Goethe in Tarnowitz – nicht als Dichter, sondern als Spion

4 Januar 2026 Geschichte

Als Johann Wolfgang Goethe am 4. September 1790 in Tarnowitz erschien, suchte er weder nach Inspiration für ein neues Drama noch nach lyrischen Landschaftsbildern. Er kam als Gesandter, den man in heutigen Zeiten wohl als Industriespion bezeichnen würde.

Gemeinsam mit Herzog Carl August von Weimar wollte er verstehen, wie man in Oberschlesien ein Problem gelöst hatte, das die Gruben in seinem Herzogtum seit Jahren plagte – das ständige Überfluten der Stollen in Ilmenau. Die Antwort, die er in Tarnowitz erhielt, war bahnbrechend: eine moderne Dampfmaschine, eine der ersten, die außerhalb der Britischen Inseln in Betrieb war.

Tarnowitz als Zentrum industrieller Innovation

Ende des 18. Jahrhunderts verwandelte sich Oberschlesien in ein gigantisches industrielles Versuchslabor Europas. Die preußische Verwaltung unter der Leitung von Friedrich Wilhelm von Reden holte Ingenieure, Technologien und Geräte aus England; Schritt für Schritt wurden Lösungen eingeführt, die die Region zur „zweiten England“ machten. Tarnowitz wurde zu einem der wichtigsten Zentren dieses Prozesses. Hier arbeiteten bereits zwei Dampfmaschinen, die zur Entwässerung der Königlichen Friedrichsgrube eingesetzt wurden, und der Pioniercharakter dieser Technik erregte in ganz Europa Aufsehen. Kein Wunder also, dass die Nachricht von der „Höllenmaschine“, wie die Einheimischen sie nannten, auch Weimar erreichte.

Der heutige Goethehof, an der Tarnowitzer Straße gelegen, ist zum Symbol des Besuchs des Dichters geworden.
Foto: www.slaskie.travel

Goethe interessierte sich schon seit Jahren für Naturwissenschaften. Einige Monate vor der Reise notierte er in seinem Tagebuch, sein Geist „wende sich mehr als je den Naturwissenschaften zu“. Als Geheimer Rat des Herzogs war er zudem für die finanziellen Angelegenheiten des Landes mitverantwortlich, und die Wiederaufnahme des Bergbaus in Ilmenau hatte sowohl wirtschaftliche als auch prestigeträchtige Bedeutung. Die Reise nach Tarnowitz war für ihn daher eine Möglichkeit, Wissen zu erwerben, aber auch eine Flucht vor der Routine des Hoflebens.

Kultur trifft Technologie unter Tage

Während seines kurzen, zweitägigen Aufenthalts besichtigte Goethe die Königliche Friedrichsgrube, beobachtete die Dampfmaschine in Aktion und fertigte eine Skizze davon an. Er logierte im örtlichen Gasthof – dem heutigen Goethehof –, der bis heute seinen Charme aus dem 18. Jahrhundert bewahrt hat. Nach seiner Rückkehr nach Weimar wollte er das erworbene Wissen zur Modernisierung der Gruben in Ilmenau nutzen, doch letztlich blieb der erhoffte Erfolg aus.

Die bekannteste Erinnerung an seine Anwesenheit in Tarnowitz ist sein Eintrag im Grubenbuch: „Fern von gebildeten Menschen, am Rande des Reiches…“. Dieser Satz sorgt bis heute für Diskussionen. Die einen sehen darin die Überheblichkeit des Dichters, andere verweisen auf die Sprache der Epoche, in der das kulturelle Zentrum in den großen Städten verortet wurde, während die Provinz mit milder Herablassung betrachtet wurde.

Die bekannteste Erinnerung an seine Anwesenheit in Tarnowitz ist sein Eintrag im Grubenbuch: „Fern von gebildeten Menschen, am Rande des Reiches…“. Dieser Satz sorgt bis heute für Diskussionen. Die einen sehen darin die Überheblichkeit des Dichters, andere verweisen auf die Sprache der Epoche, in der das kulturelle Zentrum in den großen Städten verortet wurde, während die Provinz mit milder Herablassung betrachtet wurde. Unabhängig von Goethes Absicht wurde der Satz zum Ausgangspunkt eines lokalen Streits. Der Bergbeamte de Geselius fühlte sich beleidigt und antwortete mit einem eigenen Gedicht, in dem er Goethe Hochmut vorwarf. Aus heutiger Sicht wirkt diese Reaktion überzogen, zeigt jedoch, wie stark die Emotionen rund um die industriellen Veränderungen und die Rolle der „Bildung“ in der sich modernisierenden Gesellschaft damals waren.

Goethe fand seine Inspiration jedoch nicht nur in der Technik, sondern auch in der Atmosphäre der unterirdischen Welt von Tarnowitz. Angeregt durch den Anblick der arbeitenden Bergleute und die Kraft der Maschinen schrieb er ein Gedicht, in dem er der Vernunft und der Redlichkeit huldigte – Werten, die seiner Ansicht nach den Weg zu den im Erdinneren verborgenen Schätzen ebnen. Diese Worte haben in der Übersetzung von Bolesław Lubosz als literarische Spur seiner Faszination für die Welt des Bergbaus überdauert.

In Tarnowitz begegnete der der Schöpfer des „Faust“ einer der bedeutendsten Technologien der Industriellen Revolution.
Foto: apo

Obwohl Goethes Aufenthalt kurz war, schrieb er sich auf bedeutsame Weise in die Geschichte des industriellen Oberschlesiens ein. Tarnowitz war damals ein Schlüsselzentrum der europäischen technologischen Revolution. Hier entstanden die Königliche Friedrichsgrube und der gleichnamige Entwässerungsstollen – gigantische ingenieurtechnische Unternehmungen ihrer Zeit. Heute können wir ihre Fragmente als den Schwarzfisch-Stollen und das Historische Silberbergwerk besichtigen, die 2017 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurden.

Die Spuren des Besuchs

Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts zeigt Goethes Besuch in Tarnowitz eine faszinierende Gegenüberstellung von Kultur und Technik. Der Dichter, den man mit zarter Lyrik und romantischer Sensibilität verbindet, entpuppte sich zugleich als aufmerksamer Beobachter technologischer Veränderungen. Seine Reise nach Oberschlesien war ein Zeugnis für eine Epoche, in der Literatur und Wissenschaft keine getrennten Welten darstellten. Im Gegenteil, sie durchdrangen einander, inspirierten sich und trieben gemeinsam den Fortschritt voran.

Der heutige Goethehof, an der Tarnowitzer Straße gelegen, ist zum Symbol dieser außergewöhnlichen Geschichte geworden. Der bescheidene Gasthof, in dem der Dichter einige Stunden verbrachte, ist ein stummer Zeuge jenes Moments, in dem der Schöpfer des „Faust“ einer der bedeutendsten Technologien der Industriellen Revolution begegnete. Und Tarnowitz, der Ort eines technologischen Durchbruchs, wurde für einen Augenblick zum Zentrum seiner Welt.

Goethe kam hierher, um Wissen zu erwerben. Paradoxerweise war es also gerade in dieser „Randlage des Reiches“, wie er es formulierte, dass er einen Blick in die Zukunft Europas warf. Und obwohl seit seinem Besuch mehr als zweihundert Jahre vergangen sind, hat man bis heute das Gefühl, dass der Geist jener Begegnung von Kultur und Industrie noch immer über den unterirdischen Gängen von Tarnowitz schwebt.

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