Schlesierinnen aus dem Schatten holen

10 Januar 2026 Geschichte

Buchtipp

Es ist ein Buch, das nicht nur durch die Farbe seines Umschlags auffällt, sondern vor allem durch den Anspruch, eine Lücke in der schlesischen Geschichtsschreibung zu schließen. Das im Verlag Editio Silesia in Lubowitz erschienene Werk „Frauen in der Geschichte Schlesiens“ (Kobiece Autorytety w Kulturze Śląska) widmet sich auf über 400 Seiten jenen Persönlichkeiten, die in der Historie oft nur die zweite Geige spielten: den Frauen.

Herausgegeben von Prof. Dr. hab. Joanna Rostropowicz und Dr. Manfred Kutyma, bietet der Band weit mehr als trockene Biografien – er ist eine Hommage an den weiblichen Geist Oberschlesiens.

Hinter dem Projekt stehen zwei ausgewiesene Kenner der schlesischen Materie. Prof. Dr. hab. Joanna Rostropowicz, geboren 1943 in Deschowitz, ist als Professorin der Altertumswissenschaften an der Universität Oppeln und Herausgeberin der Reihe „Schlesier von den frühesten Zeiten bis zur Gegenwart“ eine Institution in der Region. Ihr zur Seite steht Dr. Manfred Kutyma. Der 1941 in Neu Schalkowitz geborene Historiker arbeitete von 1965 bis 1980 im Schlesischen Institut sowie an der Pädagogischen Hochschule in Oppeln. Seit über vierzig Jahren lebt er in Frankfurt am Main, wo er unter anderem für die Fraport AG tätig war und zahlreiche Bücher zur Geschichte und Kultur Schlesiens verfasste.

Foto: Mauro Oliveira

„Dr. Kutyma hat mich überzeugt, man könnte mal über die schlesischen Frauen schreiben – aber breit, nicht so kurz, wie es in einem Lexikon üblich ist“, erklärt Prof. Rostropowicz die Genese des Werkes.

Aus der Dunkelheit ans Licht

Das Buch bricht bewusst mit der traditionellen „His-Story“, der Geschichte der Männer. In seinem Vorwort findet Dr. Kutyma deutliche Worte für dieses Ungleichgewicht: „Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit“, zitiert er einen Appell der Breslauerin Lina Bauer-Morgenstern aus dem Jahr 1896. Kutyma schreibt in der Einleitung weiter: „Es ist an der Zeit, die Biografien bedeutender Frauen aus dem ‚Schattenreich des Vergessens‘ zu holen und ihre Leistungen für die schlesische Kultur und Gesellschaft ins rechte Licht zu rücken.“

Professorin Joanna Rostropowicz, Vorsitzende der Stiftung für Wissenschaft und Kultur in Schlesien
Foto: Manuela Leibig

 

Genau das leistet der Band. Anstatt kurzer Abrisse erhält jede der vorgestellten Persönlichkeiten eine ausführliche Würdigung von fünf bis zehn Seiten, was es dem Leser erlaubt, tief in die Lebenswelten einzutauchen.

Von Astronominnen und Märchentanten

Prof. Rostropowicz selbst hat sich unter anderem der Astronomin Maria Cunitz gewidmet. „Ich muss sagen, ich habe sehr schwer gearbeitet, weil ihr Werk zweisprachig geschrieben ist: Latein und Deutsch. Da muss man sich etwas mehr anstrengen“, berichtet die Professorin über die Recherchearbeit an der „Schlesischen Pallas“, die im 17. Jahrhundert bahnbrechende astronomische Tabellen veröffentlichte.

Foto: Manuela Leibig

Ein weiteres Herzstück des Buches ist die Darstellung der Schriftstellerin Valeska von Bethusy-Huc. „Das ist meine geliebte Autorin, sie hat so wunderschön über Schlesien geschrieben. Sie selbst hat immer betont: ‚Ich bin Schlesierin.‘“ Auch Elisabeth Grabowski, bekannt als die schlesische „Märchentante“, die sich unermüdlich für die Volkskultur einsetzte, findet ihren Platz in der Sammlung.

Wissenschaft für jedermann

Trotz des akademischen Hintergrunds der Herausgeber und Autoren – zu denen u. a. Bischof Prof. Dr. Jan Kopiec mit einem Essay über Edith Stein gehört – ist das Buch keine schwer verdauliche Kost, was Prof. Rostropowicz ein persönliches Anliegen war. Es richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie weiblich die schlesische Geschichte tatsächlich ist. Ob es um die heilige Hedwig, Nobelpreisträgerinnen oder Vorkämpferinnen der Frauenrechte geht – die Texte sind fundiert, aber zugänglich.

Das vor kurzem erschienene Buch ist ab sofort über das Eichendorff-Zentrum in Lubowitz erhältlich.

 

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