Vergessenes Erbe

27 April 2025 Radio

Pfarrkirche St. Josef in Zabrze-Hindenburg – Ein sakralmodernistisches Meisterwerk von Dominikus Böhm

Entdecke die Geschichte, Symbolik und Bedeutung der modernistischen Kirche St. Josef in Zabrze – das einzige Werk von Dominikus Böhm in Polen.

Sakraler Modernismus nach dem Ersten Weltkrieg – Die neue Ästhetik des Glaubens

St. Josef ist die einzige von Böhms modernistischen Kirchen im heutigen Polen und ein außergewöhnliches Beispiel sakraler Architektur.
Foto: PetrusSilesius

An der Zabrzer Roosveltstraße befindet sich mit der Pfarrkirche St. Josef ein besonderes Beispiel sakralmondernistischer Architektur.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte in der Architektur weltweit die Epoche des Modernismus ein. Dies war einerseits die Folge, dass neue Materialien wie Stahlbeton gänzlich neue künstlerische Möglichkeiten schuffen. Zum anderen forderten nun Architekten, dass die Funktion eines Gebäudes dessen Form diktieren sollte. Schlichte Sachlichkeit wurde in den Vordergrund gestellt, oder um es mit Mies van der Rohe zu sagen: “weniger ist mehr”.

Dominikus Böhm – Visionär moderner Kirchenarchitektur

Ein interessanter Vertreter dieser Architekturströmung war der 1880 im bayerischen Jettingen geborene Dominikus Böhm. Er verband in seinen Projekten die Ideen des neuen Architekturstils und bereicherte sie mit religiösen Komponenten der katholischen Liturgiebewegung. Diese sah vor, die Gemeinde aktiver in die Heilige Messe einzubeziehen. Für Böhm musste die Umsetzung dieser Ideen mit einer neuen Form von Kirchenbauten einhergehen. Sein erster Sakralbau war die 1919 erbaute Notkirche St. Josef in Offenbach am Main. Es folgten weitere Kirchen, vor allem im Rheinland, die seinen Ruf festigten. Zu erwähnen sind hier u.a. die Christkönigkirche in Bischoffsheim (1925). Diese besuchte 1928 sogar Nuntius Eugenio Pacelli (der spätere Papst Pius XII.), um sich selbst ein Bild der ersten aus Rohbeton gebauten Kirche zu machen. Gerade weil Böhms Architektur neue Wege ging, war sie insbesondere in konservativeren Kreisen der katholischen Kirche umstritten.

Einladung nach Hindenburg – Wie Böhm das Stadtbild mitprägte

Die Kirche wirkt wie Außen nicht durch Dekor sondern durch die Form des Gebäudes und das einfallende Licht.
Foto: MichalPL

1928 wurde Böhm vom Hindenburger Stadtbaurat Moritz Wolf eingeladen, bei der Gestaltung der Innenstadt zu helfen. Die junge Stadt war im Prozess von einer Ansiedlung von Industriebetrieben und teils dörflichen Arbeitersiedlungen zu einer richtigen Stadt zu werden. Böhm trug hierbei u.a. mit stadtprägenden Bauten wie der Sparkasse und Provinzialbank sowie der Berufsschule bei. So überrascht es nicht, dass sich der Hindenburger Pfarrer Johannes Zwior (nach 1945 Jan Zwior) mit seinem Plan eines Kirchenneubaus an Böhm wandte.

Architektur mit spiritueller Symbolkraft – Das Äußere der St.-Josef-Kirche

Die Pfarrkirche St. Josef ist ein expressionistischer Bau mit Backsteinfassade. Von der Vorderseite dominiert der Eingang mit zwei Torbögen und zwölf Rundbögen vor einem Rosenfenster. Schon hier arbeitet Böhm mit einer breiten Symbolik. Gezielt nutzte er Backsteine in unterschiedlichen Rottönen, um die Vielfalt der Gläubigen, die gemeinsam ihre Kirche tragen, darzustellen. Die Anzahl der Rundbögen deutet auf die zwölf Apostel hin. Die Rundbögen erinnern zudem an römische Aquädukte, die aus einer Quelle gespeist werden – genauso wie der Glaube. Gleichzeitig bietet sich die Interpretation als Himmelspforte an. Der Kirchturm an der Ostseite ergänzt in einer Nebenrolle das Äußere des Gotteshauses.

