunger Kirche und ihre Geschichte
Kurz nach der Jahrhundertwende um das Jahr 1904 fiel der Entschluss zum Bau das Gebäudes. Bereits damals gab es im Ermland wenig Protestanten, es musste also kein großer Bau werden. Dennoch regte die Raschunger Gutsfamilie von Platen, die in der Kirche bis heute eine eigene Bank hat, den Bau einer Kirche vor Ort an, damit die Einwohner nicht nach Bischofsburg zum Gottesdienst fahren mussten. Geschickt wählte man einen zum Dorf erhöht gelegenen Bauplatz, an dem das Gebäude seine volle optische Wirkung entfalten konnte. Die administrative Genehmigung zog sich in der preußischen Kirchenverwaltung etwas hin, 1914 gab es noch Änderungen, danach verzögerte der Erste Weltkrieg den Bau.
Letzten Endes entstand im Jahr 1925 eine Kirche aus Feldsteinen. Während bei vielen Häusern und Kirchen in Ostpreußen die Steine nur eine erste Schicht bilden, um das Eindringen von Feuchtigkeit von unten in die Mauern zu verhindern, wurde in Raschung das gesamte Gebäude aus Feldsteinen ausgeführt. Das Ergebnis war ein Bauwerk, das mit dem runden Turm und der Bauform einem kleinen Märchenschloss ähnlich sieht, in dem eher Prinzessinnen mit Feen aus dem Fenster sehen könnten als vom Heiligen Geist umwehte evangelische Pastoren. Für gewöhnlich ist die Kirche geschlossen und das Grundstück, auf dem sie steht, zwar nicht wild, aber hoch mit Gras bewachsen. Zum Jubiläum wurde das Gras sorgfältig gemäht, so dass die Kirche in voller Pracht zu sehen ist.
Wirkungsvolle Schönheit innen und außen
Der große Feiertag der kleinen Kirche begann am 26. Oktober mit einem evangelischen Gottesdienst, der vielen Gästen der Veranstaltung die Gelegenheit gab, endlich einmal das Innere des Gotteshauses zu bewundern. Das malerische Äußere ist die eine positive Seite des Bauwerks, doch auch das Innere kann mit gestalterischen Besonderheiten aufwarten. Wer seinen Blick während eines Gottesdienstes durch die in Blautönen gehaltene Kirche schweifen lässt, wird durch Bibelverse, die rund um das Kirchenschiff, an der Empore, in den Bögen des Gewölbes über Altar und Kanzel und bei einigen Fenstern kunstvoll geschrieben stehen, auf den Boden und zur geistlichen Feier zurückgeholt. Zwei Vitragen an beiden Seiten des Kirchenschiffs zeigen farbenfrohe Szenen aus der Bibel, den barmherzigen Samariter und die schlafenden Jünger im Garten Gethsemane. Leider weist die eine mehrere Löcher auf, die nach Durchschüssen aussehen.

Sehr gut besuchter Jubiläumsgottesdienst. Foto: U. Hahnkamp
Während bei vielen Häusern und Kirchen in Ostpreußen die Steine nur eine erste Schicht bilden, um das Eindringen von Feuchtigkeit von unten in die Mauern zu verhindern, wurde in Raschung das gesamte Gebäude aus Feldsteinen ausgeführt.
Den Gottesdienst leitete Pastor Krzysztof Mutschmann, zu dessen Sorquittener Gemeinde die Raschunger Kirche als Filiale gehört. Für die Predigt zeichnete Pastor Paweł Hause aus Rastenburg/Kętrzyn verantwortlich, der Bischof der Diözese Masuren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Er beschrieb unter anderem die Geschichte des Bauwerks und seine Bedeutung für die lokale Gemeinschaft: „Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hier noch einige wenige Protestanten. Es fanden und finden Gottesdienste und Begräbnisse statt. Und wenn irgendwann keine Gläubigen mehr hier leben und wir schweigen, so werden die Steine von uns und unserem Glauben erzählen.“ Sein Dank dafür, dass diese Zukunft möglich ist, galt den Pfarrern und Gläubigen der Gemeinde sowie den Vertretern der Selbstverwaltung wie dem Bürgermeister und dem Gemeinderat von Bischofsburg sowie dem Ortsvorsteher von Raschung.
Nach den geistlichen Worten und einem obligatorischen feierlichen Gruppenfoto hatten die Einwohner und der Ortsvorsteher von Raschung Roman Jaśkiewicz zu einem reichhaltigen Imbiss ins Gemeindehaus des Ortes eingeladen. Mit Kuchen, Gebäck und Bigos hatten sie sich selbst übertroffen, auch die Jubiläumstorte mit einem Konterfei des gefeierten Gebäudes stammte aus lokaler Produktion. So gab es für die Gäste im Rahmen der Veranstaltung noch mehr über den Ort zu erfahren als nur etwas zu seinem bekanntesten Bauwerk.