Licht und Form – Das eindrucksvolle Innere der Kirche

Bunte Glasfenster in der Kirche
Foto: PetrusSilesius

Das Innere ist 67,5 Meter lang, 26 Meter breit. Die Kirche wirkt wie Außen nicht durch Dekor sondern durch die Form des Gebäudes und das einfallende Licht. So leitet die Architektur den Blick auf den um 2 Meter höher liegenden Altar, der über 12 Treppenstufen zu erreichen ist. Um die Bedeutung des Altars zu unterstreichen, sind die Fenster so lokalisiert, dass genau hier das meiste Licht in das Kircheninnere fällt. Dieses findet seinen Weg durch 40 Fenster. Die Glasmalereien stellen u.a. Szenen aus der Bibel und die Eucharistie dar.

Ein interessanter Vertreter dieser Architekturströmung war der 1880 im bayerischen Jettingen geborene Dominikus Böhm. Er verband in seinen Projekten die Ideen des neuen Architekturstils und bereicherte sie mit religiösen Komponenten der katholischen Liturgiebewegung.

Die Anzahl der Fenster wurde ebenfalls bewusst gewählt und soll an die 40-jährige Wüstenwanderung der Israeliten nach Kanaan erinnern. Die erste Ausgabe des “Oberschlesischen Wanderers” von 1932 beschrieb die Wirkung des Lichtes wie folgt: ”Die sakrale Stimmung des Kirchenraumes wird durch die Anordnung der Fenster noch erhöht: im Schiff ruhiges hohes Seitenlicht, das von Westen durch die hohen langen Fenster stärker hereinfällt, wie von Osten, wodurch die Plastik des Inneren sehr er­höht wird. Im Chor dagegen mystisches Halbdunkel mit dem flammenden Lichtschein des Reflexlichtes der tiefer liegenden Fenster der Krypta.”

Die Krypta und ihre Bedeutung für die Bergbaugeschichte

Die Krypta war als Bergmannskapelle geplant. Diese wurde mit Öllampen beleuchtet, die von Bergmannslampen aus dem späten 18. Jahrhundert inspiriert waren. 1935 kam ein Altar aus Steinkohle als Spende der Arbeiter der Kohlegruben Guido und Delbrück hinzu. Eine wichtige Ergänzung war die 1940 eingebaute Orgel des bekannten Jägerndorfer (heute Krnov) Orgelbauer Rieger.

Reaktionen zur Bauzeit – Zwischen Bewunderung und Skepsis

Die Kirche wurde 1932 vom Breslauer Erzbischof Kardinal Adolf Bertram eingeweiht.
Foto: August Kazimierz

Die Kirche wurde 1932 vom Breslauer Erzbischof Kardinal Adolf Bertram eingeweiht. Dieser war nicht nur von der Architektur wenig begeistert, sondern von den höher als geplant ausgefallenen Baukosten. Positiv äußerte sich dagegen der schon zitierte “Oberschlesische Wanderer“, der über St. Josef folgendes schrieb: “Die Stadt Hindenburg besitzt eine der bedeutendsten modernen Kirchen Deutschlands, ein Kunst­werk, um das sie manche deutsche Stadt beneiden kann. Das Ver­dienst ist umso größer, als Hin­denburg sonst sehr arm an Kunst­schätzen ist”. Zu den Skeptikern des Architekturstils von Dominikus Böhm gehörten auch die polnischen Vertriebenen, die nach 1945 in die Stadt kamen. Diese weigerten sich zum Teil in der Kirche zu beten. Zu groß war der Kontrast zu den barocken Gotteshäusern ihrer alten Heimat.

Die Kirche St. Josef im Wandel der Zeit – Erhalt, Sanierung und neue Aufmerksamkeit

St. Josef ist die einzige von Böhms modernistischen Kirchen im heutigen Polen und ein außergewöhnliches Beispiel sakraler Architektur. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet und wurde in den letzten Jahren saniert. Aktuell profitiert sie von europäischen Fördergeldern zur Verbesserung der Energieeffizienz.

Ein modernes Wahrzeichen im Schatten des Stadions – St. Josef heute

Durch ihre Lage konkurriert St. Josef architektonisch heute mit einem anderen“Kultobjekt” um Aufmerksamkeit der Passanten. Den in direkter Nachbarschaft entstand 1934 ein Stadion, welches seit 1948 den Fußballklub Górnik Zabrze beheimatet. Ob die Fans des polnischen Vizerekordmeisters vor Ligaspielen in St. Josef um höheren Beistand bitten, entzieht sich dem Wissen des Autors. Überraschend wäre es jedoch nicht.

Martin Wycisk

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